Nach der Trage

352 0 0

Die Eishalle war nach dem Abtransport der Trage leer geworden.
Die Zuschauer hatten sich ins Foyer geflüchtet, so geordnet, wie Jennifer es eben verlangt hatte, aber Ordnung war nicht dasselbe wie Ruhe. Auf dem Eis glitzerten noch Spuren der Preisverleihung: Schleifmarken, ein verlorener Handschuh, ein einzelner Tropfen dunkler Flüssigkeit, der wahrscheinlich nur Glühgingerale war und trotzdem falsch aussah.
Der Pokal war fort. Das machte den Platz, an dem er gestanden hatte, nicht weniger auffällig.
Dana kniete dort, wo Franklin zusammengebrochen war. Sie hatte ihren Mantel ausgezogen, die Ärmel ihres dunklen Kostüms hochgeschoben und betrachtete das Eis mit derselben ernsten Genauigkeit, mit der andere Menschen eine Landkarte lasen. Fox hatte schon davor zwei neugierige Lokalpolitikerinnen, einen Photographen und einen Mann vom Gala-Komitee hinausgetrieben und damit verhindert, den Ort aus Versehen in eine Fußmatte zu verwandeln.
Jennifer stand allein am Rand der Fläche. Ihr Gesicht war ruhig, ihr Blick nicht. Shane Hollander hatte sich von hinten angeschlichen, obwohl seine Mannschaft längst Richtung Kabinen geschickt worden war. Er stand zu aufrecht. Zu reglos. Genau so stehen Menschen, wenn sie glauben, jede falsche Bewegung könne zu viel verraten.
Dana stand auf und kam zu Jennifer. Ihre Stimme war leise, aber sie schnitt sauber durch die gespannte Luft.
„Das war kein gewöhnlicher Herzinfarkt.“
Shane sprang hinter der Bande hervor und erschreckte die beiden Frauen durch sein ungebremstes Fragen. „Was heißt gewöhnlich?“
„Es heißt, dass sein Zusammenbruch nicht zu dem passte, was der Turnierarzt sofort behauptet hat.“
Jennifer sah zu ihr. „Er sagte kardial.“
„Er sagte es zu schnell.“ Dana blickte zur Seitentür. „Bevor er Puls, Pupillen, Atmung und neurologische Zeichen ausreichend geprüft hatte.“
Shane schluckte. „Aber es könnte trotzdem ein Herzinfarkt gewesen sein. Und warum wollten Sie ihm Gonadotropin spritzen? Das ist doch keine Therapie für Herzinfarkt. Habe ich grade gegoogelt.“
„Studiere zuerst Medizin, bevor du meine Entscheidungen in Frage stellst“, sagte Dana. „Die Reizung an seiner Hand, das plötzliche Versagen der linken Seite, der Zeitpunkt beim Kontakt mit dem Pokal und die Art, wie er den Blick noch gezielt bewegen konnte, sprechen gegen einen einfachen kardialen Kollaps. Ich tippe auf Hirnschlag oder etwas Schlimmeres.“
Jennifer wurde sehr still. „Gift?“
Dana sah sie an. „Möglich.“
„Über den Pokal?“, fragte Shane.
„Möglich.“
„Es war nicht Ilya“, flüsterte Shane.
Jennifer drehte den Kopf zu ihm.
Dana ebenfalls.
Shane bemerkte die Wirkung seiner Worte einen Moment zu spät. „Ich meine, falls jemand auf diese Idee kommt. Er hat nur den Pokal entgegengenommen.“
„Niemand hat ihn beschuldigt“, sagte Dana.
„Noch nicht.“
Jennifer sah Shane interessiert an. „Das war schnell.“
Shane spannte die Schultern. „Er war vor allen Kameras. Er hatte beide Hände am Pokal. Er hätte gar keine Gelegenheit gehabt, Franklin etwas zu geben.“
„Er hatte Kontakt zum Pokal“, sagte Dana sachlich.
„Alle hatten Kontakt zum Pokal. Franklin. Helfer. Der Turnierarzt. Wahrscheinlich irgendein Mann mit Handschuhen. Luc stand näher als Ilya, als Franklin vortrat.“
Shane fuhr fort, schneller als zuvor: „Cemil war auch nah genug. Er hätte vorher an den Pokal gekonnt. Oder Kenji. Japan war früh am Aufstellungsrand. Vielleicht hat jemand aus Japan eine alte Lacktechnik benutzt, irgendetwas mit Metall und Hautkontakt, wie im Luzon-Krieg?“
Dana sah ihn an.
Jennifer sah ihn sehr freundlich an, was schlimmer war.
„Shane“, sagte sie, „das war eine bemerkenswert internationale Streuung des Verdachts.“
„Ich sage nur, dass Ilya nicht der Einzige in der Nähe war.“
„Niemand sagte, dass Kapitän Rozanow verdächtig ist“, sagte Dana.
„Aber alle werden es denken.“ Seine Stimme wurde rauer. „Sowjetischer Kapitän gewinnt. Philanthrop sagt etwas über einen vertrauten Namen und die Sowjetunion. Dann fällt er um, während Ilya den Pokal hält. Das schreibt sich von selbst.“
Jennifer nickte langsam. „Das klingt ja wirklich verdächtig, so hatte ich das noch gar nicht gesehen. Die Geschichte ist hässlich, aber sie ist einfach. Einfache Geschichten reisen schnell.“
Dana sah wieder zur Stelle auf dem Eis. „Dann müssen wir ermöglichen, dass die Wahrheit ans Licht kommt.“
Jennifer zog die Handschuhe enger, obwohl sie nicht fror. „Wir haben noch ein anderes Problem. Franklin hatte ein starkes Motiv, nicht zu sterben, aber sehr viele andere könnten ein Motiv gehabt haben, ihn loszuwerden.“
Jennifer wandte sich an Dana. „Franklin war pleite.“
Shane blinzelte. „Was?“
„Nicht knapp bei Kasse. Nicht vorübergehend illiquide. Pleite in der Art, bei der Anwälte anfangen, einander höfliche Briefe zu schreiben und am Ende niemand mehr höflich ist.“
Dana wurde aufmerksam. „Woher wissen Sie das?“
„Aus seinen Unterlagen.“
Dana hob die Augenbrauen. „Sie haben seine Unterlagen?“
„Ich habe sie gesehen.“
„In einem Büro?“
„In einem sehr unromantischen Geräteraum.“
Jennifer räusperte sich. „Wir sind zufällig auf Akten gestoßen.“
Jennifer räusperte sich. „Der Stipendienfonds, den er heute Abend so feierlich aufgerufen hat, scheint nicht gedeckt zu sein. Die Stiftungssicherheiten sind entweder mehrfach belastet oder noch nicht eingebracht. Außerdem gibt es unveröffentlichte Asbestfunde in der Halle. Die Abrisskosten haben sich mindestens verdoppelt.“
Dana schloss kurz die Augen, als ordne sie die Informationen. „Also hätte Franklin nach dem Turnier sechzehn Millionen für die Sowjetunion bereitstellen müssen, die er vermutlich nicht hatte.“
„Und weitere Summen für die Platzierten“, sagte Jennifer. „Acht, vier, zwei, eine Million. Auch wenn die Staffelung teilweise aus Sicherheiten bestanden hätte, wäre eine Prüfung unausweichlich gewesen.“
Jennifer sah zur Ehrentribüne. „Zu dumm, wenn jemand ihn wegen des Geldes getötet hätte. Oder wegen eines Erbes. Oder, weil sein Tod die Auszahlung verzögert.“
Shane drehte sich langsam um.
„Ich weiß, was Sie versuchen.“ Ihre Stimme blieb ruhig. „Aber wenn es Mord war, dann helfen uns keine Ausreden. Auch keine abenteuerlichen.“
Shane verstummte.
Dana sah zu Shane. „Hat er mit Ihnen auch gesprochen?“
Shane schüttelte den Kopf. „Nein.“
„Mit Ilya?“
Shane zögerte zu lange.
„Ich weiß es nicht.“
Dana merkte sich das Zögern. Sie drängte nicht. Noch nicht.
Sie griff in ihre Manteltasche und zog ihr Telephon hervor. „Ich fordere Daten an. Alle fünf Kapitäne. Vollständige Reisedaten, medizinische Auffälligkeiten, familiäre Beziehungen, bekannte Kontakte zu Franklin, dem Turnierarzt und dem Stipendienfonds. Außerdem alles, was zur Halle, zum Pokal und zu den Asbestfunden vorliegt.“
Dana wählte, drehte sich halb ab und sprach leise, präzise, mit der Geduld eines Menschen, der wusste, dass Bürokratie manchmal schneller wurde, wenn man ihr keine Gelegenheit gab, sich selbst zu erklären.
Jennifer beobachtete unterdessen Shane.
Dana beendete das Telephonat und kam zurück. Ihr Gesicht ließ keinen Trost zu.
„Der Turnierarzt hat ihn in seinen medizinischen Raum bringen lassen. Ich will die Wiederbelebungsmaßnahmen sehen, auch die Medikation, wer im Raum war, wer welche Ampulle geöffnet hat, was dokumentiert wurde, wieviel Atropin und Gonadotropin ihm gespritzt wurde; und ob er ihm das Purgativum verabreicht hat.“
Jennifer sah zur Seitentür. „Sie trauen dem Turnierarzt nicht?“
„Nein.“
„Weil er zu schnell war?“
„Weil er zu ungeprüft war, weil er zu früh diagnostiziert hat, weil er meinen Fragen ausweicht und weil Franklin eine Hautreaktion an der Hand hatte, die ich nicht ignorieren werde.“
Shane trat sofort vor. „Ich komme mit.“
„Nein“, sagte Dana.
„Ich habe gesehen, wie er gefallen ist.“
„Das haben viele.“
„Wenn jemand Ilya—“
„Genau deshalb bleiben Sie hier.“ Dana sah ihn fest an. „Sie helfen ihm nicht, wenn Sie aussehen, als wollten Sie Beweise vernichten.“
Das traf.
Shane trat zurück, aber es kostete ihn sichtbare Mühe.
Jennifer legte ihm leicht eine Hand auf den Arm. „Manchmal schützt man jemanden besser, indem man nicht neben ihm steht.“
„Das klingt wie etwas, das Erwachsene sagen, wenn sie keine Ahnung haben, was passiert.“
„Oft. Diesmal ist es aufgrund meiner Autorität trotzdem richtig.“
Dana ging bereits zur Seitentür. Jennifer schloss sich an, doch blieb sie noch einmal stehen und sah über das Eis zurück.
Der Pokal war fort, der Sponsor im Krankenzimmer. Aber der Fall hatte gerade erst angefangen. Dana öffnete die Tür zum Gang hinter der Tribüne.
„Jetzt“, sagte sie, „sehen wir uns an, wie ein Herzinfarkt geerntet wird.“

Please Login in order to comment!