Die Tür war wieder geschlossen.
Die Mappen lagen noch auf dem Tisch wie ein Nachhall aus Papier: Schulden, Asbest, Scheinvermögen; Zahlen, die nicht nur Buchhaltung waren, sondern zerstörte Versprechen. Fox stand einen Moment reglos davor, als prüfe er, welche seiner Theorien gerade gestorben waren und welche nur neue Beweise brauchten.
Dann öffnete er die Tür.
Ilya Rozanow trat ein.
Er bewegte sich wie immer ohne sichtbare Eile, aber nicht mit der Ruhe eines entspannten Mannes. Eher mit der eines Menschen, der Kontrolle wie einen Mantel trug: nicht, weil er warm war, sondern weil er ohne sie nackt gewesen wäre.
Fox deutete auf den Stuhl.
„Kapitän Rozanow.“
Ilya setzte sich.
Anders als Shane keine Ungeduld, anders als Cemil Arslan keine geschlossene Härte, anders als Luc Moreau kein dekorativer Stil. Ilya setzte sich einfach, als sei auch dieses Verhör nur eine weitere Prüfung von Haltung.
Fox blieb stehen.
„Während Sie draußen gewartet haben, wurde unser Abend noch hässlicher.“
„Das überrascht mich nicht.“
„Franklin war bankrott. Das Stipendiengeld existierte nicht. Die Spendengelder des Abends waren schon in alten Schulden verschwunden.“
Ilya reagierte kaum.
„Dann ist er nicht nur als Mensch gescheitert“, sagte er, „sondern auch als Sponsor.“
Fox notierte sich den Satz, ohne den Stift zu benutzen.
„Sie klingen nicht betroffen.“
„Sollte ich?“
„Ein Mann ist vor Ihnen gestorben. Und das Stipendiengeld, immerhin zwanzig Millionen, gibt es nicht. Für Ihre Mannschaft sollte allein der erste Preis sechzehn Millionen in Stiftungssicherheiten bedeuten. Oder wie man bei Ihnen sagen würde: fast zwei Billiarden Rubel, je nach Kurs und Propagandabedarf.“ Fox neigte den Kopf. „Tut es Ihnen nicht leid für die russischen Nachwuchsspieler?“
„Sowjetischen“, sagte Ilya.
„Natürlich.“
Dann ging Fox an den Tisch. Er stützte sich nicht darauf, blieb nur nah genug, dass der Abstand unangenehm wurde. Dieser würde schwerer zu knacken sein als Shane. Shane hatte zu viel Gefühl unter der Disziplin. Ilya hatte Disziplin dort, wo andere Menschen erst einmal Gefühl vermuteten.
„Sie waren im Korridor.“
„Ja.“
„Sie haben etwas gehört.“
„Ja.“
„Und anders als Hollander erzählen Sie mir jetzt nicht wieder nur, dass es angespannt klang.“
Ilya frittierte seinen Blick mit seiner Ausatemluft, während er auflachte.
„Nein.“
Fox wartete.
Ilya ließ sich einen Atemzug Zeit, um zu entscheiden, welche Wahrheit gefährlicher war.
„Ich hörte, dass Franklin und der Arzt miteinander sprachen. Der Arzt sprach von einem Jungen, von Bildern, von Gerüchten, von etwas, das man andeuten könne, ohne es beweisen zu müssen.“
Fox insistierte: „Ein britischer Junge?“
„Ich weiß es nicht.“
„Hollander?“
„Nein!“
„Ich dachte, Sie wissen es nicht.“
Ilyas Blick blieb hart. „Er sagte den Namen nicht. Aber Hollander ist hier zumindest in Illinois berühmt. Seinen Namen hätte er sicher gesagt.“
„Sie sind nicht aus Illinois. Inzwischen scheint es mir logischer, dass der Turnierarzt Franklin entweder mit Bildern seines Sohnes oder seines Bastards erpressen wollte: Wie sähe das denn aus, wenn der Vater dem Sohn die Stipendiengelder aus den Spenden der anderen übergibt, egal ob Arslan oder Moreau.“
Für den Bruchteil einer Sekunde veränderte sich Ilyas Ausdruck: Ärger über sich selbst, nicht über Fox.
„Dann wo immer dieses Dorf glaubt, bedeutend zu sein.“
Fox ging langsam einen Schritt um den Tisch herum. „Warum sind Sie hier?“
„Weil ich Russe bin und Ihnen mein Name mehr auffällt als der Imperialist Takamura, und weil Leute wie sie in Ländern wie diesem schneller Schuld bauen als Logik.“
Fox beobachtete ihn sehr genau.
„Nur deshalb?“
Ilya sagte nichts.
Fox versuchte es von der anderen Seite.
„Ihr Großvater.“
Jetzt war die Veränderung da. Ein feiner Zug im Gesicht, wie ein Schatten, der zu schnell durchs Bild ging.
„Was ist mit ihm?“
„Offiziell olympischer Trainer. Inoffiziell näher an sowjetischen Strukturen, als Sport allein erklären würde.“
Ilya sah ihn an, und diesmal war die Ruhe nicht mehr ganz perfekt.
„Mein Großvater war Eishockeytrainer der russischen Nationalmannschaft. Und er war Offizier bei der Roten Armee.“
„KGB.“
„Das ist eine Unterstellung.“ Ilyas Stimme blieb leise, aber darin lag zum ersten Mal etwas Scharfes. „Ich kannte ihn. Er hat mich aufs Eis gebracht. Gegen den Willen meiner Eltern. Er hat gesagt, ich hätte das Talent, das meinem Vater gefehlt habe.“
„Wir wissen, dass er für den KGB gearbeitet hat“, sagte Fox. „Wussten Sie, dass Franklin in denselben alten Vermerken auftaucht?“
Jetzt kam ehrliche Überraschung.
„Nein.“
Fox registrierte sie. Im Moment hielt er sie für glaubwürdig.
„Gar nicht?“
„Ich wusste, wer mein Großvater war. Nicht, mit wem er alles zu tun hatte.“
„Und was wussten Sie?“
Ilya antwortete diesmal ohne Schutzbewegung.
„Dass er offiziell Trainer war. Dass er inoffiziell mit Leuten arbeitete, die Sport nie um des Sports willen ernst nahmen, sondern um das Ansehen der Sowjetunion im Ausland zu steigern. Und ich weiß, dass mein Vater gerade deshalb zur Polizei ging.“
Fox hob leicht die Brauen.
„Zur Polizei.“
„In Omsk.“
„Um sich abzugrenzen? Vom Sport oder von der Roten Armee oder vom KGB?“
„Um nicht derselbe Mann wie Opa zu werden.“
Draußen ging jemand am Clubraum vorbei. Schritte, dann gedämpfte Stimmen, dann wieder Stille. Die Halle wartete noch immer auf vollständige Antworten, aber sie bekam zuerst nur bessere Fragen.
Fox ging wieder zur Stirnseite des Tisches.
„Haben Sie gedacht, Hollander hätte Franklin getötet? Weil Franklin ein getürmter Russe war, der hier Zuflucht gefunden hat. Jemand, der seine Heimat verraten hat, um in Luxus zu leben. Jemand, der nicht so ist wie Sie?“
Ilya sah einmal überrascht aus.
„Warum sollte Hollander sich für die Sowjetunion interessieren? Oder Japan oder Frankreich. Er denkt nicht weiter als bis zur mexikanischen Grenze.“
Fox ließ den Satz wirken. „Erstaunlich, was Sie über Ihren Konkurrenten wissen.“
Ilya antwortete nicht.
„Haben Sie Franklin vor dem Zusammenbruch berührt?“
„Ja. Beim Pokal.“
„Vorher?“
„Nein.“
„Den Arzt?“
„Nein. Ich brauche keinen us-amerikanischen Arzt. Ich habe einen sowjetischen Arzt.“
„Hollander außerhalb des Spiels?“
Ilya antwortete zu schnell.
„Nein. Warum sollte ich die Konkurrenz berühren?“
Fox blieb ganz ruhig.
„Sie lügen besser, wenn Sie sich mehr Zeit lassen.“
Ilyas Gesicht wurde noch glatter.
„Haben Sie Franklin getötet?“, fragte Fox.
„Nein.“
„Haben Sie es gewollt?“
Diesmal kam die Pause. Ilya sah auf die Mappen auf dem Tisch.
„Ich wollte, dass er aufhört, Menschen zu benutzen, die nicht verstanden, worin sie hineingezogen werden. Und wenn er jemand war, der andere erpressen wollte, dann war es vielleicht besser, dass er stirbt.“
Fox quirlte den Blick mit Luft und Atmosphäre.
„Das ist keine klare Antwort.“
„Ich habe ihn nicht getötet.“
Fox glaubte ihm auch das im Moment. Gerade wollte er die nächste Frage stellen, da öffnete sich die Tür.
Dana trat ein.
Sie hatte ihre Mappe wieder bei sich. Ihr Haar lag etwas anders, als hätte sie sich im Gehen mehrmals hindurch gestrichen, ohne es zu merken. Ihre Spannung war präziser geworden. Das hieß bei Dana fast immer: bessere Daten.
Sie sah kurz von Fox zu Ilya.
„Ich störe ungern.“
„Das tust du nur, wenn ich kurz davor bin, etwas Falsches zu glauben.“
Dana ignorierte den Versuch von Charme.
„Die Proben sind vorläufig ausgewertet.“
Ilya wurde mit einem Mal ganz still, zwar nicht sichtbar nervös, aber vollständig aufmerksam.
Fox richtete sich auf.
„Kapitän Rozanow, warten Sie draußen. Halten Sie sich von den anderen fern, bis wir sie wieder zusammenholen.“
Ilya stand auf. Sein Blick ging einen Moment zu Danas Mappe, dann zu Fox. Er sagte nichts. Das war vermutlich klüger als alles, was er hätte sagen können.
Er verließ den Raum und schloss die Tür hinter sich.
Dana legte einen Zettel auf den Tisch.
„Keiner der vier Kapitäne zeigt irgendeine Kontamination mit einem relevanten Giftstoff. Weder auf der Haut noch in den raschen Speichel-, Blut- und Spermatests. Kein Hinweis auf Kontaktgift bei Moreau, Arslan, Hollander oder Rozanow. Und die Halbbrüdersache stimmt, das habe ich aus dem Genomvergleich aller vier im Schnelltest mit hoher Wahrscheinlichkeit feststellen können.“
Fox sah auf den Zettel. „Das heißt nicht, dass Franklin nicht vergiftet wurde.“
„Nein. Nur, dass unsere vier Kapitäne nicht die Träger einer offensichtlichen Kontamination waren.“
Fox nickte langsam.
Das verschob die Architektur des Falles sofort. Vier junge Männer blieben interessant, aber anders: Weniger als Hände, mehr als Füße.
Dana setzte sich nicht. „Wenn ein Gift im Spiel war, dann muss es anders gelaufen sein. Oder wir schauen doch auf etwas Natürliches. Im Moment entlastet es jedenfalls diese vier auf eine bestimmte Weise.“
„Gut“, sagte Fox. „Dann wissen wir jetzt immerhin, wer Franklin nicht mit bloßen Händen in den Tod geschickt hat.“
Dana antwortete trocken: „Das ist medizinisch nicht elegant formuliert, aber ja.“
Sie klappte die Mappe auf und zog ein zweites Blatt hervor. „Für Franklin brauchen wir eine Obduktion, um eine mögliche Vergiftung sicher feststellen zu können. Und ich möchte den Pokal noch einmal sehen.“
Fox sah auf.
„Nicht den Arzt?“
„Den auch.“ Dana Stimme wurde kühler. „Aber Franklin hatte eine Reizung an der Hand. Der Pokal hatte Kontakt mit Franklin. Der Pokal hatte Kontakt mit Ilya. Wenn Ilya sauber ist und Franklin nicht, dann war entweder der Kontakt anders als gedacht — oder jemand hat nach dem entscheidenden Moment sehr schnell etwas verändert.“
Fox blickte zur Tür, hinter der Ilya eben verschwunden war.
„Toolidle?“
„Vielleicht.“
„Dieser Turnierarzt war zu schnell auf dem Eis.“
„Und zu langsam bei den richtigen Fragen, Medikationen oder Therapien.“
Fox nahm den Zettel und legte ihn neben die Finanzmappen.
Schulden. Asbest. Nicht vorhandene Stipendien. Keine Kontamination der Kapitäne. Ein ehemaliger Wladimir Frantzusow, der als Walter Franklin gestorben war. Ein Turnierarzt mit zu vielen passenden Antworten.
„Unser Abend wird wirklich spannender als es Kaffee jemals sein könnte“, sagte er.
Dana sah ihn an.
„Und klarer.“
Draußen warteten die Kapitäne. Drinnen lagen die ersten belastbaren Lücken auf dem Tisch.
Für Fox war das fast besser als Beweise.


