Da das Buffet völlig überlastet war, schwappte eine bunte Gruppe von Besuchern zurück in die Eishalle, obwohl Jonathan und Fox das mit schierer Körperkraft verhindern wollten. Die Gruppe drückte sie einfach mit der molluskenhaften Kraft der Menge wieder hinein. Sponsoren quatschten wabernd mit gesenkten Stimmen beieinander. Spieler suchten weinend ihre Trainer. Die österreichischen Kadetten versuchten aus dem Fluss der Menschen an den Rand zu treten und unter Leitung von Kadett Felinger wieder eine Formation zu bilden. Einige Damen aus dem Gala-Komitee tuschelten hinter behandschuhten Händen. Zwei Lokalpolitiker sprachen so laut von „bedauerlichem Zwischenfall“, dass jeder hören konnte, wie sehr sie hofften, es möge bei diesem Wort bleiben, bevor einer von beiden auf dem Eis ausrutschte und die Hauptaufgabe des anderen plötzlich wurde, seinem Genossen wieder auf die Beine zu helfen. Ein Photograph versuchte, unauffällig näher an die Stelle zu kommen, an der Walter Franklin gefallen war.
Fox sah ihn zuerst.
„Nein“, sagte er.
Der Photograph blieb nicht stehen.
Jonathan trat von der anderen Seite in seinen Weg.
„Der Agent sagte nein.“
Der Photograph blinzelte. „Welcher Agent?“
Fox griff in die Innentasche, zog seinen Ausweis heraus und hielt ihn so hoch, dass nicht nur der Photograph, sondern auch die drei nächststehenden Gäste ihn sahen.
„Special Agent Fox Mulder, FBI.“
Das Wort FBI tat, was weder Mikrophon noch Blasmusik geschafft hatten: Es schnitt einen sauberen Kreis in das Durcheinander.
Köpfe drehten sich. Stimmen verstummten. Ein Kadett hörte auf, an seinem Handschuh zu ziehen.
Jonathan sah Fox an, als habe er dessen improvisierte Machtübernahme gleichzeitig erwartet und beschlossen, sie nützlich zu finden.
„Meine Damen und Herren“, sagte Fox, ohne zum Mikrophon zu gehen. Seine Stimme trug trotzdem. „Niemand verlässt die Halle oder das Foyer. Das ist keine Bitte, sondern eine vorläufige Sicherungsmaßnahme, bis die örtliche Polizei die Herrschaft an sich reißen kann.“
Ein Stadtrat räusperte sich. „Agent Mulder, mit allem Respekt, es liegt doch noch gar keine offizielle—“
„Ein Mann ist während einer internationalen Siegerehrung zusammengebrochen, nachdem er einen Pokal berührt hat, dessen Handhabung gerade niemand erklären kann.“ Fox sah ihn freundlich an. „Ich bin sicher, Ihre Polizei wird sich freuen, wenn wir ihr bis dahin nicht sämtliche Zeugen in den Schnee hinausflüchten lassen.“
Der Stadtrat schloss den Mund.
Jonathan trat neben Fox. „Ich unterstütze Agent Mulder. Wer jetzt geordnet bleibt, erspart sich später sehr viel unangenehmere Fragen. Und ich zahle jedem 10 Dukaten in Gold für einen Hinweis, und zehn Dollar in Papier für Ruhe und Ordnung.“
Das wirkte fast noch stärker als der FBI-Ausweis. Jonathan klang nicht wie jemand, der bat. Er klang wie jemand, dessen Anwälte selbst die Regierung auf Schadenersatz verklagt hatten.
Fox nickte dankbar, dann zeigte er auf die Tribünenabschnitte.
„Wir teilen alle Anwesenden in Gruppen ein. Männer auf die linke Tribünenseite. Frauen auf die rechte. Personal, Dienstboten, Köchinnen, Fahrer, Technikerinnen, Hallenmitarbeiter und medizinische Helferinnen bleiben unten an der Bande beim Eingang zum Gang hinter der Tribüne.“
Ein Raunen ging durch die Menge.
Eine ältere Dame in violettem Samt hob empört das Kinn. „Dienstboten?“
Jonathan lächelte dünn. „Für die polizeiliche Sortierung haben Sie hier nichts zu sagen, Madame. Nehmen wir es als bundespolizeilichen Befehl mit bedrohlicher Konsequent bei Nichtbeachtung. Stellen Sie sich vor, Sie müssten draußen im Schnee warten, bis Ihr Verhör beginnt...“
Fox warf ihm einen Seitenblick zu. „Danke.“
„Gern.“
Eleanor Price erschien am Rand der Eisfläche. „Agent Mulder, ich kann die Gästelisten und die Personalliste holen lassen, während draußen die Schlacht am kalten Buffet langsam zu Ende geht, weil selbst der trockenste Keks inzwischen weggeknabbert ist.“
„Tun Sie das. Alle Listen. Gäste, Mannschaften, Personal, Lieferantinnen, Presse, Musikerinnen, Kadetten, Sanitäterinnen. Wer einen Fuß in diese Halle gesetzt hat, bekommt eine Zeile.“
„Natürlich.“
„Und niemand korrigiert später Namen, um etwas zu vertuschen.“
Eleanor sah einen Moment beleidigt aus, dann begriff sie, dass Beleidigtsein gerade ein Luxus war. „Verstanden.“
Jonathan wandte sich an einen Sicherheitsmann. „Sie schließen die vorderen Ausgänge mit Vorhangschlössern, nur damit kein Zweifel am Ernst der Lage entsteht. Wer medizinische Hilfe braucht, darf natürlich zu den Sanitäterinnen an die Bande gehen, aber nur mit Namen und Begleitung.“
Der Sicherheitsmann nickte sofort. „Jawohl, Herr Hart. Bezahlen Sie mich dafür extra?“
Jonathan nickte genervt und steckte ihm einen Fünfhundert-Dollar-Schein zu.
„Und rufen Sie die Polizei erneut an!“, sagte Fox. „Sagen Sie, das FBI ist vor Ort und bittet um sofortige Unterstützung bei Zeugensicherung und möglichem Tatortschutz.“
„Möglichem Tatort?“, fragte der Mann.
Fox sah zur leeren Stelle auf dem Eis, wo der Pokal gestanden hatte.
„Sagen Sie es genau so! Und erwarten Sie nicht, dass ich Sie auch noch besteche. Ich bin Bundesbeamter.“
Die Bewegung begann. Männer gingen nach links, die meisten mit der halb beleidigten Langsamkeit von Leuten, die es gewohnt waren, dass Krisen für sie gelöst wurden. Frauen sammelten sich rechts, manche wütend, manche neugierig, manche bereits mit jener gefährlichen Wachheit, die aus Gesellschaftsdamen ausgezeichnete Zeuginnen machte. Dienstboten und das sonstige Personal blieben unten: Kellner in zu großen Jacketts, Küchenhelferinnen, Fahrer, Musikerinnen, Techniker, Sanitäterinnen, der junge Mann von der Garderobe und sogar Alberica Alkba, die Schulköchin, die mit verschränkten Armen dastand, als könne sie notfalls auch das FBI mit einem Kochlöffel zur Ordnung rufen.
Die Teams wurden schwieriger.
„Spieler zu ihren Mannschaften“, sagte Fox. „Kapitäne bleiben sichtbar an erster Stelle und sorgen für Stille in ihrer Mannschaft!“
Shane erstarrte wegen des herrischen Tons.
„Sichtbar heißt nicht beschuldigt“, ergänzte Jonathan leise, als er an ihm vorbeikam.
„Fühlt sich aber dämlich an!“, knurrte Shane leise.
„Ja“, sagte Jonathan. „Deshalb atmen Sie jetzt und tun nichts Heldenhaftes.“
Shane sah zu Ilya.
Ilya stand bei der sowjetischen Mannschaft, kontrolliert wie zuvor, aber die Entfernung zwischen ihnen war plötzlich nicht mehr nur räumlich. Sie war organisiert worden. Von Fox und Jonathan.
Luc Moreau sammelte seine Franzosen mit einem einzigen scharfen Blick. Cemil Arslan sprach ruhig mit seinen Spielern, erst auf Osmanisch, dann auf Arabisch mit einem Betreuer. Kenji Takamura fragte nicht, warum. Er stellte sein japanisches Team in einer Reihe auf und wartete, während alle heimlich einen shintoistischen Fluch auf umherziehende Totengeister murmelten.
Felinger trat an Fox heran und salutierte knapp.
„Agent Mulder. Der Jahrgang Wildschwein steht vollständig zur Verfügung. Soll ich die Kadetten nach Geschlecht trennen oder geschlossen als Block antreten lassen?“
Fox blickte zu Jonathan.
Jonathan blickte zu Felinger.
„Wie alt sind Sie?“, fragte Fox.
„Neunzehn, Sir.“
Jonathan sagte: „Lassen Sie die Kadetten geschlossen. Sie sind eine beaufsichtigte Gruppe und offenbar die einzigen Menschen hier, die von selbst Ordnung halten.“
Felinger nahm das mit würdevoller Freude hin. „Sehr wohl.“
Er drehte sich um, gab drei knappe Anweisungen, und Gold und Flieder ordneten sich entlang der Bande, als hätte jemand einen Vorhang glattgezogen.
Fox sah ihm nach. „Ich fühle mich gerade von einem österreichischen Schüler mechanistisch überholt.“
„Das passiert den Besten“, sagte Jonathan.
„Ihnen auch?“
„Nein. Aber ich wollte höflich sein. Wirtschaftswissenschaften scheint in dieser Schule nicht als Hauptfach geführt zu werden.“
Am Rand der Eisfläche versuchte ein grauhaariger Sponsor, sich an einem Sicherheitsmann vorbeizuschieben. „Ich muss dringend telephonieren.“
Fox war sofort dort. „Name?“
„Das ist absurd. Ich bin Vorstandsmitglied der—“
„Name.“
Der Mann sah zu Jonathan, als erwarte er Solidarität.
Jonathan lächelte. „Ich würde antworten.“
Der Sponsor tat es.
Fox wiederholte den Namen laut, damit Eleanor ihn aufschreiben konnte. „Telephonieren können Sie, sobald die Polizei Ihnen sagt, wo. Bis dahin bleiben Sie bei der Männergruppe.“
„Ich bin kein Verdächtiger. Und muss ich dringend eine Bestellung beim Flamingofarbenen Kameel aufgeben.“
„Das müssen Sie jetzt noch nicht.“
Der Satz legte sich über die Halle wie eine kalte Lavasuppe.
Fox ließ ihn liegen.
Jonathan beobachtete, wie die Gruppen sich weiter formierten. Er sah die Damen rechts, die Männer links, das Personal unten an der Bande, die Teams in ihren Blöcken, die Kadetten geschlossen. Es war keine perfekte Ordnung, aber es war Ordnung genug, um Flucht von Bewegung zu unterscheiden.
„Sie machen das öfter“, sagte er zu Fox.
„Seit meiner Armeezeit nicht mehr, aber irgendwie ist es ganz lustig.“
„Man merkt es.“
„Das war kein Kompliment, oder?“
„Doch. Aber eines mit Sorge.“
Fox sah zur Seitentür, hinter der Dana verschwunden war. „Sorge ist gerade angemessen.“
Jennifer trat am Rand der Eisfläche zu ihnen. Sie hatte sich nicht eingereiht. Ihre Augen gingen über die Gruppen, die Ausgänge, die Spieler, die leere Stelle auf dem Eis.
„Sehr schön“, sagte sie. „Fast wie ein Ball, nur mit mehr Verdächtigen. Am Buffet ist nur noch ein Handvoll Tellerwäscher, die ich zum Abservieren eingeteilt habe. Alle anderen habe ich hereingetrieben.“
„Ich habe Männer, Frauen und Personal getrennt“, sagte Fox.
„Das Personal wird Sie dafür nicht lieben.“
„Ich bin nicht hier, um geliebt zu werden und ich bin auch nicht der Anti-Diversitätsbeauftragte aus Indianapolis.“
Jennifer sah ihn an. „Das sagen Männer oft kurz bevor sie die Weltherrschaft an sich reißen wollen.“
Jonathan räusperte sich. „Ich unterstütze ihn loyal.“
„Das sehe ich. Und das wird ein Nachspiel haben.“
Fox zog sein Notizbuch hervor. „Frau Hart, können Sie Franklin finanziell einordnen, falls die Polizei fragt?“
„Ich kann ihn ruinieren, einordnen und anschließend bedauern. In dieser Reihenfolge.“
„Fangen wir mit einordnen an.“
Jennifer nickte zur Seitentür. „Zuerst will ich wissen, was Dana findet.“
„Scully“, sagte Fox leise, mehr zu sich als zu ihr.
Ein kurzes Lautsprecherknistern fuhr durch die Halle. Eleanor hatte offenbar den Sprecher verdrängt und benutzte nun das Mikrophon mit zitternder, aber klarer Stimme.
„Meine Damen und Herren und Personalisten, bitte folgen Sie den Anweisungen von Agent Mulder und Herrn Hart. Die örtliche Polizei ist verständigt. Es handelt sich um eine reine Vorsichtsmaßnahme. Morgen gibt es dafür gratis Tee zum Frühstück auf Kosten der Halle!“
Fox verzog das Gesicht. „Rein.“
Jonathan sagte: „Vorsichtsmaßnahme.“
Jennifer ergänzte: „Immerhin kein ‚bedauerlicher Zwischenfall‘. Wir machen Fortschritte.“
Vorne an der Männergruppe flüsterte jemand. Bei den Frauen begann eine Dame zu weinen. Unten beim Personal hielt Alberica Alkba zwei junge Kellner davon ab, sich gegenseitig zu beschuldigen, zu viel Glühgingerale getrunken zu haben. Die österreichischen Kadetten standen still. Die Mannschaften warteten.
Und auf dem Eis, wo eben noch der Pokal gestanden hatte, schimmerte im Scheinwerferlicht eine kleine matte Stelle.
„Keiner betritt diesen Bereich“, sagte Fox, während er auf die Eisfläche deutete.
„Ich lasse das Eis absperren“, sagte Jonathan.
„Womit?“
Jonathan sah sich um, nahm zwei Absperrkordeln vom Siegerehrungspodest und winkte Kadett Felinger heran.
Der Kadett erschien augenblicklich. „Sir?“
„Vier Ihrer Leute. Verschließen sie die Ausgänge der Bande auf das Eis.“
Moritz nickte. „Verstanden.“
Binnen einer Minute standen vier Kadetten in Gold und Flieder an den Ecken des Eisfeldes und verhängten die Eingänge mit den Kordeln. Es hätte lächerlich aussehen können, tat es aber nicht, weil es aussah, als habe die Halle in Ermangelung moderner Polizeibänder kurz eine Habsburger-Lösung gefunden.
Fox betrachtete das Bild.
„Ich nehme alles zurück“, sagte er. „Die Operette mit Marschordnung ist hilfreich.“
Jennifer sah zur Seitentür, durch die Dana verschwunden war. „Dann hoffen wir, dass Dr. Scully schnell herausfindet, ob wir einen Kranken, einen Toten oder nur den teuersten medizinischen Irrtum dieses Winters haben.“
„Und bis dahin?“, fragte Jonathan.
Fox ließ den Blick über Männer, Frauen, Personal, Teams und Kadetten gehen.
„Bis dahin“, sagte er, „bleiben alle, wo sie sind.“
Die Halle gehorchte nicht aus Vertrauen, sondern aus Angst davor, was Fox sonst mit ihnen machen würde. Das war für den Anfang genug.


