Der Pokal mit den Eberköpfen

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Der Pokal wurde getragen von vier Männern in dunkelgrünen Westen und weißen Handschuhen. Sie kamen aus einer Seitentür des Foyers, langsam, beinahe liturgisch, als handle es sich nicht um eine Sporttrophäe, sondern um eine Reliquie, die bereits zu viele Generationen überlebt hatte, um noch jemandem ganz zu gehören. Das Streichquartett schwieg. Die Gespräche sanken ab. Selbst die österreichischen Kadetten wirkten für einen Augenblick weniger als Darsteller und mehr wie bloße Zeugen.
Der Pokal war groß, schwer und von jener alten Silberfarbe, die nur durch stundenlanges Polieren erzeugt werden konnte. An seinem Sockel saßen vier aus Horn geschnitzte Eberköpfe. Ihre Augen bestanden aus dunklem Glas, ihre Hauer waren fein gearbeitet, die Borsten am Nacken so präzise ziseliert, dass Jennifer unwillkürlich dachte, ein Goldschmied müsse entweder große Geduld oder großen Groll gehabt haben.
„Das ist kein Pokal“, murmelte Fox. „Das ist ein aufgerüstetes Trinkhorn mit Henkel.“
Dana sah ihn nicht an. „Mulder.“
„Ich sagte es bewundernd, als Tennisspieler in der Schule habe ich auch aus so etwas getrunken: Viel zu schnell und viel zu viel. Schau mal, wie lüstern die Damen und Herren Kadetten danach lugen!“
Jonathan, der neben Jennifer stand, beugte sich leicht vor. „Ein schönes Stück. Etwas martialisch, aber schön.“
„Martialisch ist bei Eberköpfen vermutlich schwer zu vermeiden“, sagte Jennifer. „Man kann sie schlecht so arbeiten, als wollten sie einem Tee anbieten.“
Der Pokal wurde auf einem runden Tisch unter dem beschädigten Kronleuchter abgestellt. Das Licht fiel in gebrochenen Splittern auf das Silber, auf die vergoldeten Tierköpfe, auf winzige Kratzer am Rand. Jeder Kratzer sah aus, als trüge er eine eigene Jahreszahl.
Der Philanthrop trat als Erster heran. Er lächelte für das Publikum, berührte den Rand des Pokals jedoch nur mit den Fingerspitzen, als prüfe er, ob Metall warm werden konnte, wenn zu viele Augen darauf lagen. Neben ihm stand der Turnierarzt.
„Meine Damen und Herren“, sagte der Philanthrop, und seine Stimme trug weich durch das Foyer, „Sie sehen hier den Chestnut Mountain Founders’ Cup. Er wurde zuletzt 1947 restauriert, im Jahr der großen Wiedereröffnung dieser Halle nach dem Krieg.“
Der Turnierarzt lächelte. „Manche Teile sind sogar älter. Der innere Eichenkern des Sockels soll noch aus der alten Schule stammen, die hier vor der Eishalle stand.“
Ein Raunen ging durch die Gäste.
„Aus dem Jesuitengymnasium?“, fragte eine Frau mit Federhut.
„Aus dem staatlichen Internat“, erklärte er. „Sonst wären es nur mehr morsche, katholische Sägespäne.“
„Das ist untypisch“, knurrte Dana leise. „Wie kann ein Mediziner so zynisch sein?“
Fox nickte. „Das sticke ich dir auf ein Kissen.“
Dana warf ihm einen Blick zu, der keinerlei Kissenscherz zuließ.
Der Philanthrop fuhr fort. „Der Pokal verbindet, was dieser Ort immer sein wollte: Bildung, Disziplin, Wettstreit und den Glauben daran, dass junge Menschen durch gemeinsame Regeln einander näherkommen.“
„Und durch sehr große Geldpreise“, sagte Fox.
Diesmal trat Dana beinahe gegen das Schienbein.
Der Philanthrop hob das Glas. „Ich werde die Ehre haben, diesen Pokal später der Siegermannschaft zu überreichen. Doch bevor wir zum Eis und zum offiziellen Spielbeginn schreiten, darf ich Sie alle bitten, die Häppchen und Getränke zu genießen, die die Schulkantine so liebevoll für uns zubereitet hat. Für unsere Sportler und die Damen und Herren Kadetten selbstverständlich ohne Alkohol.“
Ein dezentes Lachen folgte. Die Kadetten nahmen es würdevoll hin, was bei einigen Gästen noch mehr Eindruck machte als ihre Mehrsprachigkeit.
Auf ein Zeichen von Eleanor Price schoben zehn Servicekräfte klapprige Buffetwagen herein, die mühsam mit Leintüchern aufgehübscht waren. Plötzlich füllte sich das Foyer mit Bewegung: silberne Platten, dampfende kleine Schalen, glasierte Kastanien, Ahornsirup-Tartelettes, Pastetchen, würzige Pilzküchlein, Käse aus der Region, alkoholfreier Punsch, Glühgingerale, Mineralwasser in grünen Flaschen. Für die erwachsenen Sponsoren standen auch Zirbenschnaps und schwerer Rotwein bereit, doch nahe den Mannschaften waren die Gläser klar markiert.
Shane nahm ein Wasser.
Er hielt es fest, ohne zu trinken. Sein Blick ging einmal zum Pokal, dann zum Philanthropen, dann zum Turnierarzt. Schließlich zu Ilya, der mit seinem sowjetischen Team am Rand des Buffets stand und unschlüssig einen Teller nahm.
„Du solltest essen“, sagte der französische Kapitän Luc zu Shane, während er sich selbst ein Pilzküchlein nahm. „Man verliert eleganter mit vollem Magen.“
„Ich habe nicht vor zu verlieren.“
„Niemand hat das. Deshalb ist Sport so aufreizend.“
Cemil, der osmanische Kapitän, griff nach einem Glas alkoholfreien Punschs. „Heute Abend verliert wahrscheinlich jeder irgendetwas. Aber ich freue mich, dass es Pilzgerichte gibt, die sind ungefährlich und erlaubt.“
Shane sah ihn an.
Cemil lächelte nicht. „Ich meinte das sportlich.“
„Natürlich“, sagte Shane.
Unterdessen formierten sich die österreichischen Kadetten an der Galerie. Statt des Streichquartetts trat nun ihr Blasorchester vor: Trompeten, Klarinetten, Posaunen, eine kleine Trommel und ein Horn, das aussah, als habe es schon Generationen von Schülern überstanden. Felinger hob den Taktstock mit einer Ernsthaftigkeit, die jeden Erwachsenen im Raum kurz disziplinierte.
Dann begann der Marsch.
Feierlich, hell, mit einer beinahe kaiserlichen Note, aber nicht schwer. Die Trompeten stießen golden in den Raum, die Klarinetten legten eine flinke Linie darunter, und die Trommel gab den Schritten der Gäste einen Rhythmus, den diese gar nicht gesucht hatten. Für einen Moment war das Foyer nicht mehr verfallen. Für einen Moment war es ein Festsaal, ein alter Schulhof, ein Turnierplatz, eine Bühne.
Dann flackerte das Licht so kurz, dass einige Gäste lachten.
Der Kronleuchter zitterte, woraufhin sich ein Glasprisma löste, aber nicht fiel.
Das Blasorchester spielte weiter. Felinger ließ sich nichts anmerken. Das war wahrscheinlich Teil der Ausbildung: Wenn das Licht flackert, hält man den Takt. Österreichische Pädagogik konnte offenbar dramatische Wirkungen erzielen.
Jennifer sah nach oben.
Jonathan sah Jennifer an. „Bitte sag mir, dass du nicht gerade überlegst, auf eine Leiter zu steigen.“
„Ich überlege nie, auf eine Leiter zu steigen. Das lasse ich immer Max tun.“
„Dafür haben wir ihn schließlich.“
„Ich überlege, wen ich hier bitten würde, es für mich zu tun.“
„Die Halle gehört dir nicht.“
Dana trat mit Fox zu ihnen. Sie hielt inzwischen doch ein Glas Russischen Tee, aber sie trank nicht daraus. Das Silberkreuz an ihrem Hals fing das Licht nur schwach ein. In dieser Mischung aus Sportgala, altem Schulstolz und brüchiger Elektrik sah sie weniger wie ein Gast als wie eine Elektrofirmenchefin auf Inspektion aus.
„Sie wollen den Kronleuchter reparieren?“, sagte sie.
Jennifer drehte sich überrascht zu ihr. 
„Dana Scully, Ärztin auf der Durchreise, bitte entschuldigen Sie meine unpassende Kleidung und die meines Partners. Wir wussten nicht, dass heute hier eine Gala stattfindet, wir wollten nur schnell einen Kaffee trinken.“
Jonathan lächelte. „Jonathan Hart.“
„Fox Mulder.“ Fox reichte ihm die Hand. „Ich hatte mir Ihr Haus größer vorgestellt.“
Jonathan blinzelte.
Dana schloss die Augen einen Moment. „Er meint nicht dieses Haus.“
„Ich meinte das freundlich. Wenn jemand Leuchter auf fremden Galas reparieren lassen möchte, dann hat er selbst sicher auch Kronleuchter zu Hause, oder?“, sagte Fox.
„Das glaube ich Ihnen sogar“, sagte Jonathan. „Dann haben Sie sicher keinen sündteuren Schneider engagiert ihre Abendgarderobe wie tägliche Bürokleidung aussehen zu lassen. Das ist sehr vernünftig und sparsam.“
Jennifer wandte sich Dana zu. „Sie sind wegen des Spiels hier?“
„Wegen eines Kaffees“, sagte Dana.
Fox nickte. „Wir wussten nicht, dass hier eine Gala stattfindet, wir wollten nur im Hallenbistro schnell etwas Warmes tanken.“
Der Marsch schwoll an. Die Gäste standen am Buffet, lachten, probierten Häppchen, verglichen Spendenkarten und Mannschaftsprognosen. Der alte Pokal mit den Eberköpfen stand unter dem Kronleuchter, bewacht von zwei Schülern in fliederfarbenen Uniformen und einem Photographen, der seine Kamera behandelte, als könne sie das Gebäude stabilisieren.
Jonathan sah zu den Jugendlichen hinüber. „Trotz allem ist es bemerkenswert. Fünf Länder, junge Sportler, eine Stiftung, die ihnen Ausbildung ermöglichen soll. Sport kann manchmal eine Brücke bauen, bevor die Diplomaten überhaupt wissen, um welchen Staat es geht.“
Dana nickte. „Sport und Wissenschaft und Kunst machen internationale Beziehungen anschaulich. Regeln, Respekt, gemeinsame Risiken. Das ist vermutlich der Grund, warum die Vereinten Nationen solche Projekte unterstützen.“
„Und weil Sport friedlicher aussieht als Politik“, sagte Fox. „Besonders, wenn die Schläger nur aus Holz sind.“
„Mulder.“
„Was? Hockey ist eine sehr ehrliche Form der Außenpolitik.“
Jennifer sah zum Pokal. „Vielleicht braucht Frieden manchmal genau das: eine kontrollierte Form von Zusammenstoß. Man fährt aufeinander zu, folgt Regeln, und am Ende gibt man sich die Hand.“
„Das klingt idealistisch wie in einem Kinderbuch der Vereinten Nationen“, sagte Dana.
„Ich bin reich“, sagte Jennifer. „Wir dürfen gelegentlich idealistisch klingen, solange wir Rechnungen bezahlen. Und ich habe auch schon Kinderbücher finanziert und signiert.“
Jonathan hob eine Braue. „Jennifer ist auch eine Autorin, wenn wir Zeit dafür finden.“
„Schatz, wir wollen doch diese beiden Kaffeegäste nicht mit unserem Liebesleben in Verlegenheit bringen. Sind Sie beide überhaupt ein Paar?“
Fox sah sich peinlich berührt im Foyer um. Der abgeplatzte Stuck, die flatternden Stoffbahnen, die zu großen Fahnen, der Pokal auf seinem runden Tisch, die jungen Kapitäne, die Sponsoren, die Kadetten, die Vereinten Nationen-Vertreterin, der Philanthrop mit dem zu festen Lächeln. „Es ist seltsam. Diese ganze Anlage fällt auseinander und trotzdem wirkt sie gerade wie ein Modell der Weltordnung. Nur mit schlechter Isolierung. Und nein, Dr. Scully und ich arbeiten nur zusammen.“
Jennifer lächelte, aber ihr Blick blieb wach. „Heruntergekommene Orte sind nicht automatisch wertlos. Manchmal zeigen sie nur ehrlicher, was neue Gebäude verdecken würden. Sie sind also Dr. Scullys Assistent?“
„Wir arbeiten gleichberechtigt zusammen und erschließen Fundamente“, sagte Scully.
Das Licht flackerte ein zweites Mal.
Diesmal erlosch es im hinteren Teil des Foyers für einen Herzschlag ganz. Der Marsch stockte minimal, fing sich aber wieder. Im kurzen Dunkel klirrte etwas. Ein Glas vielleicht. Oder Metall.
Als das Licht zurückkehrte, stand der Turnierarzt näher am Pokal als zuvor.
Der Philanthrop war am Buffet, umringt von Sponsoren.
Shane Hollander sah nicht zum Buffet, nicht zum Pokal, sondern zu dem Turnierarzt am Rand des Raumes, dessen venezianischer Maskenanhänger im wiederkehrenden Licht silbern aufblitzte.
Fox sah beide Frauen an. „Ich kenne diesen Blick.“
„Welchen Blick?“, fragte Jonathan.
„Den Blick, der sagt, dass der Kaffee endgültig ausgefallen ist.“
Auf der Galerie hob Felinger den Taktstock zum Schlussakkord. Das Blasorchester setzte an, die Trompeten strahlten, die Trommel rollte, und die Kadetten standen gold- und fliederfarben im schwankenden Licht.

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Apr 11, 2026 09:55 by Scarlett Allen

I really liked how you built the tension around the past grudges especially the way the “alte Rechnungen” theme keeps resurfacing and quietly shaping the characters’ choices, it made everything feel heavier and more personal. I’m curious though, are those past debts going to explode into a bigger confrontation later, or stay more in the background as a slow-burn conflict?

Apr 11, 2026 12:51 by Racussa

Tank you so much for the encouraging review. As I have already written the whole story, I can reveal, that several old score will have to be settled that evening - some of them quite violently ;-)

The world is not enough.
Apr 13, 2026 13:08 by Scarlett Allen

Loved how that “alte Rechnungen” thread keeps quietly creeping back into the story it really adds weight to every character interaction and makes the tension feel earned. also can we connect over other platform like insta or other

Apr 14, 2026 11:46 by Racussa

I'm only on this platform, but we may also talk over the story via the WorldAnvil personal mail service. Back to the story: "alte Rechnungen" not just means debts in monetary terms, but also as moral or familial obligations. Later on some hidden connections will be revealed, inside families, countries and even the young players carry their burdens (or unkowingly those of their families).

The world is not enough.
Apr 15, 2026 08:52 by Scarlett Allen

Oh i completely understand you can have my mail [email protected]