Schmutzig starrte der Korridor nach oben. Über allem lag das entfernte Murmeln von Hunderten Stimmen, das in der Enge des hinteren Ganges wie Wasser hinter einer Staumauer klang.
Die Tür zum Geräteraum öffnete sich ein drittes Mal.
Der Turnierarzt trat ein. Das gelbe Licht brannte noch immer. Der kleine Raum roch nach Papier, Staub, altem Kaffee, Kühlmittel und dem Metall der Gerätschaften, die an einer Wand lehnten. Die Akten standen im Regal. Dann trat er näher, zog mit zwei Fingern einen Ordner gerade und betrachtete die Reihe der Mappen. Sein Blick wurde nicht nervös. Nur schmaler. Für jemanden wie ihn war Unordnung kein Zufall. Sie war entweder Schlamperei oder Berührung. Schlamperei verzieh er manchmal. Berührung nie.
Er lauschte zur Tür.
Keine Schritte.
Er schloss sie, aber nicht ganz. Ein Spalt blieb offen, gerade breit genug, dass Geräusche aus dem Korridor nicht verloren gingen. Dann zog er ein schmales Reise-Telephon aus der Innentasche, klappte es auf und wählte eine Nummer, die er nicht nachschlagen musste.
Während es klingelte, sah er auf seine Manschette.
Der venezianische Maskenanhänger an seinem Revers lag still. Im gelben Licht wirkte er nicht festlich, sondern wie ein winziges Gesicht, das zu viel wusste.
Die Leitung knackte.
Eine Stimme meldete sich. Verzerrt, tief, mit der Ruhe eines Menschen, der nie selbst in kalten Korridoren warten musste.
„Ja?.“
Der Arzt senkte die Stimme. „Hier Toolidle.“
Am anderen Ende schwieg der Mann.
Der Turnierarzt ging zum Tisch, auf dem noch eine Spur verschobener Papiere lag. Er legte eine Hand flach auf die sonst staubige Tischplatte.
„Weder Zureden noch Drohung haben gewirkt“, sagte er. „Franklin bleibt unberechenbar.“
„Nennen Sie ihn nicht Franklin.“
Der Turnierarzt schloss kurz die Augen.
„Wladimir Frantzusow bleibt unberechenbar.“
Der Name veränderte den Raum.
Walter Franklin gehörte zum Foyer: Spendentafeln, Stiftungsreden, silbernes Haar, us-amerikanische Wohltätigkeit, ein Mann, der zwischen Reporterinnen und Kadetten stehen konnte, ohne dass jemand nach seinem früheren Leben fragte.
Wladimir Frantzusow gehörte nicht dorthin. Der Name passte in Akten, in Grenzvermerke, in alte Sportprogramme aus der Sowjetunion, in Berichte, die niemand freiwillig unterschrieben hatte. Er brachte eine andere Kälte mit sich, nicht die des Eises, sondern die eines Archivs, das nie ganz verbrannte.
„Er droht weiterhin mit der Offenlegung seiner Westkontakte?“, fragte die Stimme.
„Ja. Nicht offen. Aber ausreichend deutlich.“ Der Turnierarzt sah zur Tür. „Er glaubt, er könne den KGB mit alten Namen ködern, um kurzfristig an Geld zu kommen. Käufer, Mittelsmänner, medizinische Programme, Zahlungen. Alles, was damals unter Sportaustausch lief.“
„Er wird nicht verstanden haben, wem er schadet.“
„Doch“, sagte der Turnierarzt. „Das ist das Problem. Er versteht es. Er ist nur verzweifelt.“
„Verzweiflung macht alte Männer gesprächig.“
„Und schlechte Schuldner kreativ.“
Die Stimme am anderen Ende atmete einmal hörbar aus. Es klang nicht nach Sorge. Eher nach jemandem, der einen Haken auf einer Liste setzte.
„Wenn Frantzusow seine Kontakte offenlegt, wird der Verkauf sowjetischer Sportgeheimnisse an die US-Amerikaner aufgerollt. Überlegen Sie, was das heißen könnte, wie viele Olympiabronzemedaillen der letzten siebzig Jahre wir zurückgeben müssten. Niemand würde mehr unseren Sportlerinnen vertrauen.“
Der Turnierarzt nahm die Korrektur hin. „Dann ja. Die damaligen Programme, die Proben, die Trainingsmethoden, die Zahlungswege, alles würde auftauchen. Und diesmal unter den Augen der Vereinten Nationen.“
Die Leitung rauschte.
Aus der Halle drang Applaus herein. Ein Name wurde gerufen. Der Turnierarzt verstand ihn nicht: Vielleicht Luc, Cemil oder Shane. Die jungen Männer wurden aufgerufen, während in diesem kleinen Raum ihre Zukunft bereits als Strafsanktion betrachtet wurde.
„Welche Gegenmaßnahmen schlagen Sie vor?“, fragte die Stimme des Krebskandidaten.
„Zwei Möglichkeiten. Unglaubwürdigkeit oder Unfall.“
„In dieser Reihenfolge?“
„Öffentlich ja. Praktisch hängt es vom Zeitfenster ab.“ Der Turnierarzt ging zum Regal und zog eine Mappe halb heraus, nur um sie sofort wieder einzuschieben. „Frantzusow ist angeschlagen. Er hat Schulden, emotionale Ausbrüche, Widersprüche in seinen eigenen Stiftungsunterlagen. Eine Kampagne gegen seine Glaubwürdigkeit wäre machbar. Überforderung, finanzielle Panik, alte sowjetische Ressentiments, vielleicht eine beginnende kognitive Störung. Man muss ihn nicht widerlegen. Man muss nur dafür sorgen, dass jeder Beleg nach Rache aussieht.“
„Und der Unfall?“
Der Turnierarzt schwieg einen Moment.
Er dachte an den Pokal, an Treppen, an flackerndes Licht, an die Eisfläche, die noch nicht freigegeben war, an alte Leitungen, schlechte Isolierung, medizinische Überwachung, Notfallroutinen. Eine verfallene Eishalle bot mehr Möglichkeiten, als ein moderner Ort je erlaubt hätte.
„Ebenfalls machbar“, sagte er.
„Ohne Spuren?“
„Ohne Spuren gibt es nichts. Mit plausiblen Spuren, ja.“
Die Stimme am anderen Ende blieb ungerührt. „Ein Spezialist wird entsandt.“
Der Turnierarzt hob den Kopf.
„Wann?“
„Sofort.“
„Das Gelände ist klein, deshalb fallen Fremde auf.“
„Dann sorgen Sie dafür, dass ein Fremder nicht fremd wirkt. Presse, Technik, medizinische Verstärkung, Sicherheitsdienst, Stiftungsprüfer. Mir ist gleichgültig, in welcher Verkleidung er ankommt.“
Der Mund des Turnierarztes wurde schmal. „Ich bin kein Pförtner.“
„Heute Nacht sind Sie alles, was ich will.“
Zeit: Das Wort war in diesem Raum wichtiger als Geld, wichtiger als Blut, wichtiger als der Pokal mit den geschnitzten Eberköpfen. Zeit war die letzte Währung, die sie noch kontrollieren konnten. Denn sobald die Sieger feststanden, sobald das versprochene Stipendiengeld angewiesen werden musste, sobald eine Vereinte Nationen-Vertreterin eine Zweckbindung prüfte und ein Geschäftsmann wie Jonathan in Zahlen sah, was nicht existierte, würde das ganze Gebäude aus Behauptungen einstürzen.
„Wie viel Zeit?“, fragte der Turnierarzt.
„Bis nach Mitternacht. Der Spezialist braucht Anreise, Zugang und einen Augenblick ohne Publikum.“
„Frantzusow muss nach der Siegerehrung sprechen.“
„Dann darf die Siegerehrung nicht pünktlich stattfinden.“
Der Turnierarzt sah zur Tür.
Der Gang draußen war leer. Noch.
„Ich kann medizinische Verzögerungen einleiten“, sagte er. „Formale Drogen- und Dopinguntersuchungen. Nicht nur bei einem Spieler, bei allen Kapitänen. Das ist sauberer. Bei einem internationalen Jugendturnier mit Stiftungsgeldern und Vereinte Nationen-Beobachtung lässt sich das als zusätzliche Integritätsmaßnahme verkaufen.“
„Ohne Verdacht?“
„Gerade ohne Verdacht. Prävention wirkt vor Kameras besser als Misstrauen.“
„Wie viel bringt das?“
„Eine Stunde, wenn die Teams kooperieren. Zwei, wenn jemand protestiert. Mehr, wenn eine Probe nicht eindeutig zugeordnet werden kann oder ein Formular fehlt.“
„Sorgen Sie dafür, dass etwas fehlt.“
Der Turnierarzt lächelte nicht. „Natürlich.“
„Aber übertreiben Sie nicht. Wir wollen keine Aufmerksamkeit auf die Tests lenken.“
„Aufmerksamkeit wird es geben. Empörung vielleicht. Das kann nützlich sein.“ Er nahm einen Stift vom Tisch und drehte ihn zwischen den Fingern. „Sportler hassen ungerechtfertigte Kontrollen. Kapitäne noch mehr. Wenn sie sich streiten, sieht jeder auf sie. Nicht auf Frantzusow.“
„Und wenn Hart oder die Vereinte Nationen-Frau die Stiftungssicherheiten prüfen?“
„Ich verzögere den Zugang. Medizinische Priorität, Spielbetrieb, Sicherheitsfreigaben. Außerdem kann Franklin selbst noch behaupten, die endgültigen Bescheinigungen lägen extern.“
„Kann er das überzeugend?“
Der Turnierarzt dachte an Franklins Stirn, an seine Finger am Gehstock, an die Art, wie er vorhin fast „bitte“ gesagt hätte, ohne es aussprechen zu wollen.
„Nicht lange.“
„Dann halten Sie ihn vom Reden ab.“
„Ich habe es versucht.“
„Versuchen Sie es nicht! Erreichen Sie es!“
Die Leitung schwieg.
Der Turnierarzt legte den Stift ab. Ganz gerade, parallel zur Tischkante. Seine Hand blieb einen Moment darauf liegen.
„Es gibt noch einen Faktor“, sagte er.
„Welchen?“
„Die jungen Männer.“
„Spezifizieren Sie.“
„Hollander hat gehört, dass etwas nicht stimmt. Vielleicht nicht genug. Aber genug, um misstrauisch zu werden. Rozanow ebenfalls.“
„Belastbar?“
„Emotional.“
„Das ist meist besser.“
„Und riskanter.“ Seine Stimme blieb sachlich. „Zwischen ihnen gibt es eine Verbindung. Nicht öffentlich, vermutlich nicht stabil, aber sichtbar, wenn man danach sucht.“
„Nutzen Sie sie!“
Der Turnierarzt sah in den kleinen Spiegel, der über einem Waschbecken hing. Darin stand ein Mann mit ordentlichem Haar, ruhigem Gesicht und einem Anhänger am Revers, der bei jeder Bewegung wie eine Erinnerung an ein anderes Fest zitterte.
„Ich habe begonnen.“
„Gut. Private Verletzlichkeit erzeugt Fehler. Fehler erzeugen Zeit.“
„Und wenn sie sich nicht gegeneinanderstellen lassen?“
„Dann stellt man die Öffentlichkeit zwischen sie.“
Aus der Halle drang wieder Musik herein, diesmal lauter. Die Gala zog Richtung Eis. Der Turnierarzt hörte Schritte, die am Gang vorbeigingen, lachend, ahnungslos.
Er wartete, bis sie weiter waren.
„Verstanden“, sagte er.
„Eine Sache noch.“
Der Turnierarzt schwieg beleidigt.
„Frantzusow darf den KGB nicht erreichen. Nicht direkt, nicht über alte Kontakte, nicht über eine Botschaft, nicht über irgendeinen sentimental gewordenen Mittelsmann. Falls Sie improvisieren müssen: Der Skandal ist gefährlicher als ein Toter.“
Von vorne kam ein heller Jubel. Ein Kind lachte. Dann die Stimme von Eleanor Price, die über Mikrophon um Aufmerksamkeit bat. Gleich würde der Übergang zur Eisfläche beginnen. Gleich würde alles heller, öffentlicher, schwerer kontrollierbar und zugleich leichter zu tarnen werden.
„Verstanden“, sagte er schließlich.
Die Leitung brach ab.
Er hielt das Telephon noch einen Moment am Ohr, als könne das Schweigen ihm weitere Anweisungen geben. Dann klappte er es zu und steckte es in die Innentasche zurück.
Im Geräteraum war es plötzlich sehr still.
Zeit bestand oft aus Bürokratie.
Er löschte das Licht nicht, als er ging.
Der Turnierarzt richtete den Anhänger an seinem Revers, glättete seinen Ärmel und ging in Richtung Eisfläche.
Hinter ihm lag der Geräteraum mit seinen Akten, seinen verschobenen Formularen und dem dünnen warmen Lichtstreifen auf dem Boden.
Der Korridor blieb still.
Aber diesmal hatte er etwas gehört, das größer war als Erpressung: Einen hyperborealen Zeitplan.


