Die Herrentoilette hinter der VIP-Lounge war in jener altmodischen Weise ordentlich, die nur in Gebäuden vorkam, die sich für traditionsreich hielten.
Dunkle Holzvertäfelung, helle Spiegel, Messingarmaturen, kalte Fliesen, Waschbecken mit schweren Steinverzierungen. Dazu weiße Porzellanbecken an der Wand, deren Form seit Jahrzehnten niemand mehr geändert hatte, vermutlich aus Respekt vor einer Ära, in der Vereinsvorstände glaubten, Fortschritt beginne und ende mit einem neuen Aschenbecher.
Es roch nach Desinfektionsmittel, altem Stein, kaltem Zigarettenrauch und jener übervorsichtigen Seife, die Hotels und Hallen kauften, wenn sie Duft für einen Ersatz von Sauberkeit hielten.
Draußen summte die Halle noch dumpf weiter; Stimmen hinter Wänden. Hier drinnen war es stiller, geradezu ruhig und auf jeden Fall enger.
Shane kam zuerst herein.
Er blieb einen Moment an der Tür stehen, als hätte ihn sein eigener Körper nur halb hierher gebracht. Dann ging er zu einem der Becken an der Wand, stützte eine Hand kurz gegen die Fliese darüber und atmete einmal tief aus.
Franklins Blick. Fox’ Fragen. Jennifers Mappen. Ilyas Name in seinem Mund, zu oft, zu schnell, zu schlecht verborgen. Das alles hing in seinen Schultern, in seinen Händen, im harten Zug um seine Hand an der Fliese.
Die Tür ging wieder auf.
Shane drehte den Kopf nicht.
Er wusste auch so, wer es war.
Ilya trat ein, sah Shane, hielt nur den Bruchteil einer Sekunde inne und entschied sich dann, nicht wieder umzudrehen. Er ging an ein Becken mit einem Platz Abstand.
Ein paar Sekunden lang sagte keiner etwas.
Dann Shane begann: „Falls du’s warst, wäre jetzt der Moment, mir das zu sagen.“
Ilya antwortete nicht sofort. Als er sprach, war seine Stimme ruhig, aber zu kontrolliert für echte Gelassenheit.
„Das ist ein bemerkenswerter Einstieg.“
„Ich hab einen schlechten Abend.“
„Das ist mir aufgefallen.“
Shane starrte geradeaus.
„Warst du’s?“
„Nein.“
Das kam schnell, sauber und ohne sichtbares Zögern.
Shane schloss kurz die Augen.
Ilya sah nicht zu ihm. „Du?“
„Nein.“
Jetzt war es Ilya, der einen Hauch zu lang schwieg.
Shane merkte es sofort.
„Das klingt nicht, als würdest du mir glauben.“
„Es klingt, als würde ich entscheiden, ob du nur unvernünftig oder wirklich dumm bist.“
Shane stieß leise Luft aus.
„Großartig.“
Wieder Schweigen.
Dann Ilya, leiser: „Ich habe gehört, wie sie über einen Jungen gesprochen haben. Bilder, Gerüchte, einen Skandal, der reicht, auch wenn er nicht beweisbar ist. Doping vielleicht. Ich wusste ja nicht, dass Moreau und Arslan seine Kinder sind, verrückt!“
Shanes Kiefer spannte sich an.
„Ich hab gehört, wie sie über sowjetisches Zeug gesprochen haben.“
Jetzt war die Stille anders. Beide verstanden im selben Moment, wie wenig der andere hatte — und wie gefährlich wenig das jeweils war.
„Du dachtest an mich“, sagte Ilya.
„Ja.“
„Warum?“
Shane antwortete schärfer, als er wollte. „Weil jeder in diesem verdammten Land zuerst auf die Sowjetunion zeigt, wenn er keinen besseren Täter hat.“
Ilya nahm das hin.
„Und ich dachte an dich.“
Shane drehte den Kopf nun doch zu ihm. „Warum?“
„Weil sie dich als Geldquelle benutzen wollten.“ Ilya zielte den Blick geradeaus auf die Fliesen. „Ich weiß, dass du nichts nimmst, zumindest nicht absichtlich.“
Shane sah wieder vor sich.
„Natürlich nehme ich nichts. Und ich habe mit Franklin nichts zu tun.“
„Das beantwortet nicht die Frage.“
„Welche Frage?“
Ilya ließ sich eine Sekunde Zeit.
„Ob du etwas getan hast, weil du dachtest, es schützt jemanden.“
„Also doch.“
„Nein.“
„Das klang nicht wie nein.“
„Es klang wie: Ich denke nach, bevor ich was Falsches sage.“
„Und das kommt bei dir oft vor?“
Shane schnaubte kurz. „Seltener, als es sollte.“
Ein fast unsichtbarer Zug ging um Ilyas Mund, zwar kein Lächeln, aber die Erinnerung daran, dass diese Offenheit nicht neu war.
Shane senkte die Stimme noch weiter.
„Ich hab für einen Moment gedacht, wenn du’s warst, würde ich verstehen, warum.“
Ilya bewegte sich nicht.
Dann sagte er sehr ruhig: „Das ist eine gefährliche Art von Loyalität.“
„Bist du Loyalologe geworden seit Cartagena?“
Ilya antwortete erst nach einem Atemzug.
„Ich habe für einen Moment gedacht, wenn du es warst, dann weil du geglaubt hast, mir einen größeren Schaden zu ersparen.“
Shane drehte diesmal wirklich den Kopf.
„Ich hab ihn nicht getötet.“
„Ich auch nicht.“
Shane sah auf die Fliesenfuge vor sich.
„Glaubst du mir?“
Ilya antwortete ehrlich.
Gerade deshalb war es schlimm.
„Nicht vollständig.“
Shane nickte einmal.
„Bronze, Silber und Gold für Ilya Rozanow den Einzigen!“
Ein paar Sekunden lang sagte keiner etwas.
Dann Shane, leiser: „Haben sie was gegen dich?“
„Vielleicht meinen Namen. Vielleicht meinen Großvater.“ Ilyas Stimme blieb flach. „Er war sowjetischer Olympiatrainer der Hockeyspieler.“
„Das hast du mir noch nie erzählt.“
Ilya sagte nichts.
Das Schweigen war Antwort genug.
Shane fuhr sich mit der freien Hand über den Mund. „Scheiße.“ Als ihm auffiel, dass es die Hand war, die gerade noch die Fliese berührt hatte, die wohl seit 1947 noch nie richtig geputzt worden war.
„Maulwurf.“
Shane zwang sich, die nächste Frage gerade mutig genug zu stellen, damit sie nicht wie eine Bitte klang.
„Hast du irgendwas am Pokal gemerkt?“
Jetzt reagierte Ilya sofort.
„Nein. Warum? Ich hab das blöde Ding von Franklin übernommen. Und dann ist er schon umgekippt. Du warst doch dabei. Er hatte keine Handschuhe an und ich auch nicht. Also wenn der Pokal vergiftet war, dann müsste ich auch schon tot herumliegen.“
„Nur so“, sagte Shane.
Ilya sah jetzt ebenfalls nicht mehr ganz geradeaus. „Das war keine Nur-so-Frage.“
„Und dein Nein war kein Nur-nein.“
Da war wieder diese enge, falsche Nähe aus Misstrauen und Schutz.
Ilya antwortete leiser. „Ich habe nichts gemerkt. Das heißt nicht, dass nichts da war. Vielleicht hat er vorher etwas Giftiges gegessen oder getrunken als er in dem Abstellraum war.“
Shane schluckte.
Ilya wisperte so leise, dass es fast nur noch Flüstern war: „Wenn du jetzt etwas Dummes tust, um irgendwen zu schützen, wird es schlimmer.“
Shane antwortete ebenso leise: „Das Gleiche gilt für dich.“
In genau diesem Moment ging die Tür auf. Beide zuckten sichtbar zusammen.
Cemil trat ein. Er blieb beim ersten Blick sofort stehen und nahm die Szene in genau jener halben Sekunde auf, in der intelligente Menschen erkennen, dass die eigentliche Handlung bereits stattgefunden hatte: Shane und Ilya und ein Platz zwischen ihnen. Beide mit der vollkommen falschen Art von Neutralität im Körper. Cemils Brauen hoben sich kaum merklich.
„Hollander. Rozanow.“
„Arslan“, sagte Ilya.
Shane sagte nichts.
Cemil ging nicht an den freien Platz zwischen ihnen, sondern zu dem Platz auf Ilyas anderer Seite.
Für einen Moment gab es nur noch die sterile, beschämend normale Geräuschkulisse dieser Situation.
Dann trat Shane zurück, ordnete seine Kleidung mit routinierter, schneller Bewegung und ging zum Waschbecken, ohne Ilya noch einmal anzusehen.
Ilya wartete genau einen Atemzug länger, dann tat er dasselbe.
Cemil blieb zurück und gerade dadurch außerhalb der Sache.
Am Waschbecken ließ Shane kaltes Wasser über die Hände laufen. Zu lange, damit Ilya an das Becken neben ihm trat. Keiner sah in den Spiegel, obwohl dort genau das gewesen wäre, was sie beide gerade nicht brauchten: ihre Gesichter in unmittelbarer Nachbarschaft.
Cemil trat hinter sie, wartete, drängte nicht, war einfach da.
Shane schaltete das Wasser ab, griff nach einem Handtuch und sagte, nur laut genug, dass es wie eine bedeutungslose Höflichkeit klingen konnte: „Wir sehen uns.“
„Beim Verhör“, sagte Ilya. Nichts in dem Wort verriet, ob es Drohung, Versprechen oder Erregung war.
Dann gingen sie. Shane zuerst, zurück zum Clubraum. Ilya danach, genau so, als hätten sie überhaupt nicht miteinander gesprochen.
Cemil blieb noch einen Moment allein am Waschbecken stehen, sah in den Spiegel und dachte etwas sehr Osmanisches.
Draußen trugen Shane und Ilya beide dasselbe Gefühl mit sich: die verzweifelte Erkenntnis, dass der andere vielleicht nichts getan hatte — oder vielleicht doch etwas, irgendwo zwischen großer Dummheit und Mord.


