Der Clubraum sah aus, als hätte man ihn in den fünfziger Jahren für Vereinsvorstände gebaut und danach beschlossen, dass Modernisierung eine vorübergehende Mode sei.
Zu helles Deckenlicht. Graugrüne Wände mit splittriger Holzvertäfelung. Ein zu langer Tisch aus dunklem Holzimitat, dessen Kanten an den Stellen glänzten, an denen seit Jahrzehnten nervöse Hände entlanggestrichen waren. Zehn Sessel, davon fünf auf der einen Seite, fünf auf der anderen. An der Wand hingen Mannschaftsphotos, vergilbte Zeitungsartikel und ein verblichener Wimpel der Chestnut Boars.
Auf einem Beistelltisch stand ein Thermoskännchen mit Tee. Daneben lag ein Teller mit trockenen Butterkeksen, die wirkten, als habe man sie für die Eröffnung der Halle 1947 gebacken.
Fox stand nicht neben dem Tisch, sondern am Fenster, das nur auf einen dunklen Innenhof hinausging. Er wirkte, als habe er nicht vor, sich von Möbeln eine Verhörstrategie verhindern zu lassen. Dana saß bereits, die Mappe vor sich geschlossen, einen Stift parallel zur Kante gelegt. Sie hatte die Haltung einer Frau, die erst dann schrieb, wenn Menschen anfingen, nützlich zu werden.
Die Tür ging auf.
Nacheinander traten ein:
Luc, Kapitän Frankreichs, Cemil, Kapitän des Osmanischen Reiches, Shane, Kapitän des britischen Teams, und Ilya Rozanow, Kapitän der Sowjetunion.
Vier Männer lebten vier Arten von Anspannung.
Luc sah aus, als trüge er Haltung wie andere Leute ein Jackett: elegant, mühelos, etwas zu bewusst. Cemil wirkte wie jemand, der gelernt hatte, Kontrolle enger zu schnallen, je hässlicher die Situation wurde. Shane erschien ruhig, aber nur, wenn man nichts von Schultern und Händen verstand. Ilya war wieder ganz glatt geworden, was bei ihm nie Entspannung bedeutete.
Fox deutete auf die vier Stühle.
„Meine Herren. Setzen Sie sich!“
Keiner tat es sofort: Shane zuerst, halb widerwillig; Luc mit knapper, korrekter Bewegung; Cemil ohne Geräusch und Ilya zuletzt. Dana sah die Reihenfolge.
Fox wartete, bis alle saßen. „Ich bin Special Agent Fox Mulder vom FBI. Das ist meine Kollegin Special Agent Dana Scully. Sie ist Ärztin und hat eine erste Diagnose erstellt, nachdem Walter Franklin vor wenigen Minuten gestorben war.“
Die Worte änderten den Raum nicht.
Das war fast schlimmer.
Luc senkte den Blick nicht. Cemil ebenfalls nicht. Shane wurde noch stiller. Ilya reagierte gar nicht sichtbar.
Dana öffnete die Mappe nicht. „Wir wissen im Moment nicht sicher, woran er gestorben ist. Ein natürlicher Kollaps ist eine Variante. Andere Möglichkeiten sind ebenfalls offen.“
Fox nahm das auf, aber nicht in beruhigender Richtung. „Was wir außerdem wissen: Mehrere Menschen in dieser Halle hatten Gründe, sich für Walter Franklin nicht nur aus wohltätiger Dankbarkeit zu interessieren.“
Er sah in die Runde.
„Und da Sie alle vier in unmittelbarer Nähe waren, beginnen wir mit Ihnen. Japan habe ich bewusst ausgelassen, weil es nach derzeitigem Stand keine direkte Verknüpfung gegeben hat.“
Luc lehnte sich keinen Millimeter zurück. „Auf welcher Grundlage genau?“
„Auf der Grundlage, dass ein Mann auf dem Eis zusammengebrochen ist, dessen Vergangenheit interessanter ist als seine Stiftungsbroschüren.“
Cemil sprach als Nächster. Seine Stimme war ruhig, fast zu ruhig. „Sie halten uns – fremde Gäste – also gegen unseren Willen und ohne diplomatische Sorge fest, weil unser Gastgeber vor Publikum gestorben ist.“
„Ich halte niemanden fest“, sagte Fox. „Ich bitte um Kooperation, bevor ich anfange, formeller zu werden.“
Shane sah kurz zu Cemil, dann wieder zu Fox. „Was genau wollen Sie hören?“
Scully nahm den Stift in die Hand. „Zunächst etwas Einfaches. Wo waren Sie jeweils in den letzten zwanzig Minuten vor dem Zusammenbruch?“
Fox beobachtete nicht nur die Antworten. Er beobachtete, wer auf welche Frage zuerst vorbereitet wirkte.
Luc antwortete zuerst.
„Bei meiner Mannschaft. Dann an der Bande. Dann bei der Schlussaufstellung. Jeder im Saal hat mich gesehen. Sie hätten das auch gesehen, wenn Sie nicht nur den Herrschaften auf der Bühne auf den Brötchenteller geschaut hätten.“
Dana schrieb nicht. „Durchgehend?“
„So weit ich weiß, ja.“
Cemil folgte. „Spiel, Bande, Schlussaufstellung.“
Er hielt kurz inne.
„Wenn Sie vom FBI sind, sollen wir dann einen Anwalt hinzuziehen? Oder den osmanischen Konsul? Oder zumindest unseren Trainer? Meine Mannschaft besteht aus osmanischen Staatsbürgern. Ihre Zuständigkeit ist hier nicht grenzenlos.“
Fox lächelte schwach. „Meine Zuständigkeit ergibt sich aus der Schwere des Verbrechens, nicht aus dem Geburtsort der Verdächtigen.“
Dana blieb bei Cemil. „Waren Sie heute Abend irgendwann allein? Mit Betreuern? Mit Franklin?“
„Nicht mit dem Philanthropen, wie er hier von seinen Verehrern genannt wird.“
Ein kleiner Zug ging um seinen Mund. Nicht Schmerz. Eher Widerwillen, den Namen überhaupt in denselben Satz mit sich zu bringen.
Shane kam als Nächster.
„Bei meiner Mannschaft. Vor dem Spiel kurz weg, dann wieder am Eis. Danach Aufstellung und Schlusszeremonie.“
Dana hob den Blick. „Kurz weg wohin?“
Shane antwortete zu schnell, merkte es selbst und fing sich gerade noch.
„Toilette. Frische Luft. Falsche Richtung. Suchen Sie sich was aus.“
Fox speicherte das.
Dann sprach Ilya.
„Spiel. Mannschaft. Korridor. Für eine Zigarette. Dann zurück. Dann Eis.“
Da war es.
Fox sagte nichts dazu. Dana schrieb nur zwei Wörter. Zigarette. Frische Luft. Dann fragte sie: „Auch Sie beide waren also jeweils kurz weg?“
Shane zuckte mit einer Schulter. „Ist das in dieser Halle verboten?“
Ilya sah auf die Teekanne. „Ich wusste nicht, dass schlechte amerikanische Architektur mich zum Verbrecher macht.“
Fox lächelte diesmal nicht, aber er goss Ilya eine Tasse des schlechten Tees ein. Dafür war er zu interessiert.
„Trinken Sie einen Schluck Tee, er wird Ihre Erinnerungsfähigkeit erhöhen.“
Stille.
Dana blickte verwirrt zu Fox und zuckte mit der Schulter. Ilya hingegen nahm die Tasse und trank sie bis zum letzten Tropfen aus, leckte sich mit der Zunge die Lippen und grinste Fox an.
„Ich spüre nichts.“
Dana ließ die Mappe geschlossen vor sich liegen. „Kannten Sie Walter Franklin persönlich?“
Die Frage hing im Raum, und jetzt wurde sichtbar, wie verschieden Menschen lügen, bevor sie lügen.
Luc sah nicht überrascht aus. Eher so, als hätte er beschlossen, auf diese Stelle vorbereitet zu sein.
„Flüchtig.“
Cemil antwortete fast gleichzeitig. „Ebenso.“
Shane sagte nur: „Nein.“
Ilya einen halben Atemzug später: „Nicht wirklich.“
Fox ging nun langsam einmal um den Tisch herum. Nicht aggressiv. Eher wie jemand, der einen Grundriss prüfte, in dem vielleicht noch eine versteckte Tür lag.
„Flüchtig ist ein Wort, das Menschen gern benutzen, wenn die Wahrheit sozial präzisionistischer wäre.“
Luc sah zu ihm auf. „Präzisionistisch ist kein Wort.“
Fox blieb hinter seinem Stuhl stehen.
„Gut. Franklin war Ihr Vater.“
Die Worte waren nicht laut, aber sie schlugen sauber ein. Shane drehte den Kopf zu Luc. Ilya sah für den ersten echten Moment des Abends überrascht aus, aber nur Cemil blieb still wie eine osmanische Fliese.
Luc verknüpfte Fox’ Blick mit botanischer Präzision. „Biologisch, ja.“
Fox ging einen Schritt weiter.
„Und Franklin war auch Ihr Vater.“
Jetzt sah er Cemil an.
Cemil ließ sich eine Sekunde Zeit. Gerade lang genug, dass jeder im Raum sein Schweigen mitlesen konnte.
„Ja.“
Dann fügte er hinzu: „Aber ich gehöre meiner Mutter. Nicht ihm.“
Shane saß jetzt ganz still. Nicht aus Neutralität, sondern weil in seinem Kopf gerade eine neue Zahl von Möglichkeiten gleichzeitig aufzustehen versuchte.
Ilya sah zwischen Luc und Cemil hin und her.
Dana übernahm, ruhig und völlig ohne dramatische Geste. „Damit wir denselben Boden haben: Luc Moreaus Mutter war Franklins damalige französische Ehefrau, eine Landadelige aus der Gegend von Bordeaux. Cemils Mutter war ihre osmanische Zofe aus dem Libanon. Beide Frauen hatten später ebenfalls eine Beziehung miteinander. Sie beide sind Halbbrüder. Korrekt?“
Luc nickte: „Ja.“
Cemil, trockener: „Wenn wir schon private Geschichte in ein Polizeiverhör verwandeln, dann wenigstens präzise.“
Shane lehnte sich leicht zurück, das Gesicht einen Augenblick offen genug, um zu zeigen, dass er auf genau diese Richtung nicht vorbereitet gewesen war.
„Jesus.“
Ilya sagte gar nichts. Aber das Wort Familie stand jetzt anders im Raum als noch vor wenigen Minuten.
Fox tippte leicht mit dem Finger auf die Tischkante. „Das erklärt schon einmal, warum Franklin von Ihnen beiden nicht wie ein beliebiger Sponsor angesehen wurde.“
Lucs Stimme wurde kühler. „Er war auch kein beliebiger Sponsor.“
Cemil sagte: „Nein. Er war nur ein sehr konsequenter Fehler mit guten Manieren. Jemand, der Geld an alle möglichen Leute verteilte, außer seine eigenen Kinder.“
Dana sah zu Cemil. Das war das erste ehrlich klingende Stück Emotionalität im Raum.
„Haben Sie vor dem Spiel mit ihm gesprochen?“
Cemil antwortete sofort: „Er wollte. Ich nicht. Er hat mich in acht Jahren Internat kein einziges Mal angesprochen, angerufen oder besucht. Warum sollte ich hier mit ihm sprechen?“
Luc sagte fast gleichzeitig: „Ich hatte keinen Kontakt zu ihm, nicht heute und nicht in den letzten zwanzig Jahren.“
Shane sah wieder zwischen beiden hin und her.
Fox blieb bei Cemil. „Worüber wollte er heute sprechen?“
„Familie.“
„Das ist kein Thema. Das ist ein Nebel. Wollte er Geld von Ihnen? Oder wollte er, dass Sie das Turnier gewinnen, damit es nicht auffällt, wenn er nachher die Stipendien gar nicht auszahlen könnte.“
Cemils Gesicht wurde nicht härter, eher blanker.
„Er sprach von Loyalität. Von alten Bindungen. Davon, dass manche Leute vergessen, wem sie ihre Stellung verdanken. Und ihr Einkommen. Er wollte an unsere Blutsbande und alte Schulden erinnern, als ob ich ihn um meine Zeugung gebeten hätte.“
Fox speicherte das.
Dann zu Luc: „Und bei Ihnen?“
Lucs Kiefer arbeitete kaum sichtbar. „Über Verantwortung. Über Namen. Darüber, dass gute Söhne wissen sollten, wann man eine Vergangenheit ruhen lässt. Und wann man in die Zukunft investiert. Auch bei mir hat er über Blutsbande gesprochen, und dass ich ihm mein Leben verdankte.“
Shane sah jetzt nicht mehr nur angespannt aus, sondern, als merke er gerade, dass er vielleicht auf die falsche Art die falsche Geschichte geschützt hatte.
Ilya merkte das an ihm und wurde davon seinerseits nicht ruhiger.
Dana wandte sich an Shane. „Es könnte also sein, dass Franklin einem seiner Söhne den Sieg zukommen lassen wollte, um ihm die größte Portion der Wohltätigkeitsgelder zu überantworten. Oder den zweiten zu überreden, den ersten gewinnen zu lassen. Das wäre Betrug. Es könnte Karrieren zerstören. Es könnte Mannschaften ausschließen. Das sind zwei Motive zu viel.“
Sie ließ den Satz einen Moment stehen.
Dann fragte sie: „Herr Hollander, Sie sagten, Sie kannten Walter Franklin nicht persönlich. Und doch waren Sie kurz im Korridor. Haben Sie dort etwas gehört oder gesehen, das jetzt relevant sein könnte?“
Shane zerstäubte ihren Blick wie eine Löwenzahnblüte. Das war bei Dana nie angenehm, weil sie Menschen nicht nur ansah, sondern ihre Reife prüfte.
Er antwortete vorsichtig.
„Vielleicht. Nicht genug, um daraus eine Geschichte zu bauen.“
Fox sprang sofort darauf an. „Dann geben Sie mir die Teile. Das Bauen übernehme ich.“
Shane ignorierte den Versuch, ihn aus der Reserve zu ziehen. „Ich habe Stimmen gehört. Franklin. Den Arzt. Angespannt. Mehr nicht.“
Ilya sagte ohne Vorwarnung: „Ich auch. Als ich die Zigarette geraucht habe.“
Shane drehte den Kopf zu ihm, zu schnell für Unverdächtigkeit.
Fox merkte es genauso wie Dana.
Jetzt war der Raum nicht mehr nur durch Franklin verknüpft. Jetzt liefen auch zwischen Shane und Ilya sichtbare Linien.
Dana fragte: „Auch Sie waren also am Korridor und haben etwas gehört.“
„Ja.“
Fox sah Ilya an. „Dasselbe?“
Ilya erwiderte den Blick. „Wenn ich dasselbe gehört hätte wie Hollander, dann hätte ich Hollander ja auch getroffen, oder?“
Shane presste den Mund zusammen. Das war nicht abgesprochen, aber es war auch keine glatte Lüge.
Fox schaute von einem zum anderen. „Wie reizvoll ist das denn? Haben Sie Herrn Hollander am Korridor getroffen, getrennt von den anderen?“
Ilya blieb vollkommen ruhig. „Nein. Dazu gab es keinen Grund. Ich habe ihn nur auf dem Eis getroffen.“
Eine kleine Pause.
„Und besiegt, alle haben dazu applaudiert.“
Shane sah ihn an. Kurz, scharf, fast verletzt.
Dana sagte: „So sieht es zumindest aus. Oder auch hier gab es eine Absprache, wer gewinnt.“
Ilya überlegte hektisch, ob das eine Beleidigung, ein Vorwurf oder eine Falle war. Aber lieber verdächtigt werden, ein Spiel durch Manipulation gewonnen zu haben, als etwas anderes.
Luc lehnte sich nun zum ersten Mal leicht vor.
„Sind wir hier, weil ein alter Mann zusammengebrochen ist, oder weil Sie plötzlich Freude daran entwickeln, jede private Unordnung der Anwesenden zu einem Motiv mit Derridascher Genauigkeit aufzuladen? Derrida ist ein französischer Philosoph, falls Sie das nicht wissen.“
Fox sah ihn an.
„Ich bin Agent, kein Philosophiestudent.“
Cemil schloss kurz die Augen, als habe er genau diese Antwort erwartet.
Dana blieb die Ruhigere von beiden. „Wir wissen noch nicht, woran Franklin gestorben ist. Aber wir wissen bereits, dass es familiäre, historische und möglicherweise finanzielle Vorteile gab. Jedenfalls ist er jetzt tot und sie vier leben noch. Das ist doch seltsam, oder?“
Luc sah sie einen Moment länger an. Dann nickte er knapp. Fox trat wieder an die Stirnseite des Tisches.
„Gut. Dann ab jetzt klar: Niemand verlässt die Halle. Wir sprechen mit jedem von Ihnen noch einmal einzeln. Danach möglicherweise mit weiteren Spielern, Betreuern und Helfern. Und falls einer von Ihnen gerade auf die Idee kommt, irgendwen zu decken, weil er glaubt, die Lage damit menschlicher zu machen—“
Sein Blick ging bewusst erst zu Shane, dann zu Ilya, dann kurz zu Luc und Cemil.
„—tun Sie es nicht.“
Dana klappte nun endlich die Mappe auf. „Wir beginnen mit Kapitän Moreau. Danach Kapitän Arslan. Dann Kapitän Hollander. Dann Kapitän Rozanow.“
Sie zog ihre Medizintasche heran und öffnete sie.
„Vorher nehme ich Blut-, Sperma- und Speichelproben zur Sicherheit. Von jedem von Ihnen. Nicht als Schuldeingeständnis, sondern zur medizinischen und toxikologischen Abgrenzung. Keine Sorge, ich werde Ihnen durch diese Blutabnahme keine Ortungsnaniten injizieren.“
Cemil sah sie an. „Ist das freiwillig?“
„Nein“, sagte Scully. „Wenn Sie nicht wollen, muss ich Agent Mulder bitten, sie durch Hallenarbeiterinnen festhalten zu lassen. Aber keine Sorge, ich arbeite nicht für eine Dopingbehörde.“
Das reichte. Ilya warf Shane einen zu auffälligen Blick zu, den dieser verwirrt erwiderte, aber keiner widersprach.
Dana arbeitete präzise und ohne jedes Zeremoniell. Tupfer. Röhrchen. Etiketten. Handschuhe. Luc zuerst. Cemil danach. Shane hielt den Arm zu ruhig hin. Ilya sah währenddessen nicht zu Shane, was auffälliger war, als wenn er es getan hätte.
Acht Röhrchen, vier Speichelproben.
Dana schob jedem der vier ein weiteres Röhrchen zu.
„Wenn es für Sie angenehmer ist, gehe ich aus dem Raum, während sie das dritte Röhrchen befüllen, Agent Mulder wird darauf achten, das nichts verwechselt oder manipuliert wird.“
Die Stille im Raum war lauter als Lärm.
Ilya bemühte sich, sein coolstes Gesicht aufzusetzen. „Ich habe nichts zu verbergen.“ Er nahm das Röhrchen, stand auf, ging in eine der Ecken des Raumes und drehte der Gruppe den Rücken zu, bevor er seine Hose öffnete. Luc schüttelte den Kopf, dann nahm er auch ein Röhrchen und stellte sich in eine andere Ecke.
„Was würden Sie sagen, wenn ich aus religiösen Gründen ablehne, dieses Rohr zu füllen?“, fragte Cemil.
Dana runzelte die Stirn: „Ich müsste es notieren. Und ich würde versuchen, eine Fatwa zu finden, die den Akt für erlaubt erklärt, wenn er nicht aus Gründen der Lust oder Berauschung, sondern zur Ermittlung eines Täters nötig ist.“
Cemil knurrte kurz, nahm dann sein Röhrchen und stellte sich in die dritte Ecke, während Ilya einen zischenden Laut ausstieß und etwas auf Russisch sagte. Er verschloss das Röhrchen, wischte sich die Hand an einem Taschentuch ab und kam zum Tisch zurück, wo Shane immer noch schüchtern saß. Ilya schob Dana das Röhrchen hin und grinste.
„Beeindruckt?“
Dana beschriftete das Röhrchen.
„Worüber? Ich ermittle berufsmäßig.“
Cemil kam als nächster zum Tisch zurück und schob das Röhrchen zu Dana, die es beschriftete. Er setzte sich. Nun nahm auch Shane das Röhrchen und schaute verwirrt zwischen Dana und Fox hin und her.
„Die Atmosphäre dieses Raumes ist nicht sehr…privat.“
Nun kam auch Luc und legte Dana sein Röhrchen neben die Medizintasche, bevor er sich wieder setzte.
„Bring es schnell hinter dich, sonst sitzen wir bis zum Frühstück hier!“, kommentierte Luc, als er Shane das Röhrchen aggressiv zuschob. Dieser nahm das Röhrchen, blickte zwischen den anderen herum und stand dann auch auf. „Redet währenddessen über irgendetwas Ermittlungstechnisches, damit ich mir nicht so beobachtet vorkomme.“ Er ging in die Ecke, die vorher Ilya benutzt hatte, was Dana und Fox registrierten.
„Luc, Cemil und Ilya was habt ihr heute Abend gegessen und getrunken, vor allem, Alkoholisches. Und dann möchte ich noch wissen, ob ihr den Pokal mit bloßen Händen oder mit Handschuhen berührt habt.“
Fox deutete auf Luc, während Dana in ihrer Mappe notierte.
„Drei von den seltsamen Hirsch- oder Rehpasteten, zwei Karotten. Getrunken hab ich nur Wasser und zwei Tonics.“ Luc verschränkte die Hände.
Cemil nickte, als Fox auf ihn zeigte. „Drei Essiggurken, zwei Scheiben Vollkornbrot und vier Radieschen. Außerdem habe ich Tee getrunken. Unten war er übrigens frischer als das Gebräu aus dieser Kanne.“ Cemil zeigte auf die Thermoskanne.
Dana fragte nach: „Sie haben keinen Alkohol getrunken, weil er Sportlern nicht serviert wurde, weil er ungesund ist oder aus religiösen Gründen?“
„Haben Sie einen antiislamischen Affekt, obwohl Sie Ärztin sind?“
Dana horchte auf. „Ich bin nur neugierig und möchte keine Details übersehen.“
„Werden Sie Ilya fragen, ob er Alkohol getrunken hat, weil der russische Patriarch oder der Generalsekretär der KPdSU es auch tut?“
Fox versuchte, die Situation zu entspannen: „Ilya, was haben Sie gegessen und getrunken?“
„Wasser, Bier und vier Brote mit Speck.“
Shane, dessen Wangen gerötet waren, kam nun auch zum Tisch zurück und schob Dana das Röhrchen zu, die es professionell beschriftete. Erst als sie alles in den Probenbehälter gesteckt und sauber verschlossen hatte, nickte sie Fox zu.
„Ich bringe das zu den Sanitätern und überprüfe, ob der Turnierarzt die Todesfeststellung dokumentiert hat.“
Fox nickte. „Pass auf dich auf und überprüfe deine Waffe vorher.“
„Das macht eine gute Ärztin immer“, sagte Dana.
Es klang wie eine Gewohnheit, nicht wie ein Versprechen. Sie verließ den Raum.
Fox wartete, bis die Tür geschlossen war. Dann sagte er: „Kapitän Moreau bleibt. Die anderen drei warten draußen. Und bitte: keine Gespräche auf dem Flur.“
Cemil stand als Erster auf. Shane blieb einen Sekundenbruchteil zu lang sitzen, als wolle er noch etwas sagen, tat es aber nicht. Ilya erhob sich lautlos.
Beim Hinausgehen streiften sich Shanes und Ilyas Blicke, mit genau der falschen Art von Verständnis, die jemanden verdächtiger machte, nicht weniger. Dann gingen alle hinaus, während Luc Moreau sitzen blieb. Die Tür schloss sich. Fox nahm den Stuhl gegenüber. Das erste echte Verhör konnte beginnen.


