„Ein kurzer Kaffee“, sagte Dana Scully.
Sie sagte es nicht laut. Nicht ganz. Sie sagte es in jener kontrollierten, präzisen Lautstärke, die Fox Fox inzwischen als gefährlicher einstufte.
Fox schloss die Foyertür hinter ihnen und damit das Schneetreiben aus.
„Technisch gesehen“, sagte Fox, „gibt es hier bestimmt irgendwo Kaffee. Aber noch wahrscheinlicher ist es, dass wir hier noch Tee aus Niederländisch-Guyana bekommen.“
Dana drehte langsam den Kopf zu ihm.
Fox hob beide Hände. „Wahrscheinlich schlechten Kaffee. Aber Kaffee.“
„Du hast gesagt, wir halten nur schnell an einer Autobahnraststation.“
„Ich sagte, wir könnten unsere Heimfahrt für einen kurzen Kaffee unterbrechen.“
„Mulder.“
„Scully.“
„Wir stehen mitten in einem Fünfhundert-Einwohnerdorf vor einer verfallenen Lokaleishalle mit Galaanstrich.“
„Das klingt jetzt, als hättest du keinen Sinn für us-amerikanische Regionalromantik.“
„Ich habe Sinn für Regionalromantik. Ich habe sogar Sinn für schlechte Heizungen, wenn sie in medizinischen Archiven vorkommen. Was ich nicht habe, ist passende Abendgarderobe.“
Sie sah an sich hinab. Dunkles Kostüm, schlichte Pumps, ein Mantel, der für eine Rückfahrt nach Indianapolis völlig ausreichend gewesen wäre und für eine Gala in Chestnut Mountain auf sehr höfliche Weise falsch wirkte. An ihrem Hals lag ein schmales Silberkreuz, kühl auf der Haut, vertraut und zugleich in diesem Raum beinahe zu ehrlich. Es war kein Schmuck für Blitzlicht.
Fox betrachtete die Gäste, die durch den Eingang traten: Herren in breiten Samtkrawatten, Frauen mit Pelzstolen, Paillettenjacken, hohe Frisuren, zu goldene Manschettenknöpfe, ein Hut mit einer Feder, die seit mindestens 1974 auf ihren zweiten Frühling wartete.
„Ich würde sagen“, meinte er, „du bist dramatisch overdressed im Bereich Geschmack.“
„Das ist kein Trost.“
„Ich weiß. Aber ich arbeite mit dem Material, das mir zur Verfügung steht.“
Dana zog ihre Handschuhe aus. Der Wind draußen vor der Tür kam von den Bergen, schnitt über den Parkplatz und kroch den Wartenden unter den Kragen. Es war eine wildere Kälte als Riga.
Riga.
Dana hatte nicht erwartet, dass die Erinnerung so schnell zurückkäme. Eine ehemalige Lagerhalle für verbrauchte Brennelemente, in der man den Fliegenden Holländer aufgeführt hatte, als sei Wagner das Heilsamste, was zwischen Zivilisation und strahlendem Beton stehen konnte. Der Raum war riesig gewesen, grau, kalt und von einer so tiefen industriellen Melancholie, dass die Musik darin die Luft zu frieren schien. Der Holländer war dort eine tragische Figur gewesen: Er war Schuld mit Segeln. Ein Mann, der immer weiterfuhr, weil niemand seine alte Wahrheit hören und sein Leben für seine Rettung opfern wollte.
Dana hatte damals gedacht, dass manche Orte nicht heimgesucht wurden, weil Tote dort zurückblieben. Manche Orte wurden heimgesucht, weil Lebende zu viel verschwiegen.
Fox bemerkte ihren Blick. „Es ist zumindest opulenter als das alte Torpedotestgelände in Riga, oder?“
Sie sah ihn an. „Du liest mich zu gut.“
„Nein. Du bekommst diesen Ausdruck nur bei Opern, katholischen Internaten und ungeklärten Todesfällen.“
„Das ist eine sehr spezielle Liste.“
„Ich führe Karteikarten.“
„Nicht nur für deine Sammlung pornographischer Perlen aus den 80er Jahren des vorigen Jahrhunderts.“
Dana tat es leid, schnippischer gewesen zu sein, als sie wollte, aber die ungewollte Unterbrechung und die Vorstellung, in dieser Nacht noch Stunden auf der Straße zu verbringen missfielen ihr.
Dana registrierte die alte, angestrengte Heizung, die sich mit Parfüm, Glühgingerale, Bohnerwachs und nassem Wollstoff verbündet hatte. Das Foyer war überraschend groß. Zu groß für das Dorf.
Dana blieb stehen und maß den Raum mit ihren Blicken.
„In dieser Halle“, sagte sie, „hätten wahrscheinlich alle heute noch lebenden Einwohner von Chestnut Mountain Platz.“
Fox nahm sich ein Programm von einem Tisch. „Vielleicht ist das der Plan. Dorfversammlung mit Kufenpflicht.“
Sie nahm ihm das Programm aus der Hand, weil er es ohnehin nur nach UFO-Andeutungen durchsucht hätte. Auf dem Einband sprang ein silberner Eber über eine gefrorene Kastanie. Dana schlug die erste Seite auf.
Abschlussgala und internationales Jugendturnier zugunsten des Sportzentrums für internationale Demokratiebildung.
Sie las weiter, und ihre Augen wurden schmaler.
„Mulder. Hier steht, dass das Abschlussgalaspiel mit einem japanischen und einem sowjetischen Jugendteam stattfinden soll.“
„Sowjetische und japanische Jugendliche in einer alten Eishalle. Das ist entweder Sportdiplomatie oder der Anfang eines sehr kriegerischen Kinderchors.“
Dana ignorierte ihn und überflog die Liste der Teams. „Sowjetunion. Vereinigtes Königreich. Japan. Osmanisches Reich. Frankreich.“
Fox beugte sich über ihre Schulter. „Der ganze Sicherheitsrat in Sportuniformen, wie apart. Das ist eine beachtliche Gästeliste für einen Ort, dessen Parkplatzlaterne gerade Morsezeichen sendet.“
„Und als literarische Vorgruppe“, fuhr Dana fort, „ein Kadettenjahrgang aus Enns. Leopoldinisches Militärgymnasium. Österreich.“
„Natürlich. Was wäre ein Wohltätigkeitsspiel ohne österreichische Kadetten, die wahrscheinlich Nestroy oder Jellinek zitieren und dabei Marschformationen bilden?“
Dana sah ihn an.
„Was?“, fragte Fox.
„Du sagst das, als wäre humanistische Bildung ein verdächtiges Symptom. Meines Wissens werden in keiner Kadettenanstalt der Welt mehr Sprachen ausgebildet als in Österreich.“
„Ich sage das, als hätte ich als Kind zu viele Schulaufführungen gesehen, bei denen jemand in einer Tunika Aristoteles’ Nikomachische Ethik rezitieren musste.“
„Manche von uns“, sagte Dana trocken, „haben an katholischen Schulen gelernt, dass Disziplin, Textverständnis und die sieben Freien Künste den Charakter formen.“
Fox’ Gesicht wurde weicher. Nicht viel, aber genug, dass sie es sah.
„Ich weiß“, sagte er. „Vielleicht bin ich einfach nur neidisch auf deine geradezu europäische Bildung.“
„Bildung ist immer universal.“
„Niemals.“
Ein Kellner bot ihnen Glühgingerale an. Fox griff zu, Dana nicht. Sie roch Ingwer, Zimt und die süße Aufregung eines Abends, der sich als Wohltätigkeit tarnte. Auf einem Nebentisch standen Ahornsirup-Tartelettes in perfekten Reihen. Daneben lag ein Stapel Spendenkarten, auf denen das geplante Sportzentrum abgebildet war: Glasfassaden, Fahnenmasten, junge Menschen mit idealisierten Gesichtern, ein Konferenzsaal mit Weltkarte.
Dana betrachtete die Karte länger.
„Ein Sportzentrum für internationale Demokratiebildung“, sagte sie. „In einem Dorf, das kaum groß genug ist, um eine Ampel zu rechtfertigen.“
„Vielleicht fängt Demokratie dort an, wo alle wissen, wer den Schneepflug fährt.“
„Oder jemand benutzt große Worte, um kleine Rechnungen zu verdecken.“
Fox trank einen Schluck und verzog das Gesicht. „Der Kaffee wäre hier sicher schlimmer gewesen. Außerdem fährst du, insofern schadet ein kleines Gläschen wärmenden Alkohols nichts.“
Im Foyer bewegte sich ein Hauch Unruhe. Eine in diesem Raum auffällig elegante Frau in einem elfenbeinfarbenen Kleidungsstück stand bei der Programmauslage und sprach mit einem Mitglied des Gala-Komitees. Ihr Collier fing das Licht auf eine Weise, die Dana sofort bemerkte: Mondsteine, Platin und etwas Dunkles, Unregelmäßiges.
Fox folgte ihrem Blick. „Kennst du sie?“
„Nein, aber im Verhältnis zu allen anderen ist sie das andere Ende der Fahnenstange, was Aktualität der Kleidung betrifft“, sagte Dana.
„Ist das eine höfliche Art zu sagen: neureich?“
„Nein, es macht mir nur noch deutlicher, dass ich völlig falsch gekleidet bin für diesen Anlass. Wir sollten gehen.“
Dana blätterte trotzdem weiter im Programm. Die Geschichte des Hauses war in Goldschrift gesetzt: Jesuitengymnasium, staatliches Internat, Abriss, Eishalle, Renovierung 1947, Niedergang seit 1968. Der Text war charmant formuliert wie von einem Werbetexter aus Spanien. Er wollte Fortschritt erzählen, doch darunter sah Dana Schichten von Nutzung, Macht und Verdrängung. Eine Schule wurde ein Internat. Ein Internat wurde abgerissen. Eine Eishalle entstand auf Fundamenten, die niemand erwähnen wollte. Ein Tourismusort verlor Gäste und behielt Sponsoren, bis dass der Tod sie entzog.
„Das hier ist kein spontanes Benefizspiel“, sagte sie.
Fox sah sie interessiert an. „Weil?“
„Weil die internationale Besetzung zu groß ist. Weil das beworbene Zentrum politisch klingt, aber lokal verkauft wird. Weil eine verfallene Halle kurz vor dem Abriss plötzlich die Sowjetunion, Großbritannien, Japan, das Osmanische Reich und Frankreich anzieht. Und weil man keine österreichischen Kadetten als literarische Vorgruppe einlädt, wenn man nur eine alte Eisfläche verabschieden will.“
„Vielleicht wollten sie einfach mehr Säbel auf der Gästeliste.“
„Kadetten führen nicht automatisch Säbel.“
„Mein Fehler. Mehr metaphorische Säbel, in dem Alter.“ Fox zwinkerte Dana zu, doch sie ignorierte seine Anspielung.
Dana gab ihm das Programm zurück. „Du wolltest Kaffee oder holländischen Tee von gestern, suchen wir schnell danach und verlassen dann diesen Abgesang.“
„Also Kaffeesuchmodus?“, hauchte Fox und blickte zur Treppe, wo gerade zwei Männer in dunklen Anzügen einen älteren Herrn mit weißem Haar durch die Menge begleiteten. „Aber bis wir ihn gefunden haben, könnte es trotzdem interessant werden.“
Der ältere Mann blieb unter dem Kronleuchter stehen. Sein Gesicht war schmal, seine Haltung zu kontrolliert für sein Alter. Ein Funktionär vielleicht. Ein Arzt. Jemand, der gelernt hatte, in Räumen zu schweigen, in denen andere applaudierten.
Fox beugte sich zu ihr. „Noch sauer wegen der Raststation?“
Dana nahm ihm das leere Glühgingeraleglas aus der Hand, roch daran, schüttelte den Kopf und stellte es auf den nächsten Tisch.
„Ja“, sagte sie. „Aber ich fürchte, du wirst keinen Tee oder Kaffee mehr bekommen, bevor wir mit einer Ansprache gelangweilt werden.“


