Brüder am Gang

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Der hintere Korridor hatte an diesem Abend bereits mehr Geständnisse gehört als in allen Jahren davor.
Trotzdem blieb er da: grau, kalt, verschwiegen. Die Heizungsrohre knackten. Hinter den Wänden arbeitete die alte Kühlung, als atme die Halle durch Metall. Von vorne kamen Applaus, Musik und das helle Drängen eines Programms, das keine Rücksicht darauf nahm, ob seine Teilnehmer gerade noch Menschen waren oder schon Symbole.
Luc Moreau bog zuerst um die Ecke.
Er hatte die Eleganz nicht verloren, aber er hatte sie abgelegt wie ein Jackett, das für die Kamera genügt hatte und nun störte. Sein französischer Mannschaftsanzug saß tadellos, die Krawatte war korrekt, das Haar etwas zu locker zurückgestrichen. Er wirkte selbst hier, zwischen Putzmitteldunst und Kabelkanälen, wie jemand, der in einem schlechten Raum eine gute Haltung für eine Frage des Patriotismus hielt.
Er blieb vor der Tür mit der Aufschrift NUR PERSONAL stehen.
Nicht wegen der Tür.
Wegen der Schritte hinter ihm.
Cemil Arslan kam aus der anderen Richtung. Dunkelgrüner osmanischer Mannschaftsanzug mit dem obligatorischen weißen Halbmond über dem Herzen, ruhiges Gesicht, Hände leer, Blick wach. Er ging nicht schnell, aber jeder seiner Schritte hatte Entscheidung. Wo Luc noch eine Spur theatralische Heiterkeit mit sich trug, brachte Cemil eine Stille mit, die den Gang sofort physiokratischer machte. Sie sahen einander an.
„Du bist spät“, sagte Luc.
Cemil hob eine Braue. „Ich wusste nicht, dass wir eine Uhrzeit hatten.“
„Wir hatten einen Blick.“
„Blicke sind in dieser Halle unzuverlässig.“
Luc lächelte dünn. „Dann hast du meinen also richtig verstanden?“
Cemil trat neben ihn an die Wand, nicht zu nah. Die Männer stellten sich nicht einander gegenüber, sondern nebeneinander, wie zwei Männer, die denselben Ausgang beobachteten und nicht darüber sprechen wollten, wer zuerst flirten würde.
Einen Moment sagten sie nichts.
Von vorne knackte der Lautsprecher. Eine Stimme kündigte die technische Vorbereitung des Eises an. Dann brandete höflicher Applaus auf, fern und unbeteiligt.
Luc sah zur Decke. „Er war bei dir?“
Cemil antwortete nicht sofort. „Franklin?“
„Unser gemeinsamer Wohltäter. Unser Vater. Unser heutiger Stifter in höchster seelischer Not. Such dir den schlimmsten Titel aus.“
„Ja“, sagte Cemil. „Er war bei mir.“
Luc atmete aus. „Natürlich.“
„Bei dir auch?“
„Mit einer Dringlichkeit, die fast rührend gewesen wäre, wenn sie von einem anderen Mann gekommen wäre.“
Cemil sah ihn nun an. „Was wollte er?“
Luc wandte das Gesicht zur grauen Wand. „Dass ich gewinne. Um jeden Preis.“
„Genau diese Worte?“
„Fast. Er sagte: ‚Heute darfst du nicht elegant verlieren, Luc. Heute musst du gewinnen für deine Zukunft, für Frankreich, für deine Mutter und für alles, was ich dir nicht geben konnte.‘“ Luc lachte leise, ohne jedes Vergnügen. „Als hätte er je begriffen, was er nicht gegeben hat.“
Cemil schwieg.
Luc sah ihn von der Seite an. „Und bei dir?“
„Er sagte, ich müsse zeigen, dass niemand mich aus Mitleid eingeladen habe.“
Lucs Blick wurde härter.
Cemil fuhr ruhig fort. „Dann sagte er, das Osmanische Team könne heute beweisen, dass Herkunft keine Schwäche sei, dass meine Mutter stolz wäre, dass er immer gewusst habe, ich hätte Disziplin.“
„Disziplin“, wiederholte Luc. „Das ist ein hübsches Wort für Vernachlässigung, wenn man es teuer genug ausspricht.“
Cemil verschränkte die Hände hinter dem Rücken. „Er hatte Tränen in den Augen.“
„Bei mir auch.“
„Das hat mich mehr erschreckt als alles andere.“
Luc nickte. „Ja.“
Wieder schwiegen sie.
Sie hatten wenig Übung im gemeinsamen Schweigen. Ihre Verwandtschaft war keine Familie gewesen, sondern eine Fußnote in verschiedenen Leben. Luc war der Sohn einer Ehe gewesen: Walter Franklin und Claire de Montferrand, eine französische Landadelige aus der Nähe von Bordeaux, deren Namen in alten Weinkellern und noch älteren Kapellen besser klang als in us-amerikanischen Zeitungen. Cemil war der Sohn von Nadira, Claires damaliger Zofe, aus einer libanesischen Familie, deren Geschichte mehr Sprachen, Grenzen und Demütigungen kannte, als Franklin je hatte bezahlen müssen.
Das hätte sie zu Feinden machen können.
Hätte.
Stattdessen hatten ihre Mütter die bessere Entscheidung getroffen.
Claire de Montferrand wurde zuerst von Franklin verlassen. Nadira war bei ihr geblieben. Und beide hatten – Ironie der Geschichte – am selben Tag geboren, Kinder desselben Vaters. Beide Frauen hatten als zwei Erwachsene ihr Leben von seiner Abwesenheit ordnen lassen.
Luc hatte es lange nicht verstanden.
Cemil hatte es früher verstanden und länger geschwiegen.
„Meine Mutter fragte einmal“, sagte Luc, „ob ich dich hasse.“
Cemil sah nicht zu ihm. „Und?“
„Ich sagte, ich hätte keine Zeit. Hockey, Studium, französische Verwandtschaft mit zu viel Meinung.“
„Praktisch.“
„Ich war sechzehn. Praktisch war mein bestes Gefühl.“
Cemils Mundwinkel bewegte sich kaum. „Meine Mutter fragte nicht.“
„Weil sie klüger ist?“
„Weil sie die Antwort kannte.“
Luc drehte den Kopf zu ihm. „Und?“
Cemil sah ihn nun an. Ruhig. Direkt. „Ich habe dich nie gehasst. Es wäre zu bequem gewesen.“
Luc nahm das hin, wie sauren Wein aus der Picardie.
„Ich dich auch nicht“, sagte er schließlich. „Manchmal war ich neidisch.“
Cemils Blick wurde skeptisch. „Auf mich?“
„Du hattest wenigstens keine Tanten, die bei jedem Abendessen erklärten, ein unehelicher Halbbruder sei zwar bedauerlich, aber in der Geschichte der Familienpolitik nichts Ungewöhnliches.“
„Dafür hatte ich Onkel in Tyr, die mir erklärten, Eishockey sei ein Mädchensport.“
Luc verzog das Gesicht. „Dann sind wir beide schlecht beraten worden.“
„Das wussten wir schon.“
Aus der Haupthalle kam ein kurzer Jubel. Vermutlich hatte jemand den Pokal noch einmal erwähnt. Der Gang antwortete mit dem tropfenden Geräusch eines undichten Rohres.
„Er braucht etwas“, sagte Cemil.
Luc sah ihn an.
„Franklin?“, sagte Cemil. „So spricht er nicht, wenn es nur um Stolz geht.“
„Nein. So hat er noch nie gesprochen.“
„Du weißt etwas?“
Luc zögerte.
Nicht aus Misstrauen. Aus Gewohnheit.
Dann sagte er: „Es könnte sein, dass er todkrank ist. Oft wollen Todgeweihte ihren Frieden machen. Aber dann verstehe ich nicht, warum er uns beide zum Sieg anstachelt, denn das Eine muss ihm doch klar sein: Es kann nur einer von uns beiden gewinnen.“
„Aber er hat niemandem gesagt, dass er auch mit dem anderen gesprochen hat. Vielleicht hofft er, dass wir nicht miteinander reden.“
„Ich weiß außerdem, dass er seine Verzweiflung heute schlecht versteckt. Bei mir hat er versucht, väterlich zu sein.“
„Bei mir auch.“
„Das kann er nicht. Es war peinlich.“
Cemil nickte. „Und traurig.“
Luc sah ihn scharf an. „Du hast Mitleid mit ihm?“
„Nein.“ Cemils Stimme blieb ruhig. „Ich weigere mich nur, meine Abscheu mit Blindheit zu verwechseln.“
Luc schwieg, und diesmal war es kein Ausweichen. Cemil hatte etwas an sich, das Gespräche ernüchterte. Luc fand das manchmal anstrengend. Wahrscheinlich sogar, weil es ihm gefiel.
„Er hat uns getrennt bestürmt“, sagte Cemil. „Dich für Frankreich. Mich für das Osmanische Reich.“
„Er glaubt, Blut sei stärker als Verachtung.“
„Das wäre ein gefährlicherer Irrtum.“
Luc stieß sich von der Wand ab und ging zwei Schritte durch den Korridor. Er brauchte Bewegung, bevor seine Stimme zu viel verriet.
„Er sagte: ‚Wenn du heute gewinnst, Luc, wird manches leichter.‘ Ich fragte ihn, für wen. Er antwortete nicht. Dann sagte er, meine Mutter habe immer an Disziplin geglaubt. Meine Mutter, Cemil. Claire de Montferrand, die einmal einen französischen Staatspräsidenten wegen schlechter Grammatik in einem Kondolenzbrief korrigiert hat. Als ob sie ihn bräuchte, um mir Disziplin zu erklären.“
Cemils Ausdruck wurde weicher. „Nadira sagt, deine Mutter korrigiert immer noch Speisekarten.“
„Nur schlechte.“
„Alle, sagt Nadira.“
„Dann essen die beiden in den falschen Häusern.“
Für einen Augenblick war da beinahe Lachen, echt genug, um den Korridor für zwei Sekunden weniger feindlich wirken zu lassen.
Dann wurde Luc wieder ernst.
„Hat er dich gebeten, unfair zu spielen?“
„Nein.“
„Mich auch nicht.“
„Aber er sagte: um jeden Preis.“
„Ja.“
„Das kann vieles heißen.“
„Bei Franklin heißt es immer: Den Preis zahlt jemand anderes.“
Cemil sah in Richtung Haupthalle. „Ich werde nicht für ihn gewinnen.“
„Ich auch nicht.“
„Aber du willst gewinnen.“
Luc lächelte kurz. „Natürlich will ich gewinnen. Ich bin Franzose, Kapitän und unerträglich gut.“
„Bescheidenheit hätte dich geschwächt.“
„Ich habe sie aus Trainingsgründen abgelegt.“
Cemil nahm das ernst genug, um nicht zu lachen. „Ich will auch gewinnen.“
„Für ihn?“
„Für meine Mannschaft.“
„Gut.“
„Für meine Mutter.“
Luc nickte.
„Für mich und den Sultan“, fügte Cemil hinzu.
„Noch besser.“
Wieder standen sie nebeneinander. Zwei Söhne desselben Mannes, die einander nicht nahe genug waren, um Trost zu spenden, aber zu ehrlich, um die Gefahr zu übersehen.
Luc senkte die Stimme. „Was tun wir, wenn er versucht, das Spiel zu benutzen?“
„Wir spielen salzig.“
„Das klingt wie ein Bergwerk.“
„Es ist genau deshalb nichtig.“
„Und wenn er uns gegeneinander benutzen will?“
Cemil sah ihn an. „Dann lassen wir ihn scheitern.“
Luc hielt seinem Blick stand. „Das ist leichter gesagt, wenn man nicht gerade auf dem Eis gegeneinandersteht.“
„Gerade dort ist es am einfachsten. Regeln sind sichtbar.“
„Du spielst gegen die Briten, ich gegen die Japaner, zumindest in der ersten Runde treffen wir uns draußen nicht.“
„Dann halten wir uns an die Feinde, die wir selbst nicht mögen.“
Luc atmete langsam ein.
Vorne wurde nun lauter applaudiert. Ein Sponsor, der genug gezahlt hatte, um ein Mikrophon zu bekommen, hüstelte und sang eine schreckliche Improvisation auf ‚Ice, Ice Baby‘.
Cemil löste die Hände hinter dem Rücken.
„Wir sollten zurück.“
Luc nickte, blieb aber stehen. „Cemil.“
„Ja?“
„Hat Nadira meiner Mutter verziehen, dass auch während ihrer Affäre immer als Zofe weiterarbeiten musste?“
Cemil schwieg lange genug, dass Luc bereute, gefragt zu haben.
Dann sagte er: „Meine Mutter sagt, Claire habe ihr nichts getan, was Verzeihung bräuchte. Franklin war der Feigling.“
Luc sah auf den Boden. „Das klingt nach ihr.“
„Nach welcher?“
„Nach beiden.“
Cemil lächelte diesmal wirklich, klein und warm. „Ja.“
Ein Lautsprecher knackte. Eleanor Price’ Stimme forderte die Kapitäne auf, sich zur Eisfläche zu begeben.
Luc richtete seine Manschette. Die elegante Maske kam zurück, aber nicht vollständig. 
Sie gingen zusammen Richtung Haupthalle, nicht Schulter an Schulter, aber auch nicht mehr zufällig getrennt. Vorne warteten Licht und ein Spiel, das viel zu viele Männer für ihre eigenen Rechnungen benutzen wollten.

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