Das Hart-Chalet lag 1200 m oberhalb von Chestnut Mountain wie eine bessere Entscheidung.
Unten im Tal hing die Eishalle noch immer in Blaulicht, Pressegeruch und nassem Asphalt. Oben aber war der Schnee sauber und die Luft kälter. Die Zufahrt wand sich über 16 Kilometer durch dunkle Tannen, deren Äste unter Neuschnee schwer nach unten hingen. Der Chauffeur hatte sogar Schneekletten anlegen müssen und dreimal reversiert. Jennifer hatte ihn sofort ins Tal zurückgeschickt, bevor es noch schneeiger würde. Es gäbe genug Gästezimmer in dem Chalet für alle.
Hinter den hohen Fenstern des Chalets brannte Kaminfeuer, in das Jennifer einige Körner Weihrauch gestreut hatte. Max stand im Speisezimmer und betrachtete den langen Tisch mit der kritischen Zärtlichkeit eines Mannes, der eine Katastrophe zwar nicht verhindern, aber wenigstens ordentlich bewirten konnte.
Das Speisezimmer war ausreichend groß. Dunkle Holzbalken, helle Steinwände, ein offener Kamin, eine Fensterfront zum schneebedeckten Äußeren und ein Tisch, der für sechs Gäste gedeckt war, obwohl Max ihn mit einer Selbstverständlichkeit behandelte, als könne er notfalls auch eine kleine internationale Konferenz mit Suppentellern befriedigen.
Silberbesteck, kobaltblaues Porzellan, altmodische Bleikristallgläser, frisch aufgebackenes Knoblauchbrot in leinengedeckten Körben.
Als Jennifer und Jonathan eintraten, drehte Max sich um.
„Herr Hart. Frau Hart.“ Er sah beide an, dann schüttelte er leicht den Kopf. „Ich habe im Fernsehen nur die letzten Minuten der Pressekonferenz gesehen, während ich die Lauchcremesuppe zubereitet habe, aber ich möchte Ihnen gratulieren.“
Jennifer zog ihre Handschuhe aus. „Zur Rettung des Weltfriedens oder zur Flucht aus der Halle?“
„Zur genialen Pressekonferenz“, sagte Max. „Sie haben aus einem Mordfall, einer kaputten Stiftung, einem flüchtenden Arzt und zwei jungen Männern, die offensichtlich dringend Privatsphäre brauchen, eine Geschichte über sportliche Fairness gemacht. Das war nicht nur elegant. Das war beinahe unanständig wirkungsvoll.“
Jonathan legte seinen Mantel ab. „Max, du wirst poetisch.“
„Ich werde alt, Herr Hart. Da erlaubt man sich Beobachtungen.“
Jennifer lächelte müde. „Wie schlimm sah es aus?“
„Von außen?“ Max hob eine Augenbraue. „Heldentum, Verantwortung, zwei Konkurrenten, die nationale Rivalität überwinden, um einen potentiellen Mörder zu überwältigen. Das nenne ich Entspannung. Herr Hart als großzügiger Retter einer Gemeinde, die vermutlich erst morgen begreift, dass sie keine Halle mehr hat. Frau Hart als Frau, die eine Pressekonferenz führt wie andere Menschen ein Orchester. Und dann die feierliche Dankesrede von Dr. Amara El-Amin: Wann sind die Harts schon einmal direkt von einer VN-Repräsentantin gelobt worden?“
„Das klingt besser, als es war.“
„Das ist der Sinn einer Pressekonferenz, Ma’am.“
Jonathan ging zum Kamin, wärmte kurz die Hände und sah dann zum Fenster hinaus. Unten im Tal war kaum etwas zu erkennen, nur ein blasser Kunstlichtschein hinter Schnee.
„Die Entsorgung wird hässlich“, sagte er.
Max nickte. „Ihre Erklärung dazu war trotzdem überzeugend. Hart Waste Destruction Industries übernimmt die Kosten, die Gemeinde bleibt zahlungsfähig, und der Asbest wird nicht noch dreißig Jahre in den Wänden schlafen wie ein böser Geist mit Baugenehmigung.“
Jennifer löste ihr Collier und legte es auf eine kleine Schale auf der Kredenz. Die Mondsteine reflektierten das Kaminlicht auf, die schwarzen Korallenfragmente blieben dunkel.
„Jonathan hat die Entsorgungskosten zu schnell angeboten. Ein modernes Ökokraftwerk soll die Entsorgung über Gezeitenkraft schaffen. Irgendwo in Tarifa an der spanischen Südküste. Ich hoffe so sehr, dass wir im Panamakanal keine Sondergebühren zahlen müssen, wenn wir diesen Sondermüll in Miraflores verzollen.“
„Jennifer“, sagte Jonathan.
„Schatz, ich liebe dich dafür. Aber du hast es getan, bevor der dritte Journalist seine Hand unten hatte.“
„Ich hatte einen Mann sterben sehen, einen Turnierarzt festsetzen müssen und ein paar Kinder in Uniform bewundert. Da wurde ich sentimental.“
Max räusperte sich. „Die technische Abteilung hat bereits angerufen. Ihre Leute prüfen eine kostengünstige Verkapselung des Materials in einem abgesperrten Meeresarm in Spanien, sobald der kontaminierte Bauschutt nach der Versiegelung und Containerung durch den Panamakanal verschifft worden ist. Es wird keine Pressenachfragen geben, denn das Material wird als „Kakaobohnen“ verschifft werden.“
Jennifer blieb stehen.
„Max, ist das nicht Betrug?“
„Ich gebe nur wieder, was man mir gesagt hat, Betrug ist es nur, wenn wir dabei erwischt würden. Und selbst dann ist es einfach, den Schutt unterhalb der Wasserlinie in den Kanal oder ins Meer zu schütten, bevor Inspektoren die Ladeliste überprüfen könnten.“
Jonathan hob beide Hände. „Kakao ist eine lustige Tarnung. Vielleicht sollten wir die Asbeststückchen zu Bohnen pressen?.“
Max legte einen Suppenlöffel gerade. „Ich habe mir erlaubt, der technischen Abteilung mitzuteilen, dass Frau Hart bei dem Wort ‚kostengünstig‘ in Verbindung mit Asbest und Meer vermutlich eine exzellente Werbeagentur vorbereitet haben möchte, sollte es ökoethische Ermittlungen geben. Ich habe Brian Kinney empfohlen.“
„Max“, sagte Jennifer warm, „du bist ein Schatz.“
„Ich bemühe mich, Ma’am.“
Jonathan wandte sich zu ihr. „Gemeinsam finden wir immer eine perfekte Lösung.“
Max trat einen Schritt vom Tisch zurück. „Apropos bekommen: Das Essen wird für alle reichen. Dr. Scully habe ich die japanische Suite zugewiesen, Agent Mulder die französische, Kapitän Hollander die sowjetische und Kapitän Rozanow die britische. Für Shane habe ich etwas vorbereitet, das man mit einer verletzten Schulter essen kann, ohne heldenhaft zu tun. Für Ilya etwas, das heiß genug ist, um eine rote Fassade aufzutauen.“
Jennifer lachte zum ersten Mal an diesem Abend frei.
„Max.“
„Nur kulinarisch, Ma’am. Es gibt eine kleine Wildschweinpastete als Vorspeise, nach der Lauchcremesuppe Souflaki, die man auch einhändig vom Spieß essen kann, und extra knoblauchreiches Zaziki. Als Dessert werde ich passend zum Schnee draußen Crème brûlée zubereiten, mit einer Prise Zimt extra. Und für Genossen Rozanow mit einem Schuss Wodka unter der Creme.“
Jonathan sah zum gedeckten Tisch. „Und Fox?“
„Für Agent Mulder werde ich Kaffee machen, das war schließlich der Grund, warum er nach Chestnut Mountains abgebogen ist. Mit der Mokkagarnitur, die sie aus Manama mitgebracht haben.“
Jennifer und Jonathan sahen ihn gleichzeitig an.
Max hob den Kopf. „Richtigen Kaffee. Nach allem, was Frau Hart am Telephon sagte, scheint der Mann heute Abend immer wieder um Kaffee betrogen worden zu sein. Das ist keine Art, mit einem Bundesbeamten umzugehen, selbst nicht mit einem seltsamen.“
„Und Dana?“, fragte Jennifer.
„Russischer Tee mit einem Tropfen Rum und einer halben Limettenschenscheibe in der Teekanne.“
Jennifer nickte anerkennend. „Du bist heute Abend unverschämt gut.“
„Ich hatte ein ruhigeres Publikum als Sie. Und vier zusätzliche Gäste sind in diesem Haus kein Problem. Ich werde morgen auch das Frühstück alleine zubereiten, denn aufgrund des starken Schneefalls habe ich dem restlichen Personal freigegeben. Die Straße ist sicher für vier bis fünf Tage unpassierbar, aber es gibt ausreichend Vorräte.“
Jonathan nahm eine der gefalteten Servietten in die Hand und stellte sie wieder hin. „Toolidle ist verschwunden.“
Max sah auf. „Verschwunden?“
„Nicht ausgebrochen, sondern übernommen.“
Jennifer trat ans Fenster und kicherte. „Zwei Männer in dunklen Mänteln. Das waren entweder Gangster aus China, KGB oder CIA; vielleicht sogar die Mexikaner, wer weiß das in diesen Tagen schon.“
„Mexiko?“, fragte Max.
Jonathan nickte. „Das Wort fiel seltener als Österreich.“
Max’ Gesicht wurde ernst. „Dann war die Quadrille der Kadetten nicht eindrucksvoll genug für unsere us-amerikanischen Medien, das scheint typisch zu sein dieser Tage.“
„Sie hat zumindest Shane und Ilya Luft verschafft“, sagte Jennifer. „Vielleicht nur ein paar Stunden. Aber manchmal ist Luft alles, was man braucht, bevor Leute anfangen, eine falsche Geschichte in Stein zu hauen.“
Jonathan sah ihn an. „Dass wir als großzügige Sponsoren die Stipendiengelder ersetzen und die beiden Heldenkapitäne zu uns zu einem privaten Abendessen einladen, sollte genug Frieden für das ganze Monat stiften.“
Max stellte die Pfeffermühle und das kleine Salzfass auf den Tisch. „Darf ich fragen, wie es Kapitän Hollander geht?“
Jennifer antwortete nicht sofort. Das Feuer knackte. Draußen trieb Schnee gegen die Fensterscheiben, weich und beharrlich.
„Verletzt“, sagte sie schließlich. „Nicht lebensgefährlich, aber mehr als an der Schulter. Ich hoffe, er kann bald wieder spielen.“
Max stellte das letzte Glas ab.
„Und Kapitän Rozanow?“
„Ähnlich verwundert, aber zumindest ohne Verband.“
Jonathan kam zu ihr ans Fenster. „Du hast sie in der Pressekonferenz gut platziert.“
Unten im Tal hatten sie eine Geschichte gebaut: Zwei Kapitäne, die im Ernstfall zusammenstanden. Ein Arzt, der abgeführt wurde. Ein Philanthrop, dessen Tod vorerst nicht erklärt wurde. Eine Halle, die abgerissen werden musste. Ein Ehepaar Hart, das großzügig genug war, die Entsorgung zu bezahlen, und geschickt genug, die gefährlichsten Wahrheiten nicht ins Mikrophon fallen zu lassen.
Aber hier oben, im warmen Speisezimmer, würde die Geschichte nicht mehr reichen.
Hier würden Shane und Ilya einander ansehen müssen.
Dana würde Fragen stellen, obwohl Fox die Lücken hören würde. Jonathan würde versuchen, Holz ins Feuer zu werfen. Und Jennifer selbst würde dafür sorgen, dass niemand in diesem Raum aus Angst die falsche Rolle annahm. Max entzündete zwei weitere Bienenwachskerzen.
„Soll ich den Kamin nachheizen?“
Jennifer drehte sich um.
„Ja, bitte, noch zwei Scheite, große Scheite.“
„Sehr wohl.“
Jonathan legte ihr eine Hand an den Rücken. „Bereit?“
Jennifer sah auf den gedeckten Tisch, das Feuer, die Fensterfront, den Schnee und die sechs Plätze, die wie eine Einladung und eine Falle zugleich wirkten.
„Nein“, sagte sie. „Aber wenigstens sind wir immer noch besser gekleidet als Dana.“
Jonathan lächelte.
Max hob eine Augenbraue. „Das, Ma’am, dürfte im Laufe des Abends eine der wenigen sicheren Tatsachen bleiben.“


