Frauen, Männer und Personal warteten auf die Polizei. Dana kam so bedeckt wie möglich in die Halle, schlich zu Jonathan und Fox und flüsterte:
„Er ist tot.“
Das war kein natürlicher Zustand für eine Eishalle. Eishallen warteten auf Pfiffe, Musik, Kufen, Stürze, Jubel, gelegentlich auf die Reparatur einer Kühlanlage. Sie warteten nicht gern auf Beamte mit Notizblöcken und der Macht, einen Abend in Aussagen, Uhrzeiten und Widersprüche zu zerlegen.
Trotzdem wartete sie.
Fox stand am Rand der Eisfläche und beobachtete die drei Gruppen, die er eben selbst geschaffen hatte. Links die Männer, rechts die Frauen, unten an der Bande Personal, Dienstbotinnen, Fahrer, Musikerinnen, Hallenkräfte und alle, die an diesem Abend arbeiten mussten, während andere sich für wohltätig hielten. Die Mannschaften standen in ihren Blöcken, die Kapitäne sichtbar, die Kadetten des Jahrgangs Wildschwein wie ein gold-fliederfarbener Riegel vor dem provisorisch abgesperrten Bereich des Eises.
Die Ordnung hielt genauso gut wie die Spannung.
Ein Mann vom Stifterkreis zupfte seit zwei Minuten an seiner Manschette. Eine Dame in violettem Samt begann bereits zum dritten Mal zu erzählen, dass sie noch nie in ihrem Leben „wie eine Verdächtige behandelt“ worden sei. Bei den Dienstboten wurde leise über den Unterschied zwischen Helferinnen, Kellnern und Hallenpersonal gestritten. Die japanische Mannschaft war diszipliniert genug, um nicht aufzufallen; die französische war höflich genug, um dabei gefährlich elegant zu wirken; die sowjetische stand zu ruhig; die osmanische zu wach; die Briten sahen zu Shane, der aussah, als würde er gleich ein neues Spiel beginnen, um nicht länger untätig stehen zu müssen.
Jonathan trat neben Fox.
„Das wird kippen. Wenn die Leute hören, das Franklin tot ist“, sagte er leise.
„Wer könnte es verhindern?“
„Der Abend allein kann das. Man kann mittelmäßig reiche Provinzielle, sehr junge Sportler und sehr nervöse Lokalpolitiker nicht beliebig lange in drei Gruppen sortiert herumstehen lassen, ohne dass jemand entweder flieht, schreit oder eine Rede hält.“
Fox sah zu einem Stadtrat, der gerade einem Sicherheitsmann erklärte, sein Amt berechtige ihn vermutlich dazu, „kurz frische Luft“ zu holen.
„Ich hätte mit der Rede gerechnet.“
„Dann verhindern wir die Rede.“
„Haben Sie eine Idee?“
Jonathan sah zu den österreichischen Kadetten.
Fox folgte seinem Blick.
Moritz Felinger stand am Rand der Absperrung, gerade, ernst, in fliederfarbener Jacke, goldener Hose, mit der Miene eines jungen Mannes, der jederzeit bereit war, ein Gedicht, ein Kommando oder einen Untergang mit Haltung zu begleiten.
Fox seufzte. „Bitte sagen Sie mir, dass Ihre Idee keine bewaffnete Schülerformation beinhaltet.“
„Keine bewaffnete.“
Jonathan hob die Hand. „Kadett Felinger.“
Der Angesprochene kam sofort genau so schnell, wie es für einen neunzehnjährigen Jahrgangssprecher angemessen war, der gerade von einem us-amerikanischen Billionär und einem FBI-Agenten herbeigerufen wurde.
„Herr Hart. Agent Mulder.“
Fox sah ihn an. „Sie haben gerade sehr richtig gegrüßt, ohne zu salutieren.“
„Sir, das Salutieren erfolgt nur bei der ersten Begegnung des Tages; und bei Meldungen an Vorgesetzte. Deshalb ich vorher mit Salut gegrüßt, jetzt aber nicht, weil Sie nicht mein Vorgesetzter sind.“
Jonathan lächelte. „Eine Funktion, die den meisten Erwachsenen fehlt.“
Felinger nahm das Kompliment mit einem knappen Nicken hin. Er ließ sich nicht aus der Haltung locken.
„Wir brauchen Beschäftigung“, sagte Jonathan.
„Für die Verdächtigen?“, fragte der Kadett.
Fox hob eine Hand zu einer ausladenden Geste. „Für die Zeugen.“
Felinger sah an ihm vorbei in die Halle. „Natürlich, Sir.“
„Sie können doch sicher etwas aus Ihrem Standardrepertoire improvisieren“, sagte Jonathan. „Etwas, das die Leute beschäftigt, sie aber an Ort und Stelle hält.“
Felinger dachte einen Atemzug nach.
„Eine Quadrille.“
Fox blinzelte. „Eine was?“
„Eine Quadrille, Sir. Gesellschaftstanz in Figuren. Vier Paare pro Gruppe, sehr gut zu beaufsichtigen, geordnet, elegant genug, um die Würde der Anwesenden zu schonen, und kompliziert genug, damit sie nicht gleichzeitig tuscheln, fliehen und sich beleidigt fühlen.“
Jonathan sah zu Fox. „Ich nehme alles zurück. Österreich ist strategisch überlegen.“
„Ich hatte das bereits befürchtet“, sagte Fox.
Felinger fuhr fort: „Wir können die Verdächtigen nach Ihren Gruppen trennen und nur jeweils kleine Sets tanzen lassen. Männergruppe, Frauengruppe und Personal getrennt. Die Mannschaften tanzen extra. Die Kadetten verteilen sich als Vortänzer auf die Gruppen. Ich diktiere die Figuren.“
„Sie haben das schon einmal gemacht?“, fragte Fox.
„Jeden Donnerstag, Sir, das gehört zu den Pflichten des Jahrgangssprechers.“
„Warum frage ich nur?.“
Jonathan nickte zur Eisfläche. „Der Boden?“
Moritz sah auf das Eis. „Erscheint mir aus der Perspektive eines gelernten Feuerwehrmannes nicht ideal.“
„Das ist zurückhaltend formuliert“, sagte Fox.
„Wir haben Teppichläufer gesehen, Sir. Rote vom Siegerehrungspodest und zwei breite graue aus dem Foyer. Wenn man sie quer legt und mit Sandsäcken sichert, reicht es für eine Quadrille. Außerdem zerstören wir dann keine Spuren des Mordes…äh…des Unfalls.“
„Das klingt wie eine FBI-Richtlinie“, murmelte Fox.
Jonathan klatschte einmal leise in die Hände. „Dann tun wir das.“
Felinger nickte und wandte sich ohne weiteres mikrophonlos an die Menge: „Sehr geehrte Damen und Herren, um die Behandlung von Dr. Franklin nicht zu verspannen wird der Jahrgang Wildschwein des Leopoldinischen Militärgymnasiums Sie nun zu einer angesagten Publikumsquadrille. Die Damen Kadetten Bardorf, Gamberger, Habicher, Schachner, Wallner und Winkler organisieren die Damengruppen je zu acht im Carré. Die Männergruppen stellen die Herren Kadetten Bock, Braimeier, Gissenwehrer, Hamberger, Manne und Meindlhummer auf. Die sieben Gruppen des Personals, gemischt, übernehmen die Herren Kadetten Astner, Kromoser, Müller, Piskula, Rottensteiner, Schedler und Sieger. Teppichholer sind die Herren Kadetten Steingötter, Stieber und die Brüder Thell, die danach sofort wieder die Bewachung der Bandenausgänge übernehmen. Ich sage an, die Herren Kadetten Unger, Unterweger und Werni koordinieren die drei Gruppen als Unteransager. Wir starten ohne Musik. Ich sage alle sechs Touren an, das sind: Pantalon, Été, Poule, Trénis, Pastourelle und Finale.“
Vier Kadetten holten die abgetretenen Teppichläufer aus dem Foyer, unterstützt von zwei Hallenarbeiterinnen, die den flieder-goldenen Burschen zulächelten, und einem Kellner, dessen Firmungsanzug unter der Last seine zu kurzen Ärmel bloßlegte. Die Teppiche wurden über einen Teil der Eisfläche gelegt, direkt vor der Bande, weit genug vom Unfallplatz entfernt. Sandsäcke, Kabeltrommeln und zwei alte Holzbänke hielten die Ränder fest. Das Ergebnis sah absurd aus: ein improvisierter Tanzboden auf Eis, unter Scheinwerfern, neben einer Stelle, an der eben ein Mann zusammengebrochen war.
Aber gerade deshalb funktionierte es.
Die Menschen starrten.
Alberica Alkba überwachte die Verteilung von Glühgingerale mit der Autorität einer Frau, die schon Schüler, Lehrerinnen, Eltern und möglicherweise drei Generationen überkochtes Gemüse überlebt hatte.
„Langsam“, sagte sie zu einem jungen Kellner. „Wir füttern keine Gänse vor Martini.“
Der Kellner nickte, als sei das eine Dienstvorschrift.
Fox beobachtete sie. „Ich glaube, diese Frau könnte ein Bundesgebäude evakuieren, wenn man ihr genug Suppenkellen gibt.“
Jonathan nickte. „Ich würde ihr nicht widersprechen.“
Moritz trat auf den Teppich, hob die Hand, und vier Kadetten stellten sich neben ihn. Zwei Kadetten, zwei Kadettinnen, goldene Röcke und Hosen, fliederfarbene Jacken, weiße Handschuhe. Die Damenjacken hatten eine einzelne Knopfreihe auf der richtigen Seite, wie Jennifer es beim Anblick später vermutlich anerkennend bemerken würde. Der goldene Uniformrock der Kadettin endete knapp über dem Boden, kurz genug, um nicht zu stolpern, lang genug.
Felinger sprach ohne Mikrophon, das Jennifer dem Sprecher nicht zurückgegeben, aber für diesen Zweck freigegeben hatte.
„L’Engagement!“
Die Kadetten nahmen die Aufstellung der jeweils vier Paare vor, bis die ganze versammelte Zuseherschaft aufgeteilt war, wobei die Mannschaften zu den Dienstboten gestellt wurden.
„Als großzügigste Spenderin des Abends ist Frau Jennifer Hart die höchstanwesende Dame. Orientieren Sie sich an den Eingeteilten Kadetten! Salutation!“
Die Kadetten wandten sich zu Jennifer, die neben Jonathan Aufstellung genommen hatte. Die Damen machten einen Knicks, die Herren eine Verbeugung. Alle verharrten in dieser Haltung, bis auch die verwirrten Gäste diese seltsame Pose einnahmen.
„Pantalon: Compliment zum eigenen Partner, Compliment zum gegenüberliegenden Paar, Chaîne anglaise, Balancé, Tour de Main, Chaîne des Dames, Promenade und Chaîne anglaise!“
Jennifer trat neben Jonathan und Fox.
„Eine Quadrille? Und ich bin das Ziel der Salutation. Das hatte ich ja nicht einmal bei unserer Hochzeit.“, fragte sie.
Jonathan sagte: „Notfallmaßnahme.“
„Ich liebe Österreich.“
Auf den Teppichen entspannte sich etwas. Die Gruppen folgten den Anweisungen der eingeteilten Kadetten, manche zuerst noch ungelenk, aber schon beim zweiten Durchgang sah es zumindest nicht mehr wie völliges Chaos aus.
Fox beobachtete die Halle. Luc Moreau sah Cemil Arslan kurz an, als die Quadrille begann. Cemil erwiderte den Blick nicht, aber seine Schultern entspannten sich um kaum ein sichtbares Maß, als er den Platz befehlsgemäß wechselte. Ilya Rozanow tanzte in seinem Team. Shane Hollander sah hinüber, als wolle er nicht gesehen werden und genau deshalb nicht wegsehen, während er eine Chaîne anglaise zum gegenüberliegenden Platz machte. Kenji Takamura beobachtete die Figuren mit höflichem Interesse, als könne aus einem österreichischen Gesellschaftstanz eine taktische Information gewonnen werden. Niemand beugte sich zum Compliment so gespannt wie er.
„Das ist die seltsamste Zeugensicherung, die ich je gesehen habe“, sagte Fox, während Felinger den dritten Durchgang ansagte.
„Aber sie funktioniert“, sagte Jonathan.
„Das beunruhigt mich noch mehr.“
Das war der Moment, in dem die Stimmung endgültig nicht mehr kippte. Menschen, die eben noch Verdächtige, Zeugen oder schlechte Schauspieler im eigenen Leben gewesen waren, wurden für ein paar Minuten wieder Gäste in einer grotesken, überhitzten, schlecht isolierten Eishalle. Sie tanzten Ordnung und blieben vor allem da.
Moritz verneigte sich. Die Kadetten ebenfalls. Der Teppich hatte gehalten. Die Ordnung auch. „Été!“
Ein Kellner ging an ihnen vorbei, ein Tablett mit leeren Gläsern auf einer Hand, den Kopf leicht gesenkt. Er hatte dunkles Haar, schmale Schultern und bewegte sich mit einer vertrauten, fast nachlässigen Geschicklichkeit durch die Gruppen, als kenne er Räume immer von hinten.
Fox erstarrte.
Der Kellner verschwand zwischen zwei Hallenarbeitern und einer Gruppe Kadetten, die die nächsten Figuren anleiteten.
Fox setzte sein Glas ab.
„Das ist unmöglich“, sagte er.
Jonathan sah ihn an. „Was?“
Fox blinzelte, suchte die Menge erneut ab. „Ich dachte gerade, ich hätte Alex Krycek gesehen.“
„Einen Bekannten?“
„Einen Toten, einen Verräter, einen Mann, der meistens dann auftaucht, wenn die Realität schlechte Absichten hat.“
Jennifer sah ihn interessiert an. „Und?“
Fox fand den Kellner nicht wieder. Nur Tabletts, Uniformen, Punschgläser, fliederfarbene Jacken, goldene Röcke, Männergruppen, Frauengruppen, Dienstboten, Spieler, die sich zu Felingers freundlichen Kommandos in den Quadrillefiguren über die Teppiche bewegten, als spielte ein Orchester.
Er sah auf sein Glas.
„Punsch“, sagte er schließlich.
Jonathan gab ihm ein volles Glas sehr behutsam in die Hand. „Sicher?“
Fox sah zur Menge, dann zur Seitentür, hinter der Dana verschwunden war.
„Nein“, sagte er. „Aber es wäre beruhigender.“
Am anderen Ende der Halle kündigte Sirenengeheul das Eintreffen der Polizei an.
Die Quadrille verhinderte jede Panik, weil alle, Frauen, Männer, Personal und Mannschaften, den Ansagen des Tanzmeisters folgten.


