Die Eishalle war eine Arena des gefrorenen Krieges.
Das Foyer mit seinen Stoffbahnen, Tartelettes, Spendenkarten und halb verhüllten Rissen lag hinter den Zuschauern wie eine höfliche Lüge, die man für die Dauer des Spiels vergessen durfte. Hier drinnen regierte das Eis. Blauweißes Licht lag auf der Fläche, an den Banden glänzten Logos des Philanthropen und der fünf Mannschaften, die Tribünen waren voll, und über allem hing das alte Dach der Halle mit seinen Stahlträgern, Kabeln und Schatten.
Jeder Kratzer der Kufen klang schärfer als ein Satz.
Frankreich gegen Sowjetunion.
Das Finalmatch.
Luc Moreau stand am Bullypunkt, die Schultern locker, den Kopf leicht geneigt, als höre er eine Musik, die niemand sonst hörte. Seine Eleganz hatte auf dem Eis nichts Weiches mehr. Sie war schnell, präzise, fast frech. Neben ihm warteten die französischen Spieler, blau und weiß, nervös und aufgeheizt, mit jener Mischung aus Stolz und Gefahr, die Jugendturniere wie Staatsbesuche nach einer Tequiladusche aussehen ließ.
Ilya stand ihm gegenüber.
Dunkelrot, still, der Schläger ruhig auf dem Eis. In seinem Gesicht lag nichts von der Anspannung des Korridors, nichts vom Rauch, nichts von der Drohung des Turnierarztes. Er war wieder ganz siegessicherer Kapitän.
Auf den Rängen saßen die Kadetten des Jahrgangs Wildschwein in Gold und Flieder, ordentlich aufgereiht wie eine farbige Klammer um die internationale Feier. Moritz Felinger hielt die Hände auf den Knien, aber seine Augen folgten dem Spiel mit der Konzentration eines künftigen Strategen. Dana saß nicht weit von Jennifer und Jonathan entfernt, Fox neben ihr mit dem Ausdruck eines Mannes, der Sport respektierte, solange er genügend Verschwörungspotential enthielt.
„Du verstehst die Regeln?“, fragte Dana.
„Natürlich“, raunte Fox. „Zwei Gruppen junger Männer jagen einer kleinen Scheibe hinterher, bis Diplomatie aus Körperkontakt entsteht.“
„Das war beunruhigend nah an einer korrekten Zusammenfassung.“
Jennifer beugte sich leicht zu Jonathan. „Rozanow wirkt ruhig.“
Jonathan sah über die Eisfläche hinweg zum Philanthropen, der auf der Ehrentribüne saß. Dr. Walter Franklin hatte die Hände auf den Knauf seines Gehstocks gelegt. Sein Gesicht trug wieder die öffentliche Würde, doch sie saß schief, denn das Gesicht war bleicher als das Eis, in dem seltsamen Licht sah es fast bläulich aus.
„Franklin nicht“, sagte Jonathan.
Jennifer folgte seinem Blick.
Der Philanthrop lächelte nicht.
Neben ihm saß Dr. Amara El-Amin, hellblau gekleidet, die Hände gefaltet, aufmerksam, ohne sich von der Spannung anstecken zu lassen. Der Turnierarzt stand etwas hinter der Bande, die medizinische Tasche griffbereit, der venezianische Maskenanhänger am Revers. Er wirkte beinahe gelangweilt.
Das machte ihn noch unangenehmer.
Der Pfiff kam.
Das Bully fiel.
Luc war zuerst da.
Er schlug die Scheibe nach hinten, drehte sich aus Ilyas Reichweite und schoss sofort nach vorn. Frankreich begann wie ein Feuerwerk: schnell, hell, kunstvoll, kaum zu greifen. Zwei Pässe, ein Richtungswechsel, ein Versuch aufs sowjetische Tor, der nur knapp am Pfosten vorbeizischte. Das Publikum brach in Jubel aus.
Luc grinste.
Ilya nicht.
Er fuhr zurück, gab seinen Verteidigern ein Zeichen, und beim nächsten Angriff veränderte sich das Spiel. Die sowjetische Mannschaft ließ Frankreich nicht mehr tanzen. Sie machte die Fläche enger. Nicht brutal, nicht unfair, aber unerbittlich. Jeder französische Lauf bekam eine Antwort, jede schöne Bewegung einen Körper, jeder Pass eine rote Linie.
Shane Hollander stand mit dem britischen Team nahe der Bande, bereits ausgeschieden, aber nicht abwesend. Großbritannien hatte das kleine Finale gegen Japan gewonnen und damit den vierten Platz gesichert. Shane trug noch die Spuren des Spiels: gerötete Wangen, feuchte Haare, eine kleine Schramme am Kinn. Er sah nicht auf Luc.
Er sah auf Ilya.
Cemil Arslan, dessen osmanisches Team den dritten Platz erkämpft hatte, stand einige Meter weiter. Auch er beobachtete das Finale still. Als Luc den nächsten Angriff startete, hob Cemil kaum merklich den Kopf, als kenne er den Gedanken hinter dem Lauf. Vielleicht tat er das. Halbbrüder lasen einander manchmal auch ohne Nähe.
Der erste Treffer fiel nach sechs Minuten.
Frankreich.
Luc täuschte links an, zog rechts vorbei, ließ den sowjetischen Verteidiger ins Leere greifen und legte im letzten Moment quer. Sein Flügelspieler schob die Scheibe ins Netz. Die französische Bank sprang auf, Luc riss die Faust hoch, das Publikum tobte.
Franklin applaudierte zu langsam und zu kontrolliert, nicht wie ein Vater, nicht wie ein Stifter, eher wie ein Mann, der gerade gezwungen war, eine Entwicklung öffentlich gutzuheißen, die ihm innerlich nicht passte.
Jennifer bemerkte es.
„Er wollte Frankreich“, sagte sie leise.
Jonathan antwortete ebenso leise: „Oder er wollte nicht die Sowjetunion.“
Auf dem Eis nahm Ilya den Gegentreffer hin, als sei er eine Information, keine Beleidigung. Er fuhr zum Torwart, sagte zwei Worte, klopfte ihm auf die Schulter und drehte wieder ab.
Beim nächsten Bully gewann die Sowjetunion.
Diesmal dauerte der Angriff länger. Keine Explosion. Ein Aufbau. Schicht um Schicht. Die roten Trikots bewegten sich wie Zahnräder in einem alten, sehr gut geölten Mechanismus. Luc versuchte zu stören, aber Ilya zog ihn mit einer kleinen Bewegung aus der Mitte. Ein Pass zurück, einer quer, dann kam die Scheibe zu Ilya.
Er schoss nicht sofort.
Das war der Fehler, auf den Frankreich nicht vorbereitet war.
Er wartete eine halbe Sekunde, bis der Torwart sich entschied, und traf dann tief rechts.
Ausgleich.
Der Jubel war anders. Schwerer. Mehr Erleichterung als Feuer. Auf der sowjetischen Bank schlugen Spieler gegen die Bande. Ilya nahm die Gratulationen knapp entgegen, ohne den Blick zu verlieren.
Shane atmete aus.
Zu deutlich.
„Das ist interessant“, murmelte Fox.
Dana sah weiter aufs Eis. „Nicht jetzt.“
„Ich habe nichts gesagt.“
„Doch.“
„Ich habe nur innerlich Notizen gemacht.“
„Das ist bei dir lauter als bei anderen Menschen.“
Das zweite Drittel wurde härter.
Nicht unsauber. Aber körperlicher. Frankreich versuchte, das Tempo hochzuhalten, die Sowjetunion drückte es nach außen. Luc spielte schöner, Ilya spielte zielgerichteter. Cemil sah einmal zu Shane hinüber, als Frankreich in Unterzahl geriet. Shane erwiderte den Blick nicht. Er war zu sehr auf Ilya fixiert.
Der Turnierarzt trat während einer kurzen Unterbrechung näher an die Bande. Er sprach mit einem Offiziellen, zeigte auf eine Liste, nickte, lächelte. Amara El-Amin sah ihn dabei an.
Franklin beugte sich währenddessen zu Eleanor Price. Seine Finger lagen wieder zu fest auf dem Gehstock. Er sagte etwas. Eleanor schüttelte den Kopf. Er sagte noch etwas. Sie blieb freundlich und unbeweglich.
Das Ergebnis ließ sich nicht mehr unauffällig führen.
Das Eis war zu öffentlich.
Im letzten Drittel stand es 2:2.
Frankreich war zermürbt, aber stolz. Die Sowjetunion war zerknirscht, aber organisiert. Luc nahm die Scheibe an der Bande, entkam einem Check, drehte sich, passte rückwärts in den Slot. Ein französischer Spieler schoss.
Der sowjetische Torwart hielt.
Der Abpraller ging zu Ilya.
Für einen Atemzug stand das ganze Spiel offen.
Ilya fuhr los.
Spektakulär, wie ein Held aus einem Propagandaplakat, genau wie jemand, der plötzlich keine Nebengeräusche mehr hörte. Die Halle, die Sponsoren, Franklin, der Turnierarzt, Shane, Cartagena, die Vereinigten Staaten, die Sowjetunion, Geld, Drohungen, Familien, Photos, Gerüchte: alles fiel hinter ihn zurück.
Luc kam ihm entgegen.
Die beiden Kapitäne prallten nicht zusammen. Sie lasen einander. Luc versuchte, Ilya nach außen zu zwingen, doch Ilya legte die Scheibe mit einer kleinen Bewegung hinter sich, nahm den Kontakt an, drehte sich um Luc herum und spielte quer.
Sein Mitspieler kam aus der zweiten Reihe.
Schuss.
Tor.
Für eine Sekunde war es still.
Dann brach die Halle auf.
Sowjetunion 3. Frankreich 2.
Die roten Spieler stürmten zu Ilya, rissen die Arme hoch, schlugen Helme und Schultern aneinander. Luc blieb einen Moment auf dem Eis stehen, den Schläger in beiden Händen, den Kopf gesenkt. Dann fuhr er zum sowjetischen Torwart und klopfte ihm auf die Schoner. Eine kleine Geste. Eine große Niederlage.
Cemil nickte kaum merklich.
Shane schloss die Augen.
Nur kurz.
Als der Schlusspfiff kam, war das Ergebnis nicht mehr verhandelbar.
UdSSR vor Frankreich.
Osmanisches Reich auf Platz drei.
Großbritannien auf Platz vier.
Japan auf Platz fünf.
Die Anzeige über der Eisfläche bestätigte es in kaltem Licht:
1. Sowjetunion
2. Frankreich
3. Osmanisches Reich
4. Vereinigtes Königreich
5. Japan
Auf der Ehrentribüne erhob sich Walter Franklin.
Er klatschte.
Diesmal musste er es.
Sein Gesicht war glatt, aber nicht schnell genug. Ärger lag darunter, blank und heiß. Nicht über Lucs Niederlage allein. Nicht über Ilyas Sieg allein. Über etwas Tieferes: über die Tatsache, dass ein öffentliches Spiel gerade einen privaten Plan beschädigt hatte.
Amara El-Amin sah auf die Anzeigetafel, dann auf Franklin.
Der Turnierarzt dagegen wirkte vollkommen ruhig.
Auf dem Eis reichten sich die Mannschaften die Hände. Luc und Ilya kamen zuletzt zueinander. Sie hielten einander einen Moment länger fest, als die Kameras es verlangten.
„Gutes Spiel“, sagte Luc.
„Du auch, fast wie bei Borodino.“, sagte Ilya.
„Er wird nicht glücklich sein.“
Ilya sah nicht zur Tribüne. „Wer?“
Lucs Lächeln war müde. „Franklin.“
„US-Kapitalisten sind nie glücklich.“
Sie ließen einander los.
Shane stand hinter der Bande, als Ilya an ihm vorbeifuhr. Für einen winzigen Moment kreuzten sich ihre Blicke. Kein Wort. Kein Lächeln. Nur etwas, das zu schnell war, um öffentlich zu werden und zu schwer, um privat zu bleiben.
Dann rief Eleanor Price über Lautsprecher zur Umgruppierung für die Siegerehrung auf.
Die Kadetten wurden gebeten, sich am Rand der Eisfläche aufzustellen. Das Blasorchester nahm seine Plätze ein. Helfer rollten einen roten Teppich über die Gummimatten am Zugang. Der alte Pokal mit den Eberköpfen wurde von vier Männern in dunkelgrünen Westen hereingetragen, schwer und glänzend, während Photographen ihre Positionen suchten.
Die Mannschaften ordneten sich nach Platzierung.
Japan zuerst am äußeren Rand.
Großbritannien daneben.
Das Osmanische Reich in der Mitte der Verlierer und Sieger zugleich.
Frankreich neben dem Podest, stolz und still.
Die Sowjetunion zuletzt, vor dem höchsten Platz.
Ilya zog die Handschuhe aus.
Franklin trat mit dem Pokal in Richtung Eis.
Sein Lächeln war wieder da.
Aber jetzt sah Jennifer, wie viel Kraft es ihn kostete.


