Draußen hob der Hubschrauber ab. Erst war das Rotorengeräusch noch nah und hart gegen die Fensterscheiben, dann wurde es zu einem Zittern im Glas, dann zu einem dumpfen Puls im Sturm. Schließlich verschluckte der Schnee auch das, während nur das beheizte Chalet zurückblieb.
Und zwei Männer, die für die Außenwelt gerade noch zufällige Helden waren — und füreinander längst etwas sehr viel Komplizierteres.
Der Kamin im Salon brannte mit jener diskreten Beharrlichkeit, die nicht um Aufmerksamkeit bat, sondern einfach Wärme behauptete. Das Flackern lag auf Holz, auf Teppich, auf Glas, auf der Teekanne aus chinesischem Porzellan. Draußen jagte der Schnee schräg an den Fenstern vorbei, als wolle die Nacht beweisen, dass sie tatsächlich jeden Weg nach unten abgeschnitten hatte. Sogar ein Wildschwein trabte so nah an den Fenstern über die schneebedeckte Terrasse, dass seine Borsten an den Rahmen der Fenster kratzten.
Shane stand noch immer am Rand des Speisezimmers. Die gesunde Hand lag auf der Tischkante, die verletzte Schulter war ruhiggestellt, die weiße Schlinge hell vor dem dunklen Stoff. Sein Blick ging halb zum Fenster, halb ins Nichts außerhalb der Fenster, nachdem das Wildschwein verschwunden war.
Ilya stand einige Schritte entfernt in jener kontrollierten Haltung, die nun erstmals nicht mehr von Öffentlichkeit, sondern nur noch von Schweigen gehalten wurde.
Zwischen ihnen lagen warmes Licht, die ausgeleckten Tassen der sechs Crèmes brûlées, Gästezimmer, drei bis vier Tage Schnee und keine Zuschauer mehr.
Aus dem Salon heraus sah man die Teekanne, die Max auf ein niedriges Tischchen gestellt hatte. Daneben zwei Tassen, eine Decke, ein kleiner Teller mit Gebäck. Als hätte das Haus selbst beschlossen, dass kein vernünftiger Mensch nach einem solchen Abend allein in irgendeinem Flur herumstehen sollte.
Shane stieß schließlich Luft aus.
„Drei bis vier Tage.“
Ilya antwortete nicht sofort.
„Drei bis vier.“
„Jennifer ist erschreckend effizient.“
Ilya sah zum Kamin. „Effizient?“
Shane drehte sich langsam um und lehnte sich mit der Hüfte gegen den Tisch. Die Bewegung kostete ihn mehr, als er zeigen wollte.
Ilya merkte es sofort.
„Deine Schulter—“
„Schmerzt, aber ich lebe noch.“
Ein Hauch von etwas, das unter anderen Umständen ein Lächeln hätte sein können, lief über Ilyas Gesicht und war sofort wieder weg.
„Das hast du schon gesagt.“
„Ja. Und es war damals schon eine gute Antwort.“
Ilya ging langsam einen Schritt näher. Nicht direkt auf ihn zu. Mehr in Richtung des Salons, als wäre der Weg dorthin zufällig derselbe.
„Dana hat gelogen.“
Shane hob die Brauen. „Welche Stelle?“
„Die mit ‚gerade so‘.“
Shane lachte kurz. „Du klingst besorgt.“
„Bin ich auch.“
Shane sah ihn zum ersten Mal an ohne Publikum, ohne Flur, ohne strategische Vorsicht.
„Das macht mir Angst.“
Ilya blieb beim Kamin stehen. Zwischen ihnen lag noch immer etwas Raum.
„Du hättest ihm nicht zum Fenster nachlaufen müssen.“
„Doch.“
„Warum?“
Shane sah kurz auf die Schlinge, dann wieder hoch.
„Weil er fliehen wollte und dich verraten hätte.“
Ilya wartete. Shane schüttelte den Kopf leicht.
„Und weil ich es satthatte, nur zu vermuten. Irgendwer musste endlich etwas tun, das nicht aus Verdächtigungen bestand.“
Ilya sagte leise: „Das klingt nicht nach dem ganzen Grund.“
Shane sah ihn lange an.
Dann: „Nein.“
Wieder Stille.
Ilya ging zum Teetisch, goss ein, stellte die erste Tasse hin, goss eine zweite ein. Seine Bewegungen waren präzise, beinahe zeremoniell. Ein Mann, der etwas für seine Hände brauchte, wenn Worte gefährlich wurden.
Er brachte Shane die erste Tasse genau so, dass es sich wie etwas Selbstverständliches anfühlte, wenn man beide lang genug beobachtet hätte.
Shane nahm sie mit der gesunden Hand.
„Danke.“
Ilya nahm die andere Tasse, blieb aber stehen, statt sich zu setzen.
„Vorhin in der Toilette—“
Shane hob sofort den Blick. „Ja.“
„Ich habe dir nicht geglaubt.“
Shane nickte einmal. „Ich dir auch nicht.“
Ilya sah in die Tasse, als könne heißer Tee eine Erklärung liefern.
„Und jetzt?“
Shane dachte nach.
„Jetzt glaube ich, dass du ihn nicht getötet hast.“
Ilya hob den Kopf. „Nur das?“
Shane sah ihn an. Einen Schlag lang war er versucht, wieder witzig zu werden. Er ließ es bleiben.
„Jetzt glaube ich auch, dass du die ganze Zeit mehr Angst um mich hattest als um dich selbst.“
Ilya antwortete nicht sofort, aber zuletzt merkte er an: „Das war unvernünftig.“
Ein kurzer Windstoß fuhr gegen die Scheiben. Das Feuer im Kamin warf das Licht für einen Moment anders. Ilya stellte die Tasse ab.
„Als Jennifer sagte, ich solle nicht im Weg sein—“
Shane wartete.
„Ich glaube, ich hätte mich lieber von Toolidle erschlagen lassen, als wegzugehen.“ Das war so ehrlich, dass der Raum kurz stiller wurde.
Shane sah ihn an. „Ich weiß.“
Ilya blinzelte einmal. Ein feiner Riss in der Haltung.
„Nein. Das weißt du nicht.“
Shane stellte die Tasse ab.
„Doch.“
Er stieß sich vom Tisch ab, langsam, vorsichtig, und ging ein paar Schritte in den Salon. Nicht ganz bis zu Ilya. Genug, dass das Gespräch jetzt nicht mehr wie etwas klang, das man auch über einen längeren Esstisch hätte führen können.
„Ich wusste nur nicht, ob es war, weil du dachtest, ich hätte was getan oder weil du dachtest, ich wäre in etwas reingezogen worden.“
Ilya sagte leise: „Beides wäre schlecht gewesen.“
„Für dich?“
Ilya beugte, zähmte und brach Shanes Blick.
„Für uns beide.“
Shane atmete langsam aus.
„Das klingt fast, als hätten wir ein Problem.“
Ilya antwortete trocken: „Fast? Soll ich Max’Germknödel holen. Mit der zerlassenen Butter? Und dem Mohnzucker?“
Zum ersten Mal blieb das Anzeichen eines Lächelns wirklich einen Moment länger in seinem Gesicht. Shane sah es. Und etwas in seinem eigenen Ausdruck wurde weicher, tänzerischer und offener.
„In der Pressekonferenz sahst du aus, als wolltest du mich am liebsten ignorieren.“
„Ja, weil man das von einem Briten erwartet.“
„Und jetzt?“
Ilya antwortete nicht sofort. Er sah kurz zum Feuer, dann wieder zu Shane.
„Jetzt sind keine Kameras da.“
Shane machte noch einen Schritt. Mit verletzter Schulter, Schlinge, Tee auf dem Tisch und Schnee draußen war jede Bewegung ohnehin ernster, als sie sonst gewesen wäre.
„Und wenn welche da wären?“
Ilya hob ganz leicht die Schultern.
„Dann würde Jennifer sie hinauskomplimentieren.“
Shane lachte. Diesmal so leise, dass es fast nur noch Wärme war.
„Mit schwarzen Korallenschmuck?“
Ein paar Sekunden lang sahen sie einander einfach nur an. Shane deutete auf die Schale mit Jennifers Halskette.
Dann sagte Shane, ruhiger als alles vorher: „Ich hab gedacht, wenn du’s warst, würde ich verstehen warum.“
Ilya schloss kurz die Augen, weil der Satz zurückkam und jetzt etwas anderes bedeutete.
„Ich habe gedacht, wenn du es warst, dann weil du dachtest, du müsstest jemanden retten.“
Ilya kam jetzt selbst den letzten Schritt näher.
„Und trotzdem bist du hier.“
Shane sah kurz an ihm vorbei zum Fenster, zum Schnee, zum ganzen unmöglich warmen, unmöglich diskreten Chalet.
„Max hat mich in das russische Zimmer gelegt und dich in das britische: Ein Missgeschick oder Absicht?“
Shane hob langsam die gesunde Hand als Frage.
Ilya sah darauf. Dann zu ihm. Dann schloss er die kleine Distanz, die noch übrig war, und legte seine Hand in Shanes, nur Haut und Wärme.
Shane schloss die Finger um seine Hand.
„Drei bis vier Tage, hm?“
Ilya sagte, fast trocken: „Wenn du dich benimmst.“
„Ich bin verletzt. Das ersetzt Benehmen.“
Ilya hob die andere Hand und berührte sehr vorsichtig die Schlinge, nur an der Kante des Stoffes, nicht die verletzte Stelle. Für einen Moment stand nur der Sturm zwischen den Sätzen.
Dann sagte Shane: „Wenn ich schnell genug wieder gesund werde, sehen wir uns vielleicht in Kopenhagen.“
Ilya sah ihn an.
„Das Benefizturnier?“
„Zum Schutz der Ozeane“, sagte Shane. „Ich habe die Anfrage zur Leitung des Commonwealthverteidigungspaktsteam. Aber jetzt muss ich schauen, ob meine Schulter mitspielt und niemand entscheidet, dass ich politisch, medizinisch oder emotional unbrauchbar bin.“
„Kopenhagen ist kalt.“
Ilya ließ den Blick kurz zu ihrer verbundenen Hand sinken.
„Dann solltest du dich beeilen, gesund zu werden.“
„Warum?“
„Damit ich dich dort wieder besiegen kann, wenn ich das Team des Sozialistischen Beistandspakts führe.“
Shane lachte leise. „Du bist schrecklich.“
„Du magst das.“
„Leider zu sehr.“
Ilya wurde wieder ernster. „Und wenn du nicht spielen kannst?“
Shane antwortete nicht sofort. Draußen schlug Schnee gegen das Glas. Drinnen knackte der Kamin. Max’ Teekanne dampfte noch.
„Dann komme ich trotzdem, wenn ich ein Schiffsticket bekomme“, sagte Shane.
Ilyas Hand wurde in seiner einen Hauch fester.
„Ich würde es bezahlen, wenn du nicht kannst.“
Shane zog ihn langsam näher. Langsam genug, dass Ilya jederzeit zurückkonnte, langsam genug, dass beide entscheiden konnten, stehenzubleiben.
Ilya tat es nicht.
Sie küssten sich. Es war ein vorsichtiger, stiller Kuss. Fast unsicher am Anfang. Dann sicherer, weil beide längst wussten, wie viel davon schon vorher zwischen ihnen gestanden hatte. Als sie sich lösten, blieben sie nahe genug, dass es kein echter Abstand mehr war.
Ilya lehnte die Stirn einen Moment ganz leicht gegen Shanes.
„Jennifer hat gesagt, wir sollen nicht streiten.“
Shane lächelte.
„Das krieg ich hin.“
„Nur das?“
„Für heute reicht das als Heldentat.“
Ilya atmete einmal aus. Der Klang war fast ein Lachen.
Shane hob die gesunde Hand leicht in Richtung des Salons.
„Holst du die Germknödel?“
Ilya nickte.
„Vorher oder nachher?“
Er nahm die Teekanne, Shane die Tassen. Gemeinsam, langsam, vorsichtig genug für die Schulter und für alles andere, was heute Nacht beinahe zerbrochen wäre, gingen sie in den Salon hinüber.
Draußen verschwand die Welt weiter im Schnee, während unsichtbar ein Wildschwein durch den Schnee rannte.


