Max bewegte sich mit jener beruhigenden Präzision durch den Raum, die nur Menschen besitzen, die seit Jahrzehnten gelernt haben, Reichtum und Katastrophen gleichermaßen geräuscharm zu bedienen.
Jennifer führte die kleine Gesellschaft hinein: Jonathan, Fox, Scully, Shane mit provisorischer Schlinge, und Ilya, makellos kontrolliert genug, dass es fast unhöflich wirkte. Max schlug Servietten auf, als sei dies kein Rückzugsort nach einer chaotischen Eishallenkatastrophe, sondern ein ganz gewöhnlicher Winterabend mit leicht verspäteten Gästen.
„Frau Hart. Herr Hart“, sagte Max. „Sie finden die Wildschweinpastete mit Preiselbeeren, Zwiebelmarmelade und Feigensenf, dazu einen österreichischen Riesling aus dem Traisental, dessen Säure hervorragend mit der herzhaften Pastete harmoniert.“
Jonathan honorierte die Ankündigung mit einem freundlichen Nicken, als Max ihm zum Vorkosten einschenkte: „Max, Sie sind ein Leuchtfeuer.“
„Danke, Sir.“
Max zog Shanes Stuhl mit unauffälliger Rücksicht so heraus, dass dessen verletzte Seite geschont wurde, ohne dass es wie Hilfe aussah.
Dana bemerkte es. Shane auch. Das machte es ihm nicht leichter, aber weniger demütigend. Er setzte sich, etwas steif. Ilya nahm den Stuhl schräg gegenüber, nicht neben ihm. Jonathan und Jennifer saßen an den Stirnseiten. Fox und Scully dazwischen. Perfekt gemischt, perfekt unverdächtig, perfekt so arrangiert, dass niemand zufällig zu viel Nähe oder zu viel Abstand erklären musste.
Die erste Minute gehörte dem Geschirr.
Jonathan nahm seine Vorspeisgabel, sprach ein lateinisches Tischgebet und lud dann ein. „Ich weiß, es klingt nach einer merkwürdigen Priorität, aber ich habe immer geglaubt, dass der erste Schritt zurück zur Vernunft in einer guten Pastete liegt.“
Fox sah auf den elegant arrangierten Vorspeisenteller. „Das ist vernünftiger als fast alles, was heute Abend gesagt wurde, außer die Rede von Amara El-Amin.“
Dana nahm den ersten Bissen und schnurrte zufrieden. Für einen Augenblick schloss sie die Augen. Die Pastete schafft es für einen Moment, den verrückten Abend und die Unterbrechung der Rückfahrt verschwimmen zu lassen.
Jennifer sah kurz zu Shane. „Wie geht es deiner Schulter?“
„Noch dran.“
„Gerade so“, sagte Dana, die ihre Augen wieder geöffnet und ihren medizinischen Ernst wieder angelegt hatte.
Jonathan hob sein Glas leicht. „Auf gerade so. Es ist oft die stabilste Form des Überlebens.“
Kein offizieller Trinkspruch, nur ein kleiner, menschengerechter Seitenwitz.
Ilya sagte nichts. Aber sein Blick ging einmal, schnell und ungewollt, zu Shanes Schulter und wieder weg.
Fox sah auf sein Glas. „Kein Handyempfang?“
Jonathan nickte. „Das ist einer der Gründe, warum wir das Chalet so mögen und der Hauptgrund, warum Jennifer es für pädagogisch hält. Dumm wird es nur, wenn der Schnee die Landleitung hinunter zum Dorf blockiert, dann ist man hier fast völlig isoliert, wenn man keinen Satellitenkontakt hat.“
Jennifer sah ihn an. „Manche Menschen brauchen Stille, um zu merken, was sie sagen wollen.“
„Und manche“, sagte Fox, „brauchen Empfang, um herauszufinden, wer ihnen gerade einen Verdächtigen entzieht.“
Scully legte den Löffel ab. „Toolidle?“
Das Wort hing kurz zwischen Kamin und Kerzen.
Jonathan setzte das Glas ab. „Indianapolis, St. Louis oder Mexiko Stadt werden ihn schneller vor Gericht stellen, als man 1957 Sputnik sagen konnte oder als die lokale Polizei ‚Zuständigkeit‘ buchstabieren kann.“
„Mexiko-Stadt?“, sagte Fox.
Jennifer ließ Max die Vorspeisenteller abservieren und die Lauchcremesuppe servieren.
Das Gespräch blieb zunächst an den Rändern: Wetter, Religion, Straßenzustand, Klimaerwärmung, die motivierten österreichischen Kadetten aus Enns, die fulminante Amara El-Amin, die trotz ihres jungen Alters die Vereinten Nationen mit einer Leichtigkeit präsentierte wie eine erfahrene osmanische, britische oder japanische Prinzessin. Die Unmöglichkeit, gute Presse zu steuern, wenn lokale Politiker sentimental wurden. Jonathan erzählte eine halbe Anekdote über einen texanischen Sicherheitschef, der fast in Mexiko-Stadt hingerichtet worden wäre, und eine falsch beschriftete Schneefräse in Illinois. Jennifer ließ ihn genau lange genug erzählen, dass der Tisch einmal gemeinsam atmete.
Dann klingelte das Festnetztelephon.
Alle sahen auf.
Max war sofort da, nahm den Hörer im Nebenzimmer ab und kehrte einen Moment später zurück.
„Frau Hart. Alexis Colby.“
Jonathan hob langsam den Blick.
Jennifer tat es ebenfalls.
„Jetzt?“, fragte Jonathan.
„Ja, Sir.“
Jennifer stand auf. „Entschuldigen Sie mich bitte.“
Sie ging ins Nebenzimmer. Die Tür blieb einen Spalt offen, gerade genug, dass man ihre Seite des Gesprächs hörte, nicht aber die der anderen Frau.
„Alexis, wie schön, dich zu hören.“
Eine Pause.
„Jetzt sofort?“
Noch eine Pause.
„Denver in Mexiko?“
Jennifer schwieg kurz. Dann war ihre Stimme wieder ganz Samt und Stahl.
„Nein, natürlich nicht unmöglich. Nur sehr überraschend. Und Manama? Für eine Juwelenauktion?“
Pause.
„Ja. Ja, ich verstehe. Für dich doch selbstverständlich. Und natürlich bringe ich Jonathan mit. Er liebt Denver.“
Jonathan verdrehte kurz die Augen.
„Wenn Alexis anruft“, sagte er in den Raum, „ist das nie etwas, das höflich bis morgen warten möchte. Und ich hatte mich schon auf ein heißes Bad nach dem Essen gefreut. Mit Jennifer, versteht sich.“
Fox sah auf. „Das kann ich gut verstehen.“
Scully warf ihm einen strafenden Blick zu.
Fox hob beide Hände. „Das war allgemeine Zustimmung zum Konzept heißer Bäder mit unserer charmanten Gastgeberin.“
Ilya konnte sich ein Kichern nicht verkneifen, Shane rollte mit den Augen, Dana rieb aggressiv etwas Pfeffer in ihre Suppe. Jonathan blickte in die Runde, zuerst zu Dana, dann zu Shane, zu Fox und schließlich zu Ilya.
„Finanziell, sozial, strategisch — bei Alexis ist das meist dasselbe. Und nur zu Information, Agent Mulder, unsere Badewanne ist nur groß genug für zwei!“
Jennifer kam zurück.
„Wir müssen nach Denver, Schatz.“
Shane hob den Blick. Ilya legte den Löffel beiseite, nachdem er schnell die letzten Suppenreste genossen hatte.
Jonathan sagte nichts. Das allein bedeutete bereits: Er hatte akzeptiert, dass der Satz Realität werden würde, egal ob es ihm gefiel oder nicht.
Scully fragte: „Heute Nacht?“
„Alexis hat ein Problem, das sich offenbar nur mit sofortiger persönlicher Anwesenheit, sehr gutem Willen und vermutlich öligem Wodka lösen lässt.“
Jonathan seufzte. „Dann ist es ernst. Und kostet teure Juwelen.“
Jennifer nickte Max zu. „Bitte bereiten Sie alles vor für unsre Abreise nach dem Essen.“
„Natürlich, Madame.“
Er verschwand lautlos.
Von draußen war in der Ferne schon ein anderes Geräusch zu hören. Rotoren.
Fox sah zum Fenster. Der Wind hatte zugenommen. Schnee trieb quer an den Scheiben vorbei. Das Chalet wirkte plötzlich noch höher, noch abgeschnittener, noch endgültiger. Und war da gerade ein Wildschwein über die Terrasse gelaufen?
Jonathan blickte auf und ging zum Fenster. „Der Sturm kommt schneller als gedacht.“
Dana sah ebenfalls hinaus. „Wie schnell?“
Jonathan antwortete nicht sofort.
Jennifer übernahm. „Schnell genug, dass wir den Hubschrauber jetzt nehmen müssen. Für die Autos ist es schon zu gefährlich und für den Schlitten zu dunkel.“
Shane legte den Löffel weg. „Wir können natürlich zurück ins Tal.“
Jonathan drehte sich um, als hätte Shane etwas völlig Verrücktes vorgeschlagen.
„In dieser Nacht? Mit Ihrer Schulter? Durch diese Straßen?“
Jennifer sagte es weicher. Aber nicht weniger entschieden.
„Nein.“
Sie sah nun gezielt zu Shane und Ilya.
„Sie beide bleiben natürlich hier. Mit dem Auto wäre es eine Fahrt von vier Stunden ohne Schnee, jetzt ist es unmöglich. Und im Hubschrauber ist leider nicht genug Platz für alle, wenn wir bis zum Flughafen von Springfield kommen müssen.“
Ilya blinzelte einmal, weil er kurz prüfen musste, ob sie gerade wirklich genau das sagte, was sie sagte.
„Frau Hart—“
„Das Chalet hat ausreichend Gästezimmer neben dem Hauptschlafzimmer, insgesamt vierzig Räume mit einem Pool im Keller und auch einem kleinen Fitnessraum“, sagte Jennifer. „Genügend Vorräte. Max wird alles vorbereiten. Sobald der Schneesturm vorbei ist, schicken wir den Hubschrauber zurück, um Sie wieder ins Tal zu bringen. Sie können sich so weit voneinander entfernen, wie Sie möchten. Sie müssen einander nicht begegnen, damit kein Ost-West-Konflikt ausbricht.“
Jonathan ergänzte trocken: „In etwa drei bis vier Tagen, wenn das Wetter sich benimmt und die Berge nicht beschließen, noch ein bisschen Theater zu spielen.“
Shane sah zwischen den Harts hin und her.
„Drei bis vier Tage?“
Jennifer lächelte, charmoriert und völlig unaufdringlich. „Sie werden das überleben.“
Ilya sagte nichts.
Jonathan blickte vom Fenster zurück an den Tisch. „Und bitte — streiten Sie nicht. Es ist ein ausgezeichnetes Haus, aber die Akustik trägt.“ Max servierte die Souflaki: je drei pro Person eines mit Lamm, eines mit Ente und eines mit Lachs. Dazu legte er aus einer Schüssel Braterdäpfel und gedämpftes Gemüse vor. Zu jedem Platz stellte er ein Schälchen mit scharfem Zaziki.
Jennifer nahm ihre Gabel auf und löste die Stücke von den Spießen. „Sie sind unsere Gäste. Benehmen Sie sich wie welche.“
Dann ergänzte sie harmonistischer: „Und ruhen Sie sich beide aus.“
Dana sah Jennifer an.
Sie verstand genau, was Jennifer da gerade gesellschaftlich baute: ein sicheres Dach, eine plausible Notwendigkeit, eine diskrete Trennung von Öffentlichkeit und ein Arrangement, das keinerlei Erklärung brauchte, solange niemand boshaft genug war, zu genau hinzusehen.
Fox merkte dasselbe und sagte nichts, was es verraten hätte. Max kehrte zurück.
„Der Hubschrauber ist in sieben Minuten da. Ihre Reisetaschen sind bereits vorbereitet. Für die Herren Hollander und Rozanow belasse ich die britische und die sowjetische Suite her, außer etwas anderes ist gewünscht.“
Jonathan nickte. „Ausgezeichnet. Und bitte noch etwas Wärmeres für später, am besten Germknödel mit zerlassener Butter und Mohnzucker.“
„Selbstverständlich, Sir, ich werde es in den Dampfgarer schieben.“
Shane schaute auf seine verletzte Schulter, dann kurz zu Ilya, dann wieder auf den Tisch.
„Das ist sehr großzügig.“
Jennifer antwortete sofort: „Nein, nur praktisch wegen der fehlenden Hubschrauberplätze.“
Jonathan sah beide jungen Männer an. „Und bevor einer von Ihnen auf die Idee kommt, aus Anstand in irgendeiner kalten Dienstbotenhütte auf dem Gelände zu verschwinden: Lassen Sie es.“
Ilya hob leicht die Brauen. „Ich hatte nicht vor, in einer Hütte zu schlafen.“
„Gut, dann sind Sie der Mann, auf den ich wetten werde, auch wenn er für die Feinde kämpft.“
Draußen kam der Hubschrauber jetzt hörbar näher. Das Licht zuckte kurz über den Schnee. Der Rotorenlärm füllte den Raum mit jener harten Wirklichkeit, die jede Gemütlichkeit in eine Frist verwandelte.
Jennifer trat hinter Shane und legte ihm kurz die Hand auf die gesunde Schulter.
„Sie sind hier sicher.“
Dann ging sie um den Tisch herum und blieb für einen Augenblick auch bei Ilya stehen.
„Und Sie auch.“
Jonathan nahm bereits seinen Mantel. Max reichte Jennifer ihren. Fox und Dana aßen noch schnell die Reste des Zazikis und nickten Max dankbar zu.
Dana sah Jennifer an. „Wir fliegen nach Springfield mit?“
„Ja selbstverständlich. Von dort aus können Sie Ihren nächsten dringenden Auftrag erreichen, Ihre Berichte schreiben oder versuchen, Dr. Toolidle wiederzufinden, falls London plötzlich doch an höflicher Zusammenarbeit interessiert ist und verrät, ob er in Indianapolis, St. Louis oder Mexiko Stadt gelandet ist.“
Fox zog seinen Mantel an. „Das klingt nach einem Märchen.“
„Ich mag Märchen“, sagte Jennifer. „Sie sind ehrlicher, wenn sie zugeben, dass Drachen vorkommen.“
Jonathan zog die Handschuhe an. Fox sah auf Shane und Ilya. Beide standen nun ebenfalls. Öffentlich war das immer noch eine Folge der heldenhaften Kooperation. Privat war es eine ganz andere Geschichte.
Jennifer ging zur Tür, drehte sich noch einmal um und sagte in genau dem Ton, der zwischen Scherz, Befehl und Zärtlichkeit perfekt austariert war:
„Kein Streit. Keine heldenhaften Alleingänge. Keine nächtlichen Fluchten in den Sturm. Nutzen Sie die Gästezimmer. Dafür sind sie da. Und viel Spaß mit sechs Portionen von Max’ phantastischer Crème brûlée.“
Jonathan ergänzte: „Und lassen Sie Platz für die Germknödel.“
Zum ersten Mal an diesem Abend kam von Shane beinahe so etwas wie echtes, erschöpftes Lachen. Ilya erlaubte sich immerhin den Anflug eines Ausdrucks, der in wärmerem Licht vielleicht als Lächeln durchgegangen wäre.
Max öffnete.
Der Wind schlug Schnee fast waagrecht über die Veranda. Rotoren. Licht. Kälte.
Jennifer trat hinaus, Jonathan hinter ihr. Fox und Dana folgten.
Max blieb noch einen Moment in der Tür stehen, sah zu Shane und Ilya zurück und sagte nur:
„Die Teekanne steht im Salon. Für den Fall, dass der Abend noch nicht erhitzt genug ist.“
Dann schloss sich die Tür. Der Rotorenlärm schwoll an, entfernte sich langsam und wurde schließlich vom Sturm verschluckt.
Im Speisezimmer blieb Wärme zurück.
Und zwei junge Männer, die plötzlich mehr Zeit hatten, als ihnen lieb war.


