Der Jahrgang Wildschwein

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Das Streichquartett beendete das langweilige klassizistische Stück, das die letzten sieben Minuten überdeckt hatte.
Vom Portal zum Foyer her erklang ein einzelner Trommelwirbel.
Dann ein zweiter.
Dann setzten Schritte ein.
Gleichmäßig, hell auf dem schwarzweißen Steinboden, mit jener jungenhaften Strenge, die noch nicht ganz Macht war, aber bereits wusste, wie man sie später einmal tragen könnte.
Der Jahrgang „Wildschwein“ des Leopoldinischen Militärgymnasiums aus Enns marschierte ein.
Gold und Flieder.
Jennifer, die gerade mit dem Gala-Programm in der Hand bei einer Säule stand, hob unwillkürlich den Kopf. Die Uniformen waren so ungewöhnlich, dass sie in einem weniger selbstbewussten Raum lächerlich hätten wirken können: goldene Uniformhosen oder Uniformröcke, fliederfarbene Jacken und Hüte, weiße Handschuhe, kleine steife Krägen, bronzene Knöpfe mit einem stilisierten Eberkopf, den man nur sehen konnte, wenn man nah genug herantrat. Doch die Kadetten trugen sie nicht wie Kostüme. Sie trugen sie wie eine Sprache.
„Österreich“, murmelte Fox, der neben Dana an einem Stehtisch stand. „Wenn andere Länder eine Schuldelegation schicken, kommt ein Bus. Österreich schickt eine Operette mit Marschordnung.“
Dana sah ihn seitlich an. „Du könntest versuchen, beeindruckt zu sein. Schließlich sind sogar die Kadetten besser gekleidet als wir.“
„Ich bin beeindruckt. Ich versuche nur, nicht von einem Fünfzehnjährigen in Flieder militärisch überholt zu werden. Flieder würde dir besser stehen als mir.“
„Das ist bereits geschehen.“
Vor den Kadetten ging ein schlanker Junge mit hellem Haar und einem Gesicht, das gleichzeitig altklug und zu jung für seine Handschuhe wirkte. Nur er trug auch einen jungenhaften Säbel an einem bronzefarbenen Stoffgürtel über der Uniformjacke. Er blieb unter dem beschädigten Kronleuchter stehen, hob die Hand zum Salutieren an die Mütze und wartete, bis der letzte Schritt verklungen war. Dann verneigten sich die Kadetten in einer präzisen, beinahe tänzerischen Bewegung.
Das Publikum, das eben noch Glühgingerale getrunken und sich über Spendensummen versichert hatte, wurde still.
Ein Mann am Rand begann zu klatschen. Dann eine Dame in Smaragdgrün. Dann die ganze Halle.
Die Kadetten nahmen den Applaus entgegen, als hätten sie ihn erwartet, aber nicht darum gebeten.
„Moritz Felinger, Jahrgangssprecher des Jahrgangs Wildschwein“, flüsterte Eleanor Price Jennifer zu, die sich wieder neben sie geschoben hatte. „Sehr begabt. Enns ist stolz auf ihn.“
„Das sollte Enns auch sein“, sagte Jennifer. „Man kann nicht jeden Tag erleben, dass eine Gruppe Jugendlicher einen abbruchreifen Eispalast durch bloßes Stehen aufwertet.“
Eleanor lächelte, diesmal echter.
Kadett Felinger trat einen Schritt vor. Seine Stimme war klar, hell und erstaunlich tragfähig.
„Meine Damen und Herren, verehrte Gäste, geschätzte Mannschaften. Der Jahrgang Wildschwein des Leopoldinischen Militärgymnasiums dankt für die Einladung, diesen Abend mit einem kleinen literarischen Gruß zu eröffnen. Johann Nepomuk Nestroy lehrt uns, dass Fortschritt und Fassade nicht immer dasselbe sind.“
Jennifer spürte, wie dieser Satz im Raum landete.
Felinger hob den Blick zum Kronleuchter. „Das scheint uns für eine Eishalle kurz vor dem Abriss ein passender Gedanke zu sein.“
Ein leises Lachen lief durch das Publikum. Sogar einige Funktionäre lachten, weil sie noch nicht entschieden hatten, ob sie gemeint waren.
Dann sagte Moritz auf Deutsch:
„Der Fortschritt hat das an sich, dass er viel größer ausschaut, als er wirklich ist.“
Die Kadetten hinter ihm wiederholten den Satz in einem Chor.
Dann wechselte Moritz ins Englische.
Ein Teil des Publikums nickte, erleichtert, die Pointe verstanden zu haben.
Dann Französisch.
Ein französischer Betreuer in der Nähe der Treppe lächelte anerkennend. Der französische Kapitän, der noch immer unter dem Kronleuchter stand, hob die Augenbrauen, als habe er beschlossen, diese österreichischen Kadetten lieber nicht zu unterschätzen.
Dann Russisch.
Moritz’ Aussprache war perfekt und sorgfältig. Kein Nachäffen, kein Dekor. Er sprach, als habe ihm jemand beigebracht, dass eine Sprache nicht nur Wörter, sondern Würde trug.
Der Philanthrop, der bislang nahe dem Empfangstisch mit der Vereinten Nationen-Vertreterin gesprochen hatte, wandte kurz den Kopf.
Er war ein hochgewachsener Mann mit silbernem Haar, schmaler Brille und jener wohltätigen Haltung, die reiche Männer annahmen, wenn sie gelernt hatten, Schuld in Stiftungsnamen zu übersetzen. Sein Name stand auf mehreren Tafeln im Foyer: Dr. Walter Franklin, Internationaler Stipendienfonds Chestnut Mountain. In der Broschüre wurde er als Philanthrop, Sportförderer und wichtigster privater Sammler der Stiftungssicherheiten bezeichnet.
Neben ihm stand die Vereinten Nationen-Vertreterin.
Dr. Amara El-Amin.
Hellblaues Kleid und passender Hidjab, bernsteinfarbene Brosche, ruhiger Blick. Sie wirkte weder wie eine Verkörperung der Vereinten Nationen, wie jemand, der Räume betrat, um später exakt sagen zu können, wer wann wo gestanden hatte. Jennifer mochte sie auf Anhieb. Sympathie machte Menschen nicht zuverlässiger, nur schwerer zu lesen.
Der Philanthrop räusperte sich und hob sein Glas, als hätte er nur einen zu scharfen Ingwer erwischt.
Jennifer sah zu Jonathan hinüber.
Er war inzwischen auch hereingekommen: ohne Aufsehen, aber mit dem diskreten Triumph eines Mannes, der einen Termin in New York, ein Telephonat über Jilib und einen Schneesturm persönlich in ein gewinnbringendes Geschäft verwandelt hatte. Er stand nahe der Garderobe, den Mantel noch über dem Arm, und sah Jennifer mit jenem warmen, halb belustigten Blick an, der fragte, ob sie bereits neuen Schmuck gefunden habe.
Jennifer hob kaum merklich die Broschüre.
Jonathan seufzte lautlos.
Das bedeutete: Natürlich hast du einen Fall gefunden.
Kadett Felinger fuhr fort. „Wir kommen aus Österreich, wo Sprachen nicht bloß Fächer sind, sondern Brücken. Englisch, Französisch und Russisch gehören bei uns zur höheren Bildung, nicht um andere zu beeindrucken, sondern um sie nicht absichtlich falsch zu verstehen.“
Dana lächelte still.
„Das war gut“, sagte sie. „Der wird einmal Offizier, beim Heer, der Polizei oder der Feuerwehr.“
Fox trank einen winzigen Schluck Glühgingerale. „Ich fühle mich von einem Kadetten moralisch belehrt. Will er uns damit unter die Nase reiben, dass wir nur Englisch lernen und denken, darin wäre die ganze Welt erklärt?“
„Vergiss nicht die ganzen japanischen Computerbegriffe, die wir wie selbstverständlich übernehmen. Ein bisschen Fremdsprachen erlernen auch wir.“
Die Kadetten traten nun auseinander und bildeten zwei Reihen, einen lebenden Korridor zum Kronleuchter. Das Streichquartett setzte wieder ein, diesmal mit einer feierlichen, fast höfischen Melodie. Eine Funktionärin des Gala-Komitees nahm das als Signal und winkte die fünf Mannschaftskapitäne heran.
„Frau Hart, Herr Hart“, sagte Eleanor Price rasch. „Darf ich Ihnen die Kapitäne des Abschlussgalaspiels vorstellen? Der Philanthrop und Dr. El-Amin würden sich sehr freuen, wenn Sie beide beim offiziellen Empfangsbild dabei wären, schließlich haben Sie die Stipendiensumme verdoppelt durch ihre Spende.“
„Wir fühlen uns geehrt“, sagte Jonathan.
Jennifer gab ihm einen Blick.
Jonathan ergänzte: „Und vorsichtig.“
„Das ist eine gute Eheformel“, sagte Jennifer.
Sie gingen gemeinsam zum Kronleuchter. Der beschädigte Glasbehang warf Licht über die Uniformen der Kadetten, über die dunklen Anzüge der Kapitäne und über das Gesicht des Philanthropen, das inzwischen Farbe angenommen hatte, als hätte er schon eine Glühgingerale zu viel. Jennifer bemerkte, dass seine Finger zu fest um den Stiel seines Gehstocks lagen.
Dr. Amara El-Amin trat vor. „Frau Hart, Herr Hart. Ich freue mich sehr. Ihre Unterstützung internationaler Umweltprojekte ist uns bekannt.“
„Jonathans Unterstützung“, sagte Jennifer. „Ich trage nur gelegentlich die Beweise um den Hals, wenn neben dem finanziellen Gewinn für Hart Industries auch die Natur davongekommen ist.“
El-Amins Blick glitt kurz zu dem Collier aus Mondsteinen und schwarzen Korallenfragmenten. „Manchmal sind Rettungen die bessere Schmuckform.“
„Ich beginne, Sie zu mögen“, sagte Jennifer.
„Sollte ich dann vorsichtig werden?“
Jonathan lächelte. „Das ist auch eine gute Formel.“
Der Philanthrop trat hinzu. Seine Stimme war kultiviert, us-amerikanisch, weich geschliffen, ohne ganz warm zu werden. „Jennifer Hart. Jonathan Hart. Was für ein Glanz für diesen etwas müden Ort? Ich bedanke mich für Ihre Großzügigkeit. Sie haben unserer guten Sache damit einen großen Dienst erwiesen.“
„Müde Orte erzählen oft die besten Geschichten. Und ich liebe schon gute Geschichten!“, sagte Jennifer.
„Dann werden Sie heute besonders befriedigt von diesem Ort weggehen“, sagte der Philanthrop.
„Das hängt davon ab, wer die Rechnung stellt.“
Für einen winzigen Moment blieb sein Lächeln stehen. Dann war es wieder tadellos.
El-Amin übernahm. „Die heutige Gala verbindet Sport, Bildungsarbeit und internationale Verständigung. Die Stipendiengelder wurden durch private Stifter gesammelt. Der Philanthrop hat die Sicherheiten strukturiert, ich beaufsichtige im Namen der Vereinten Nationen die Zweckbindung, sobald die Sieger feststehen werden.“
„Sechzehn Millionen für den ersten Platz“, sagte Jonathan. „Das ist ein starker Anreiz, für das eigene Land zu gewinnen.“
Eleanor Price winkte die Kapitäne einzeln heran.
„Für das Vereinigte Königreich: Kapitän Shane Hollander. Er wurde in Ottawa geboren, lebt jetzt aber in Montreal, reizende Kleinstadt und Sommersitz des Vizekönigs von Kanada.“
Shane trat vor. Er war jung, beherrscht und zu verunsichert für jemanden, der nur ein Photo überstehen wollte. Sein Lächeln war höflich, aber seine Augen suchten den Raum wie Eis nach Rissen ab. Jennifer gab ihm die Hand.
„Frau Hart“, sagte Shane.
„Kapitän Hollander. Sie sehen aus, als hätten Sie diesen Abend bereits verloren und beschlossen, ihn trotzdem zu gewinnen.“
Er sah sie überrascht an.
Jonathan hustete verdächtig höflich.
Shane antwortete nach einem Atemzug: „Ich hoffe, nur der zweite Teil stimmt.“
„Das hoffe ich auch“, sagte Jennifer.
„Für Japan: Kapitän Kenji Takamura.“
Kenji verbeugte sich knapp. Seine Höflichkeit war makellos, aber nicht leer. Jonathan erwiderte sie mit ehrlicher Achtung. Jennifer bemerkte, dass Kenjis Blick beim Händedruck nicht zum Philanthropen, sondern zu Dr. El-Amin wanderte. Er prüfte die Aufsicht, nicht den Glanz.
„Für das Osmanische Reich: Kapitän Cemil Arslan.“
Cemil hatte eine ruhige Wärme und dunkle Augen, die mehr sahen, als sein sanfter Ton verriet. Er sprach ein elegantes Arabisch mit Dr. El-Amin und wechselte dann ins Englische mit Jonathan. Jennifer gefiel, wie er bei jedem Namen wirklich zuhörte. Das war selten. Viele Menschen sammelten Begegnungen wie Visitenkarten; er schien sie zu wägen.
„Für Frankreich: Kapitän Lucien Moreau.“
Lucien trat vor, charmant, beinahe mühelos, mit einem Lächeln, das im richtigen Jahrhundert wahrscheinlich zwei Duelle verhindert und fünf andere ausgelöst hätte. Er küsste Jennifer die Hand.
„Madame Hart“, sagte er. „Chestnut Mountain ist heute Abend unerwartet viel schöner geworden.“
„Vorsicht“, sagte Jennifer. „Ich bin verheiratet und sehr gut darin, Komplimente vor meinem Mann zu verstecken.“
Luc lachte. „Dann muss ich Hockey spielen. Dort ist Verstärkung wenigstens erlaubt.“
„Für die Sowjetunion: Kapitän Ilya Rozanow.“
Der Name zog eine zweite, kältere Luftschicht durch den Raum. Nicht für alle, sondern nur für Shane und für den Philanthropen.
Und, wie Jennifer bemerkte, für einen Mann am Rand des Foyers, der einen venezianischen Maskenanhänger am Revers trug.
Ilya trat vor. Sein Gesicht war ruhig, fast zu ruhig. Er gab Jonathan die Hand, dann Jennifer. Seine Hand war kalt, aber sein Griff kontrolliert.
„Frau Hart.“
„Kapitän Rozanow.“
„Eine Ehre.“
„So wie für mich. Vielleicht können wir später über das Tunguska-Ereignis sprechen?“, sagte Jennifer freundlich.
„Ist das ein russischer Eishockeysieg gewesen?“ Ilya lächelte zu selbstbewusst, um seine Unsicherheit zu verbergen.
El-Amin bat die fünf Kapitäne, sich für das Photo nebeneinander aufzustellen. Die Kadetten bildeten den Hintergrund, Gold und Flieder, Disziplin und Jugend, österreichische Vielsprachigkeit unter brüchigem Stuck. Felinger stand in der Mitte der hinteren Reihe, den Blick geradeaus, als bewache er nicht die Gäste, sondern die Idee, dass Bildung selbst an einem bröckelnden Ort Haltung geben konnte.
Der Photograph hob die Kamera.
Der Philanthrop stellte sich ungefragt zwischen Jennifer und El-Amin, mitten ins Zentrum. Er war ein Mann geworden, der Wohltätigkeit nicht nur gab, sondern gern im Bild behielt.
Jennifer neigte sich leicht zu ihm. „Die russische Fassung hat Ihnen besser als die japanische gefallen?“
Seine Augen blieben auf der Kamera. „Ich bevorzuge Französisch, wie bei meiner Exfrau.“ würgte er ihren Flirtversuch ab.
„Nestroy. Sie wirkten bewegt.“
„Alte Texte“, sagte der Philanthrop. „Sie überraschen einen manchmal.“
„Wie alte Rechnungen?“
Jetzt sah er sie doch an. Der Blitz ging los. Im weißen Licht wurden für einen Atemzug alle gleich: Kadetten, Kapitäne, Philanthrop, Vereinten Nationen-Vertreterin, Harts, Sponsoren, Funktionäre. Eine Gemeinschaft auf Papier. Eine internationale Gala. Ein Fortschritt, der im Photo größer aussehen würde, als er war.
Dann kehrte das normale Licht zurück.
Und Jennifer wusste, dass der Philanthrop Angst vor Rechnungen hatte.

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