Shane Hollander mochte Eis, weil Eis ehrlich war.
Es war glatt, aber nicht nachgiebig. Es verzieh keine falsche Gewichtsverlagerung, keine halbe Entscheidung, keinen Moment, in dem man mehr mit den Bewegungen eines anderen als mit den eigenen Kufen beschäftigt war. Eis nahm alles auf: Druck, Tempo, Zögern, Angst. Und wenn man log, folgte der Fall als sofortige Strafe.
Genau deshalb hatte er gehofft, dieser Abend könne einfach sein.
Eine kontrollierte Benefiznacht. Sauber. Sportlich. Kein Gezischel in Fluren, keine alten Bilder, keine Gerüchte, keine Blicke, die länger dauerten als ein Wechsel auf dem Eis. Er wollte als Kapitän des britischen Jugendnationalteams auftreten, ein paar Hände schütteln, ein paar Sätze über internationale Fairness sagen, gewinnen, lächeln, wieder abreisen. London würde zufrieden sein. Montreal würde stolz tun und trotzdem alles analysieren. Die Vereinten Nationen würden ihre Photos bekommen. Das geplante Sportzentrum für internationale Demokratiebildung bekäme sein Geld.
Ein sauberer Abend.
Und dann hatte Shane diese Halle gesehen: Kein modernes Glitzern, keine futuristische Technik, eher ein Museum früheren Glanzes. Nicht nur der Geruch des Ortes, jedes abgekratzte Holzdetail an den Treppengeländern, jede abbröckelnde Farbe hinter den schnell aufgespannten Draperien, sagten ihm, dass er im falschen Film war.
Shane stand am Rand des Foyers, nahe einer Säule, deren Marmor nur aus der Entfernung überzeugte. Unter der weißen Farbe blätterte dunkler Putz hervor. Über ihm hingen Girlanden aus silbernem Papier, die bei jedem Luftzug raschelten wie zu leise Applausversuche. Das Streichquartett spielte etwas, das feierlich sein sollte, aber in dieser Halle noch antiquierter klang.
Er trug den dunkelblauen Mannschaftsanzug, weißes Hemd, schmale Krawatte, das britische Abzeichen am Revers. Es war eine Uniform. Stoff konnte dem Körper Haltung geben, wenn der Geist nur weglaufen und sich verstecken wollte.
Cartagena war heiß und schwül gewesen, es hat zu Mut hinter der Maske eingeladen, zu Freiheit in einer Öffentlichkeit, die nichts nach London oder Montreal melden würde. Süße Blüten, feuchte Mauern, heißes Wachs, Salz auf Haut, zu schwerer Parfümnebel, eine Dampfgrotte. Shanes Nackenhaare stellten sich auf aus einer Mischung von Schauder und Lust. Dann kamen ihm die Farben in Erinnerung: Rotgoldene Lampions, grüne Masken, schwarze Tierköpfe aus Lack und Federn. Eine Studenten-Masquerade, die man als ausgelassen angekündigt hatte und die viel zu schnell etwas Rituelles bekommen hatte, war zum Massengrab geworden, aber auch zur Schmiede echter Freundschaft. Jemand hatte damals von aztekischem Dampf gesprochen, von jesuitischer Einhegung. Shane erinnerte sich an den Dampf, der in der Grotte hervorgequollen war, schwül und bitter, an Atem hinter Masken, an Musik, die lauter wurde, weil irgendwo jemand nicht mehr lachen wollte.
Shane zwang sich, auf das Foyer zu schauen. Auf reale Dinge wie Gläser, Treppe, Empfangspult und Eberemblem. Der ausgestopfte Eberkopf war der Auslöser für die Erinnerung an die Masquerade gewesen. Shane wandte schnell den Kopf ab.
Er blickte auf die Gäste, die sich viel zu ernst nahmen. Dann erst nahm er ein Ahornsirup-Tartelette, das aussah, als hätte jemand versucht, Kanada in mundgerechte Diplomatie zu verwandeln.
„Kapitän Hollander?“
Eine Funktionärin des Komitees trat an ihn heran, rotes Kleid, silberne Brosche, Lächeln aus organisatorischer Erschöpfung. „In zehn Minuten bitten wir die Mannschaftskapitäne zum Phototermin unter dem Kronleuchter.“
„Ich freue mich schon darauf“, sagte Shane. Das war sogar die Wahrheit, auch wenn er nicht sagen durfte, es sich nicht erlauben konnte, auch nur anzudeuten, warum er sich auf das Photo freute. Jemand würde auch an diesem Abend teilhaben. Und das war aufregender als Stipendien, Kronleuchter und Erinnerungen an Masken in Cartagena zusammen.
„Die Reihenfolge wäre: Frankreich, Japan, Osmanisches Reich, Sowjetunion und Vereinigtes Königreich, ganz neutral nach Alphabet.“
Sie sagte es gelassen. Er hörte trotzdem das letzte Wort deutlicher als die anderen.
Er nickte nur. „Danke.“
Die Funktionärin entfernte sich, und Shane griff nach der Broschüre, die auf einem Stehtisch lag. Er hatte sie bereits im Bus gelesen, aber Lesen war manchmal besser als Denken. Der Einband zeigte die Chestnut Mountain Ice Hall, viel schöner als sie in Wirklichkeit war, mit einer Zukunftsskizze des Demokratiezentrums im Hintergrund: Glas, Licht, Fahnen, junge Menschen, die aussahen, als hätten sie nie in ihrem Leben ein schlechtes Gespräch in einer Umkleidekabine geführt und über jemanden gelästert.
Er schlug die Seite mit den Turnierpreisen auf.
Die Zahlen standen dort in goldener Schrift, fast beleidigend elegant:
1 Million US-Dollar für den fünften Platz.
2 Millionen US-Dollar für den vierten Platz.
4 Millionen US-Dollar für den dritten Platz.
8 Millionen US-Dollar für den zweiten Platz.
16 Millionen US-Dollar für den ersten Platz, angelegt in Stiftungssicherheiten zugunsten internationaler Sportstipendien.
Shane las die letzte Zeile zweimal.
Sechzehn Millionen.
Nicht als Scheck, den man hochhielt. Nicht als protziger Pokal, nicht als irgendeine Dummheit, die ein Spieler auf Photos küsste: Stiftungssicherheiten für Stipendien.
Er wollte dieses Geld nach London holen, eigentlich nach Montreal. London hatte ihn als Kapitän geschickt; Montreal hatte ihn geformt, verletzt, geliebt, ausgehalten. Er wusste, wie viele junge Spieler zwischen Förderung und Vergessen verschwanden, weil jemand nicht genug zahlte, nicht genug hinsah, nicht genug glaubte. Sechzehn Millionen konnten Trainingshallen öffnen, medizinische Versorgung sichern, Reisen bezahlen, Leben verschieben.
Geld war nie nur Geld. Im Sport war Geld Zeit. Und Zeit war manchmal die einzige Gnade, bevor man zu alt und zu gebrechlich für das nächste Spiel wurde.
„Große Zahl, was?“
Shane hob den Blick.
Ein Mann im cremefarbenen Smoking stand neben ihm. Zu sonnengebräunt für Chestnut Mountain, zu entspannt für einen Sponsor, zu wach für einen bloßen Zuschauer. An seinem Handgelenk glänzte eine Uhr, deren Preis Shane nicht wissen wollte. Am Revers trug er keinen Firmenpin, sondern einen kleinen Anhänger: eine venezianische Maske, silbern, mit einem Tierprofil; schlanke Schnauze, schmale Augen, ein schakalisches Lächeln, das keines war.
Shanes Finger spannten sich um die Broschüre.
Er sah den Anhänger nicht lange an. Genau lange genug, um sicher zu sein.
„Sehr großzügig“, sagte Shane.
„Großzügigkeit ist Privileg des Alters.“ Der Sponsor lächelte. „Sie sind Hollander, der Brite?“
„Das bin ich.“
„Man hört, Sie spielen nicht nur schnell, sondern auch unbestechlich.“
„Das klingt, als hätten Sie etwas über mich gelesen.“
„Oder mit ihrer Mutter gesprochen.“ Der Mann nahm ein Glas Glühgingerale, trank einen großen Schluck. „Eine solche Summe erzeugt Druck. Besonders auf einen Kapitän. Und ihre Mutter hat schon die nächsten Pläne, wie man internationale Aktivitäten in Werbemillionen umwandeln kann.“
„Druck gehört zum Spiel.“
„Nicht jeder Druck kommt vom Gegner.“
Shane sah ihn nun direkt an. „Sagen Sie das als Sportfreund oder als Warnung?“
„Als Bewunderer sauberer Spiele.“
Der Anhänger bewegte sich leicht, als der Mann sein Glas abstellte. Die silberne Maske fing das Kronleuchterlicht. Für einen Augenblick schien sie nicht am Revers zu hängen, sondern vor einem Gesicht.
Shane hasste es, dass sein Körper schneller reagierte als sein Verstand. Ein enger Zug im Hals. Ein kurzer, heißer Stich im Bauch. Die Erinnerung an eine Hand, die ihn in Cartagena durch einen Türrahmen gezogen hatte. Er hatte nie ganz entschieden, ob diese Hand ihn gerettet oder tiefer hineingeführt hatte.
„Schöner Anhänger“, sagte Shane.
Der Sponsor berührte ihn mit zwei Fingern. „Ein Souvenir.“
„Aus Venedig?“
„Ich war einmal bei einem Ärztekongress dort. Ich bin hier als Turnierarzt ehrenamtlich mit dabei. Wenn Sie sich etwas brechen, werde ich es wieder einrenken.“
„Das ist eine interessante Antwort.“
„Genauso wie bei den Japanern, Franzosen und Osmanen, ich mache da keine Unterschiede. Hippokratischer Eid, Sie verstehen?“ Der Mann neigte den Kopf. „Viel Glück heute Abend, Kapitän Hollander.“
Er ging, bevor Shane etwas erwidern konnte.
Shane blieb stehen. Sein Puls ging schneller, als er sein sollte. Er zwang ihn herunter: Tief Einatmen, langsam bis zehn zählen, leicht Ausatmen.
Unter dem Kronleuchter sammelten sich nun die Kapitäne.
Der japanische Kapitän stand bereits schmal und aufrecht dort, zu früh und zu kontrolliert. Sein Blick wanderte einmal über das Foyer, als katalogisiere er Ausgänge, Stimmungen und mögliche Schwächen in einem einzigen höflichen Atemzug. Neben ihm lachte der französische Kapitän mit zwei Funktionären, elegant, charmant, zu locker, um wirklich locker zu sein. Der osmanische Kapitän sprach mit einem älteren Betreuer; seine Hände bewegten sich beim Reden ausdrucksvoll, aber seine Augen blieben beim Eiszugang.
Und dann kam der sowjetische Kapitän.
Shane merkte es, bevor er ihn sah. Eine minimale Veränderung in der Geräuschkulisse. Der sowjetische Spieler trug einen dunkelroten Mannschaftsanzug, das Haar ordentlich zurückgekämmt, das Gesicht ernst, die Schultern gerade. Er war größer geworden oder Shane erinnerte ihn kleiner. Cartagena hatte alle Menschen verzerrt.
Ilya Rozanow.
Damals hatte er eine Jaguarmaske getragen während der ganzen Nacht.
Ilya blieb auf halber Strecke stehen.
Ihre Blicke trafen sich. Es gab keine Begrüßung. Kein Lächeln, sondern nur diesen einen Blick, der zu viel wusste. Cartagena stand zwischen ihnen wie ein dritter Spieler auf dem Eis, unsichtbar, regelwidrig und nicht vom Platz zu schicken.
„Kapitän Hollander“, rief die Funktionärin. „Bitte hierher.“
Shane schloss die Broschüre. Die Zahl auf der Preisseite blieb ihm im Kopf: sechzehn Millionen. Er dachte an London, an Montreal, an junge Spieler, die nicht lernen sollten, dass Talent ohne Geld nur eine höfliche Form von Verlust war. Er dachte an Ilya und an den Turnierarzt mit der venezianischen Maske.
Hockey war schnell, hart und voller Körper, die stürzten und wieder aufstanden. Und manchmal gewann nicht derjenige, der keine Angst hatte, sondern derjenige, der trotz Angst den nächsten Pass sah.
Shane trat unter den Kronleuchter.
Der japanische Kapitän verbeugte sich knapp, der französische reichte ihm die Hand, der osmanische nickte mit ernster Wärme und Ilya kam zuletzt.
Für einen Moment standen sie einander gegenüber.
„Hollander“, sagte Ilya.
Seine Stimme war tiefer als in Cartagena.
„Rozanow“, sagte Shane.
Ihre Hände trafen sich. Fest. Kurz. Für die Kamera lang genug, für die Vergangenheit zu kurz.
Der Blitz ging los.
Im Licht sah Shane über Ilyas Schulter hinweg den Turnierarzt mit dem Maskenanhänger. Der Mann beobachtete nicht die Kapitäne. Er beobachtete nur Shane.
Shane lächelte für das Photo.
Es war ein professionelles Lächeln, das die Lügen nur schmal verhüllen konnte.


