In der Halle hatte es Eis gegeben, Scheinwerfer, Tribünen, Musik und genügend Raum, damit sich Menschen hinter Zeremonien verstecken konnten. Hier im Clubraum gab es nur Glasvitrinen mit Pokalen, vergilbte Mannschaftsphotos, kleine Messingschilder mit Namen, die niemand außerhalb dieses Tals je gekannt hatte, und dazwischen das kalte, harte Licht eines Raumes, der zu oft Ehrung gespielt hatte, um gut auf Wahrheit vorbereitet zu sein.
Auf einem langen Tisch lagen nun Zeitungsausschnitte, die Schuldenübersicht, das Asbestgutachten, die Liste der umgebuchten Spendeneinnahmen, Fox’ Notizen und Danas Vorabwerte und sogar ein altmodischer Mikrofilm, den Mulder im Fuß des Silberpokals gefunden hatte.
Der alte Wanderpokal stand wieder in seiner Vitrine, als hätte er mit alledem nichts zu tun.
Dr. Dorian Toolidle, der Turnierarzt, stand bereits im Raum. Die Hände sauber gefaltet. Das Gesicht in jener ärztlichen Neutralität vergraben, die bei ihm immer wie eine einstudierte Version von Unschuld wirkte. Shane stand auf der linken Seite des Tisches, äußerlich ruhig, innerlich unter Strom. Ilya auf der rechten, glatter, kälter, und gerade deshalb nicht weniger angespannt.
Fox und Dana traten ein. Jennifer und Jonathan folgten einen halben Schritt später.
Die Tür schloss sich.
Fox setzte sich nicht. Dana auch nicht. Jennifer legte eine Mappe auf den Tisch. Jonathan stellte sich so hin, dass er die Tür im Blick hatte, als traue er in diesem Gebäude inzwischen sogar den Wänden nicht mehr.
„Danke, dass Sie geblieben sind“, sagte Fox.
Toolidle neigte den Kopf minimal. „Als Arzt und als Bürger hatte ich kaum eine Wahl, Agent Mulder.“
Jonathan murmelte: „Es ist verdächtig, wenn Menschen ‚als Bürger‘ sagen.“
Jennifer warf ihm einen kurzen Blick zu, der bedeutete: später darüber lachen, jetzt noch nicht.
Fox nahm das Innsbruck-Photo und legte es mit der Vorderseite nach oben in die Mitte des Tisches.
„Dann machen wir es einfach.“
Der Arzt sah nur einen Augenblick auf das Photo, bevor er mit den Schultern zuckte.
Shane und Ilya sahen fast gleichzeitig dorthin.
Unter dem Bild stand: US-Amerikanischer Sportarzt Toolidle und sein sowjetischer Konkurrent Frantzusow anlässlich der Olympischen Winterspiele 1964 in Innsbruck.
Shane sagte nichts. Aber seine Schultern wurden härter.
Ilya las den zweiten Namen noch einmal.
„Frantz—?“
„Frantzusow“, sagte Dana.
Toolidle hob den Blick vom Photo. Seine Stimme blieb ruhig.
„Alte Pressemappen sind oft ungenau. Namen werden verwechselt. Bildunterschriften erst recht.“
Jennifer legte eine zweite Seite dazu. Derselbe Name, anderer Zeitungsausschnitt. Wieder Innsbruck und auch wieder Toolidle und Frantzusow.
„Dann war Innsbruck offenbar außergewöhnlich oft ungenau. Und das vor über 60 Jahren, wo es noch keine KI-generierte Falschmeldungen gab.“
Toolidle sah nun kurz zu ihr. Nicht feindselig. Eher gereizt, dass in diesem Raum nicht nur Ermittler standen, sondern auch intelligente Gastgeber.
Fox sprach weiter, ohne ihm Zeit zu geben, eine saubere Geschichte zu bauen.
„Walter Franklin war also nicht immer Walter Franklin. Er taucht in alten Zusammenhängen als Frantzusow auf, russischer Sportarzt. Verbunden mit Ihnen und mit sowjetischer Sportmedizin, lange bevor er 1979 unter neuem Namen in den USA auftaucht.“
Shane sah von Fox zu Toolidle, dann zu Ilya.
Ilya sah nur auf das Photo.
„Mein Großvater kannte ihn vielleicht.“
Der Arzt antwortete zu schnell. „Vielleicht.“
„Oder sicher?“, fragte Fox.
Toolidle verschränkte die Finger fester. „Agent Mulder, wir reden über sechzig Jahre alte Presseaufnahmen. Damals traf sich die gesamte Wintersportmedizin des Westblocks und des Ostblocks und des Nordblocks irgendwo in Innsbruck.“
Jonathan sagte trocken: „Dann ist es ja praktisch, dass ausgerechnet Sie und unser Toter heute wieder in einer Eishalle miteinander endeten.“
Toolidle ignorierte ihn.
Jennifer legte nun die Schuldenliste daneben.
„Und ausgerechnet heute Nacht entdecken wir, dass Franklin kein großzügiger Sponsor war, sondern bankrott. Das Stipendiengeld existierte nicht. Die Spendeneinnahmen waren schon umgebucht. Der Abriss dieser Halle wurde durch Asbest zum Kostengrab.“
Sie schob ihm die entsprechenden Seiten zu.
„Das ist eine sehr schlechte wirtschaftliche Kulisse für einen Herztod.“
Fox ging langsam um den Tisch herum.
„Kapitän Hollander hörte im Korridor von alten Unterlagen, sowjetischen Lieferwegen und Zahlungen. Also dachte er an Rozanow.“
Shane starrte auf die Tischkante.
Fox fuhr fort: „Kapitän Rozanow hörte von einem beliebten Jungen, Bildern, Gerüchten und Erpressbarkeit. Also dachte er an Hollander.“
Er blieb zwischen beiden stehen.
„Beide lagen falsch oder zumindest halb falsch.“
Toolidle sagte ruhig: „Oder sie haben beide genau das gehört, was zwei junge Männer mit zu viel Phantasie und Hormonen eben hören, wenn Erwachsene komplizierte Dinge besprechen.“
Dana sprach zum ersten Mal gezielt gegen ihn.
„Komplizierte Dinge wie sowjetische Sportmedizin?“
Toolidle sah sie an. „Komplizierte Dinge wie alte Karrieren, Agent Scully.“
„Und alte Namen.“
Kurze Stille.
Fox legte nun die toxikologischen Vorabwerte daneben.
„Wir haben noch etwas. Keiner der vier Kapitäne war mit einem relevanten Kontaktgift kontaminiert. Weder Moreau noch Arslan, weder Hollander noch Rozanow.“
Toolidle sagte nichts.
Fox tippte auf das Papier.
„Das entlastet unsere Sportler auf eine bestimmte Weise. Es lässt aber jemanden übrig, der nicht auf dem Eis gewinnen musste, um nahe genug zu sein.“
Toolidle hob leicht die Brauen.
„Takamura?“
Jennifer antwortete vor Fox.
„Japan ist zu vornehm für Mord, es wäre nicht mit den Prinzipien des Shinto vereinbar, jemanden zu vergiften, das war auch die direkte direktive von Dr. Amara El-Amin. Noch beschuldigen wir Sie nicht. Wir stellen nur fest, dass Sie seit Jahrzehnten mit Franklin verbunden waren, heute Abend in seiner Nähe blieben, seine finanzielle Not gekannt haben dürften und medizinisch am schnellsten die Deutungshoheit beansprucht haben.“
Fox drehte sich sofort zu Shane und Ilya.
„Sie beide wissen mehr übereinander, als für zwei reine Konkurrenten vernünftig wäre.“
Ilya sagte nichts, ebenso wenig Shane.
Jennifer sah zwischen beiden hin und her.
„Und genau das hat Franklin oder Toolidle vermutlich gerochen.“
Der Arzt lachte leise auf, was das erste unechte Geräusch von ihm ergab.
„Sie überschätzen die Bedeutung jugendlicher Dramatik.“
Jennifer hielt ihm stand.
„Nein. Ich unterschätze nur selten, wie alte Apokalyptik sie missbraucht.“
Dana sah wieder auf ihre Werte.
„Im Moment wissen wir Folgendes: Franklin starb nicht durch eine simple direkte Kontamination über einen der vier Kapitäne. Das schließt Gift nicht aus. Es schließt nur die naheliegende Übertragung durch unsere Spieler aus. Dr. Toolidle hatte eine alte Verbindung zu Franklin. Franklin war finanziell erledigt. Hollander und Rozanow hatten beide etwas gehört, das sie gegeneinander und zugleich füreinander wachsam gemacht hatte.“
Fox sagte ruhig: „Und Moreau und Arslan fallen damit aus dem Zentrum.“
Toolidle sprach scharf genug, dass der Satz beinahe ein Fehler wurde.
„Natürlich tun sie das. Die Söhne waren zu offensichtlich.“
Fox sah ihn an.
„Das ging schnell.“
Toolidle merkte es zu spät.
Jonathan stieß leise Luft aus.
„Ach, Dorian.“
Toolidle drehte den Kopf langsam zu ihm.
„Ich heiße Dr. Toolidle.“
Jonathan sah auf das Photo.
„Das wird Ihnen auf dem elektrischen Stuhl keinen Schmerz ersparen.“
Scully schob das Innsbruck-Photo noch ein Stück näher.
„Sie beide haben jahrzehntelang miteinander zu tun gehabt. Worum ging es?“
Toolidle antwortete sofort. „Sportmedizin. Austausch. Kongresse. Offizielle Programme.“
Fox fragte fast beiläufig: „Und sowjetische Sportgeheimnisse?“
Keine Antwort. Shane sah nun offen zu Ilya. Nicht mit Vorwurf. Mit der kalten Erkenntnis, dass beide in denselben schlechten Mechanismus geraten waren. Ilya merkte es und sah zurück.
Jennifer fing eine Libelle, die aus unerklärlichen Gründen durch den Raum flog, streichelte sie und ließ sie weiterfliegen.
Fox sagte: „Ich glaube nicht, dass einer unserer beiden Kapitäne Franklin getötet hat. Ich glaube aber, dass Franklin und vielleicht Sie, Dr. Toolidle, beide jungen Männer in eine Lage gebracht haben, in der jeder den anderen für gefährlich halten musste.“
Toolidle sagte nichts.
Dana trat einen Schritt näher an den Tisch.
„Und wenn Franklin heute Abend alte Rechnungen begleichen, Schweigen kaufen oder jemanden mit Schande disziplinieren wollte, dann brauchen wir seine vollständigen medizinischen und historischen Unterlagen. Sofort.“
Toolidle sah zu ihr.
„Sie haben keine Grundlage—“
„Doch“, sagte Dana. „Einen Toten.“
Stille. Jonathan ging langsam zur Tür, um sich als Wache zu profilieren als stille Erinnerung, dass niemand diesen Raum jetzt einfach verließ.
Jennifer blieb am Tisch. Fox sah nacheinander zu den drei Verbleibenden: Toolidle, Shane und Ilya.
„Gut“, sagte Fox. „Dann von vorne. Dr. Toolidle, Sie haben von Frantzusow sowjetische Sportgeheimnisse gekauft. Und als er von Alexey Rozanow, Ilyas Großvater, erwischt wurde, haben Sie ihm zur Flucht in die USA geholfen, um ihn vor der Exekution wegen Hochverrats zu schützen – und sich selbst gegen Rache des KGB. Und jetzt, wo Franklin pleite war, wollte er Sie mit diesem Geheimnis erpressen oder seine Hintermänner an den KGB verkaufen, je nachdem, was mehr Geld brächte. Stimmt es so?“
Die Stille nach Fox’ letztem Satz hielt nur einen Atemzug bevor Toolidle sich bewegte. Der Turnierarzt machte einen kleinen Schritt zurück, als wolle er nur anders stehen. Die rechte Hand streifte fast beiläufig die Tischkante entlang, schob eine der Mappen ein Stück zur Seite und stieß im selben Moment mit dem Ellbogen gegen die schmale Glasvitrine neben sich. Das Glas kippte sofort um und zerbrach klirrend. Der Raum verlor für einen Sekundenbruchteil seine Ordnung.
Jonathan reagierte zuerst.
„Oh, nein—“
Toolidle war schon durch die entstandene Lücke, erstaunlich schnell für einen Mann seines Alters. Nicht Richtung Tür, die Jonathan halb deckte, sondern Richtung Fenster zum Hinterhof.
Fox setzte nach, rutschte aber auf den Glassplittern aus.
„Stehenbleiben!“
Toolidle tat es natürlich nicht.
Shane war noch schneller als Fox. Keine Überlegung, nur Muskelgedächtnis, Sportinstinkt und der brutale Wunsch, endlich etwas Greifbares aufzuhalten. Er stieß sich vom Tisch ab und jagte Toolidle hinterher Richtung Fenster.
„Shane, nicht—“, rief Dana zu spät.
Ilya fluchte auf Russisch und war im nächsten Moment ebenfalls in Bewegung.
Jennifer sah ihnen nach, dann sofort auf Jonathan.
„Versperr die Tür!“
Jonathan nickte und ging an die Haupttür, wo er schon den ersten neugierigen Polizisten mit einem einzigen Blick abfing, bevor er den Schlüssel im Schloss umdrehte, abzog und siegessicher einsteckte.
Toolidle rannte nicht mehr elegant. Er war schnell, aber jetzt sichtbar ein alter Mann in einem Clubraum, der nicht für Flucht, sondern für Geschwätz gebaut worden war.
Shane holte auf.
„Bleiben Sie stehen!“
Toolidle riss den stählernen Sektkübel in Form eines Eberkopfs aus dem Ständer und schlug mit für sein Alter ungewöhnlicher Kraft das Fenster ein. Der kalte Wind ließ alle im Raum erstarren. Kältere Luft schlug ihm entgegen.
Shane war direkt hinter ihm und griff nach seinem Arm.
Er bekam ihn auch, weshalb für einen halben Sekundenbruchteil die Sache entschieden schien.
Dann drehte Toolidle sich mit erstaunlich hässlicher Entschlossenheit aus dem Griff. Er schlug nicht sportlich, nicht sauber, sondern alt und gemein mit demselben Eberkopfsektkübel zu, sodass die stilisierten Hauer sich tief in Shanes Brust stachen und ein Knacksen etwas Gebrochenes zwischen Schlüsselbein oder Rippen andeutete.
Shane stieß den Atem aus, halb Schmerz, halb Schock, und verlor den Halt.
Fox kam hinterher, sah nur noch die Bewegung, Toolidles Arm, Shane, der gegen die Holzvertäfelung des Clubraums prallte.
„Verdammt—“
Ilya war jetzt da und ging nicht auf Toolidle los, sondern direkt zu Shane.
Das war das Problem, zwar nicht falsch menschlich, aber taktisch verkehrt.
Er fing Shane im Absinken halb auf, griff an die verletzte Stelle, merkte sofort, dass das falsch war, und zog die Hand wieder weg.
„Shane—“
Nur der Name geschrien, zu nackt, zu echt.
Shane presste die Zähne aufeinander und versuchte, sich hochzudrücken.
„Mir geht’s—“
Es ging ihm nicht gut.
Das sahen jetzt alle.
Fox und Jonathan waren inzwischen an Toolidle. Jonathan packte den Arzt nicht elegant, sondern mit der völlig richtigen Mischung aus Zorn und praktischer Erfahrung, als hätte er in seinem Leben genug schlechte Männer gesehen, um zu wissen, wie überraschend wenig Stil man brauchte, um sie zu Boden zu bringen. Der Sektkübel fiel scheppernd zu Boden, der Sprung aus dem Fenster auf die Feuerleiter war verhindert. Fox nahm den anderen Arm, drehte ihn sauber nach hinten und drückte Toolidle gegen die Wand.
„Sie verstehen das nicht“, keuchte Toolidle. „Fragen Sie Langley. Ich tue das für Langley!“
Fox zog die Handschellen. „Das ist selten ein gutes Zeichen.“
Jonathan hielt ihn fest.
„Und meistens keine Entschuldigung.“
Dana war jetzt ebenfalls bei Shane und sah in einer einzigen Blickbewegung alles:
Shane bleich, zu schnell atmend, blutend; und etwas in Ilyas Gesicht, das in keinem guten Erklärungsmodell mehr bloß sportliche Rivalität heißen konnte.
Dana ging sofort zu Shane.
„Weg von der Wunde. Beide.“
Ilya zog die Hände zurück, als hätte man ihn verbrannt.
Shane versuchte aufzustehen. Dana drückte ihn mit professioneller Brutalität wieder gegen die Wand.
„Nein. Sitzen bleiben.“
Sie tastete das Schlüsselbein ab, dann vorsichtig die Schulter und das Brustbein. Shane zuckte zusammen. Sie suchte die Quelle der Blutung, prüfte rasch, ob ein größeres Gefäß verletzt war.
„Scheiße—“, brachte Shane hervor.
„Atmen Sie flach“, sagte Dana. „Die Wunde ist tief, aber nicht tödlich, soweit ich das sehe. Noch nicht bewegen.“
Ilya kniete immer noch daneben.
„Ist es gebrochen? Warum ist da so viel Blut?“
Dana hob den Blick zu ihm.
„Ich brauche Platz.“
Ilya bewegte sich nicht sofort.
Jennifer trat neben ihn, denn sie sah die Szene und verstand in einem Augenblick alles, was sozial gefährlich daran war.
Nicht die Verletzung oder Toolidles peinlichen Fluchtversuch durch das Clubraumfenster, sondern Ilya, wie er neben Shane kniete, als sei ihm der Rest des Raums gerade völlig gleichgültig geworden.
Jennifer ging direkt zu ihnen.
„Ilya.“
Er sah zu ihr auf. Wie aus großer Entfernung.
„Aufstehen!“
Ilya gehorchte.
Jennifer trat zwischen ihn und Shane, legte eine Hand kurz an Ilyas Unterarm und drehte ihn dabei mit der sanftesten denkbaren Bestimmtheit aus der direkten Blicklinie.
„Dana braucht Licht, Raum und Ruhe, keine Zuschauer, nicht einmal tapfere Sportskameraden.“
Ilya wollte etwas sagen, tat es aber nicht, als er vom Glanz ihres Platinschmucks mit den schwarzen Korallenfragmenten geblendet wurde.
Jennifer sah ihn an. Einen einzigen Moment lang vollkommen mütterlich und vollkommen unmissverständlich hauchte sie ihm ins Ohr: „Hilf ihm, indem du nicht im Weg bist.“
Das traf ihn, weil es wahr war. Ilya machte einen Schritt zurück. Shane sah zu ihm hoch. Schmerz, Scham, Sorge, alles zu schnell auf einmal.
Dana merkte das, sagte aber nur: „Atmen, nicht denken.“
Shane lachte fast, was eine schlechte Reaktion war.
„Großer Fan von beidem gerade.“
Dana ignorierte es und arbeitete weiter, indem sie ihm Jacke und Hemd herunterriss.
Jonathan hielt Toolidle noch immer fest, Fox hatte ihm inzwischen Handschellen angelegt und bereitete ein Stück alter Tischdecke als Knebel vor.
„Das war ein Reflex, kein Geständnis. Der Junge hat einen Asthamanfall und braucht frische Luft sowie Anesthezingas!“, sagte Toolidle.
„Mondgestein!“, sagte Fox. „Ihrer war Flucht. Seiner war Anstand.“
Jennifer drehte sich halb zu den Männern mit dem gefesselten Arzt.
„Bringt ihn hinaus und knebelt ihn endlich! Sofort.“
Jonathan sah sie an, woraufhin sie den Blick erwiderte.
Der Ton war nicht verhandelbar, weshalb Fox und Jonathan Toolidle Richtung Tür zogen, die Jonathan sofort wieder aufsperrte.
Der Arzt versuchte noch einmal, sich loszureden. „Sie begreifen nicht, was Franklin getan hätte. Sie müssen Langley kontaktieren. Es geht um nationales Ansehen!“
„Dann erzählen Sie es später“, sagte Fox, bevor er ihm endgültig das staubige alte Tischtuchfragment einschob.
Jonathan ergänzte: „Sehr viel später.“
Toolidle wurde hinaus gebracht, worauf im Raum nur noch Dana bei Shane war, Jennifer einen halben Schritt hinter ihr und Ilya am Rand.
Dana tastete weiter vorsichtig. „Offene Verletzung, sicher Prellung oder Schlüsselbeinverletzung, vielleicht angerissen. Beweg den Arm nicht! Ich stoppe zuerst die Blutung und hoffe, dass es nicht die Schlüsselbeinvene war.“
Shane nickte knapp, atmete zu schnell.
Ilya sagte leise: „Er hat wegen mir—“
Jennifer unterbrach ihn sofort.
„Nein!“
Ilya sah sie an.
„Jetzt behandeln wir einen Verwundeten. Und du bist ein mutiger Konkurrent, der geholfen hat. Das ist unsere Geschichte.“
Das nahm ihm den Atem weg, aber es rettete ihn auch. Shane schloss kurz die Augen. Schmerz, Erschöpfung und etwas, das gefährlich nahe an Panik war wegen der Schulter, der Karriere und etwas Unausgesprochenem im Raum.
Dana merkte den Rhythmuswechsel sofort.
„Huhuhu, bei mir bleiben! Jennifer, geben Sie mir Ihren Seidenschal. Ich brauche etwas Sauberes, um die Blutung zu stoppen. Es ist keine Arterie, aber ich nehme hier nichts Dreckiges oder Verschwitztes.“
Shane atmete flacher.
„Ich bin da!“
Jennifer band ihr kostbares Seidentuch ohne Zögern los und gab es Scully, die daraus einen Druckverband machte.
„Der war ein Geschenk von Jonathan in Lubumbashi im Kongo.“
„Das spricht für die Qualität“, sagte Scully, bevor sie Shane den Druckverband mit dem kostbaren Schal anlegte. „Du rutschst gerade weg. Langsamer. Ein. Aus. Atmen!“
Jennifer erkannte es einen Herzschlag später, die Mischung aus Schmerz und Panik. Sie sah zu Ilya, der schon wieder unbewusst einen Schritt nach vorn gemacht hatte.
„Nicht!“
Sanft drückte sie mit der flachen Hand gegen seine Brust. Er blieb stehen.
Jennifer kniete sich diesmal selbst an die andere Seite von Shane.
„Shane. Atmen Sie nur bis vier! Mehr nicht, so macht Max das immer, wenn ihm beim Rasenmähen die Puste ausgeht und er trotzdem bis zur Cocktailparty fertig sein muss. Den Rest übernehmen wir.“
Shane versuchte es, scheiterte, versuchte es noch einmal.
„Gut“, sagte Jennifer. „Noch einmal.“
Ilya stand am Rand des eiskalten Clubraums, durch dessen zerbrochenes Fenster der grausame Wind Schnee herein trieb. Weil ihm nichts anderes einfiel, kurbelte er die Jalousien herunter, die zwar kaum gegen die Kälte halfen, aber zumindest den Schneesturm abwehrten. Dann zog er die schweren, staubigen Samtvorhänge zu, die wohl seit 1947 nicht mehr ausgelüftet worden waren. Ilya sah aus, als würde ihn jede Sekunde, in der er nichts tun durfte, mehr kosten als eine Ohrfeige. Genau deshalb blieb Jennifer zwischen ihm und Shane.
Scully richtete den Druckverband provisorisch.
„Wir bringen ihn jetzt in einen wärmeren Raum.“
Jennifer nickte, bevor sie aufstand, ging zu Ilya und sprach leise genug, dass es privat blieb.
„Sie kommen nicht mit.“
Ilya sagte sofort: „Er braucht—“
„Er braucht jetzt vor allem keine Zuschauer, die zu viel fühlen.“
Ilya schwieg. Jennifer legte ihm kurz die Hand an den Arm, zugleich Trost und Grenze.
„Wenn Sie ihm helfen wollen, dann lassen Sie Dana ihre Arbeit tun. Und geben Sie den Männern draußen keine Sekunde mehr Material, als sie ohnehin schon haben. Später lösen wir alles.“
Ilya nickte einmal hart genug, dass es fast schmerzte. Jennifer sah, dass er verstanden hatte. Fox kam an die Tür zurück.
„Toolidle ist gesichert und geknebelt der Polizei übergeben.“
Er sah auf Shane, dann auf Ilya, dann wieder auf Jennifer. Er verstand ebenfalls sofort, dass hier gerade nicht nur ein Verletzter und ein Verdächtiger standen, sondern etwas Sozialeres, Fragileres, das in den falschen Händen sofort zur Waffe würde.
Jennifer sagte nur: „Wir nehmen Shane. Alle anderen hinaus.“
Fox nickte, als Jonathan die Tür offen hielt.
Dana half Shane vorsichtig hoch. Er biss die Zähne zusammen und sagte diesmal nichts Dummes.
Ilya machte reflexhaft einen halben Schritt, blieb aber stehen, als Jennifer ihn nur ansah. Shane drehte im Herausgehen den Kopf, für einen Augenblick sah er Ilya an.
Jennifer ging mit Shane und Dana hinaus.
Jonathan folgte mit Fox.
Ilya blieb für einen Moment allein im kalten Raum zurück.
Zwischen Holzvertäfelung, Summen und dem Nachhall eines Schlags, der vielleicht nur eine Vene getroffen hatte — aber etwas anderes viel tiefer freigelegt hatte. Und der silberne Pokal glänzte in der kleinen Blutlache diabolisch.


