Zwei Halbrüder mit drei Motiven

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Die Tür schloss sich hinter Cemil.
Für einen Moment blieb Fox allein zurück, noch immer mit dem Nachklang osmanisch-britischer Kälte im Raum. Zwei leere Stühle, zwei Halbbrüder, zwei glaubhafte Motive und noch immer kein sauberer Zugriff. Moreau hatte sich hinter französischer Eleganz verschanzt. Arslan hinter jener Art von Ruhe, die weniger ein Charakterzug als eine Überlebensform war: Beide hatten Franklin verachtet, sie hatten Grund gehabt, ihm nicht zu helfen, und sie hatten zu deutlich gewusst, dass der Tote mehr gewesen war als ein Sponsor.
Fox sah auf die Tischplatte.
Danas Probenbehälter war fort genauso wie ihre Mappe. Das machte den Raum nicht leerer, sondern unsicherer. Ohne Dana wirkten Verhöre immer ein wenig wie ein Seiltanz ohne Netz. Dafür konnte man manchmal schneller fallen. Die Tür ging wieder auf.
Shane Hollander kam herein.
Er trat nicht zögernd ein. Eher wie jemand, der beschlossen hatte, dass zu viel Zögern in solchen Räumen wie ein Geständnis aussah. Trotzdem trug er noch das Spiel im Körper: Spannung in den Schultern, ein Tick zu schnelles Atmen, die Art Wachheit, die nicht von Müdigkeit kam, sondern von zu vielen Dingen, die gleichzeitig falsch werden konnten.
Fox deutete auf den Stuhl.
„Kapitän Hollander.“
Shane setzte sich diesmal sofort.
Fox blieb stehen. Er wollte die hierarchische Dynamik nicht ausgleichen. Nicht bei Shane. Shane war ein Spieler; Spieler verstanden Positionen. Also bekam er eine.
„Sie sind im Moment der einzige der vier Kapitäne ohne tote Vaterfigur, adlige Familiengeschichte oder französisch-osmanisches Ehedrama.“
Shane sah ihn an. „Das klingt fast wie ein Kompliment.“
„Es ist nur eine Feststellung.“
„Dann ist sie wahrscheinlich aus Aruba importiert.“
Fox ignorierte das. „Sie sagten eben, Sie hätten im Korridor Stimmen gehört. Franklin. Den Arzt. Angespannt. Mehr nicht.“
„Ja.“
„Das ist etwas privatdedektivisch, nicht wahr?“
„Mehr habe ich nicht.“
Fox nahm das hin, weil Shane zu den Leuten gehörte, die auf Druck oft erst dann brauchbar wurden, wenn sie glaubten, dass man die falsche Richtung einschlug.
„Gut“, sagte Fox. „Dann anders: Sie haben Franklin vorher nie getroffen?“
„Nicht bewusst.“
„Und trotzdem reagieren Sie auf seinen Tod nicht wie ein Mann, der bloß ein Sponsorproblem im falschen Moment erlebt.“
Shane hielt den Blick. Keine Ausweichbewegung. Das war bei ihm nicht zwingend Ehrlichkeit, eher Disziplin.
„Vor meinen Augen ist jemand gestorben. Das ist nicht normal. Ich bin kein Soldat oder… Geheimagent.“
„Da haben Sie recht. Für mich sind Leichen der Alltag“, sagte Fox. „Man gewöhnt sich an die Toten. Das Sterben ist erschreckender als der Tod. Im Tod ist niemand mehr angespannt, niemand verbirgt mehr etwas. Im Sterben hingegen wollen viele mit dem letzten Atemzug noch etwas sagen. Eine Hinterlassenschaft. Einen Segen. Einen Fluch oder ein Geständnis.“
Stille. Fox wartete genauso wie Shane.
Dann schob Fox den ersten Rubin bewusst in die falsche Richtung.
„Hatten Sie Sorge, dass Franklin vor seinem Tod noch etwas über Sie sagen würde?“
Ein winziger Ruck ging durch Shanes Gesicht, eine Mischung aus Schuldgefühl, Überraschung und Urlaubsflucht.
„Über mich?“
„Sie sind das britische Zugpferd des Abends.“
„Ich bin Kapitän des britischen Teams.“
„Geboren in Ottawa, sportlich in Montreal geprägt, in us-amerikanischen und konföderierten und mexikanischen Medien verwertbar, bei internationalen Sponsoren ausgezeichnet anschlussfähig.“ Fox neigte den Kopf. „Manchmal ist Nationalität auf Plakaten einfacher als in Biographien.“
Shanes Mund wurde schmal.
Fox fuhr fort: „Wenn Franklin Geld, Einfluss oder den Ausgang des Abends kontrollieren wollte, wären Sie nützlich gewesen. Vielleicht auch erpressbar.“
Shane schnaubte kurz, trocken. „Wenn Sie mir jetzt Doping anhängen wollen, nehmen Sie wenigstens etwas mit mehr Stil.“
Fox speicherte das Wort sofort, weil es bewies, dass Shane über Doping nachgedacht hatte, sondern weil sein Gehirn zu schnell die Art Gefahr lieferte, die er selbst für plausibel hielt.
„Ich habe Doping nicht gesagt.“
„Nein. Sie haben nur eine Verdächtigung unfair gegen mich gerichtet, weil Sie eifersüchtig sind über meine Zeitungspräsenz im Vergleich zu Ihrer.“
„Vorher waren Sie nicht so schnippisch. Es könnte auch sein“, sagte Fox, „dass Franklin Sie zu einer intimen Absprache mit Rozanow drängen wollte, um den Ausgang des Finales zu beeinflussen.“
„Nein.“
Die Antwort kam zu schnell.
Shanes Atem wurde hektischer, so sehr er sich auch bemühte, ihn zu zügeln.
„Und wieso mit Rozanow? Er ist sowjetischer Kapitän. Was sollte ich mit ihm besprechen?“
Da war die erste echte Bewegung.
Fox trat einen Schritt näher.
„Haben Sie ein Problem mit der Sowjetunion? Oder mit Rozanow persönlich?“
Shane merkte sofort, dass es für einen Rückzieher zu spät war. Er fuhr sich einmal mit der Hand über den Mund, als wolle er das letzte Wort zurückholen.
„Ich habe kein Problem mit Rozanow. Ich habe gar nichts mit Rozanow. Es geht doch hier um den toten Philanthropen, nicht um ihn.“
„Wie?“
Shane sah auf die Tischplatte, um das Gesicht ruhig zu halten.
„Ich habe gehört, wie der Arzt mit Franklin sprach. In dem Raum hinter dem Korridor. Irgendetwas über alte Unterlagen und Zahlungen.“
Fox nickte sehr langsam.
„Und Ihr erster Gedanke war?“
Shane sagte nichts.
Fox ging kein Risiko auf Wärme ein.
„Nicht: wie schrecklich. Nicht: was für ein Sponsor? Nicht: hoffentlich fällt das Turnier nicht aus. Ihr erster Gedanke war jemand Konkretes.“
Shane hob den Blick.
Fox sagte: „Sie wollten also nicht, dass Korruption thematisiert wird?“
„Ich wollte nicht, dass das Stipendienprogramm wegen eines alten Mannes und irgendeiner verrotteten Staatengeschichte in die Mühle kommt.“
„Das ist bemerkenswert fürsorglich. Auch für Ihre vier Gegner.“
Shane sah ihn an. Diesmal völlig gerade.
„Vielleicht bin ich als Kapitän von Natur aus fürsorglich.“
„Und was haben Sie gedacht, als Franklin dann auf dem Eis zusammenbrach?“
Shane antwortete diesmal sofort.
„Dass es kein Zufall mehr ist.“
„Warum das?“
„Weil er vorher schon klang, als hinge etwas an ihm, das nicht mit ihm sterben durfte.“
Fox nahm jetzt den Tonfall, den er für die Stellen benutzte, an denen Wahrheit leicht als Loyalität getarnt wurde.
„Haben Sie gedacht, Rozanow hätte ihn getötet?“
Shane schwieg.
Das Schweigen dauerte zu lang für ein Nein, zu kurz für eine ausgearbeitete Lüge.
„Warum Rozanow?“, sagte Shane schließlich. „Franklins Söhne sind Arslan und Moreau. Das ist doch die verrückte Familiengeschichte, nicht Ilya. Ich weiß nur, dass Familiengeschichten Leute in Dinge hineinziehen, für die sie nie selbst unterschrieben haben.“
Fox hörte die Verschiebung.
„Sie reden nicht über die anderen drei. Sie reden über sich.“
Shane lachte kurz auf, aber ohne jeden Humor.
„Sie machen das gern, oder?“
„Sie stellen hier kleine Fragen! Wissen Sie, dass ich im August in Lettland war? Ich habe kein Problem mit der Sowjetunion. Zumindest nicht mit der heutigen.“
Shane lehnte sich zurück, diesmal wirklich. Er wirkte nicht bequemer. Nur müder.
„Ich bin nicht verwandt mit dem Mann. Ich schulde ihm nichts. Ich schulde keinem von denen da draußen irgendetwas. Aber wenn ich sehe, wie hier plötzlich alle mit Abstammung, Namen, Frankreich, Osmanischem Reich, Großbritannien, Sowjetunion und irgendeinem alten Dreck um sich werfen, dann weiß ich ziemlich genau, wer als Nächstes dran ist, wenn keiner aufpasst.“
„Rozanow.“
„Ja. Denn Leute wie Sie schieben immer alles zuerst auf die Russen, dann auf die Chinesen und zuletzt auf die Aliens, nur um von der eigenen Ratlosigkeit abzulenken. Klären Sie den Mord auf, anstatt uns zu beschuldigen.“
Fox hob eine Braue. „Leute wie ich?“
„FBI.“
„Ich dachte schon, Sie meinen Tennisspieler.“
Shane starrte ihn an.
„Schlechter Zeitpunkt für einen Sportlerwitz.“, sagte Fox. „Ich weiß.“
Dann wurde er wieder ernst. „Sie stehen auffällig oft dort, wo Rozanows Probleme gefährlich werden könnten.“
Stille. Das war die Stelle, an der ein anderer Mann wütend geworden wäre. Shane wurde nur noch aufmerksamer.
„Ich habe niemanden umgebracht. Und ich stehe auf dem Eis, wo auch Leute wie Rozanow stehen.“
Hastig fügte er hinzu: „Und Arslan. Und Moreau. Und Takamura.“
„Das war nicht meine Frage.“
Shane sagte nichts.
Fox tippte mit dem Finger auf den Tisch.
„Haben Sie Franklin vor dem Zusammenbruch berührt?“
„Ja. Beim Fallen, aber sonst nicht.“
„Den Pokal?“
„Nein.“
„Den Arzt?“
„Nein. Warum sollte ich den Arzt berühren? Oder den Pokal? Ich hatte ja nicht gewonnen.“
„Haben Sie irgendeine Absprache mit Rozanow getroffen? Vor dem Spiel, während des Spiels, nach dem Spiel?“
Shane schüttelte den Kopf.
„Niemals.“
„Keine Absprache darüber, wer gewinnt?“
„Nein.“
„Keine Absprache darüber, wer verliert?“
Jetzt sah Shane wirklich genervt aus.
„Agent Mulder, ich verliere nicht absichtlich in einer Halle voller Kameras, nur damit irgendein Sponsor einen hübschen Abend hat.“
Das klang wahr.
Vor allem, weil sein Stolz dafür zu echt war. Fox ging einen anderen Weg.
„Und wenn Franklin Ihnen Geld angeboten hätte?“
Shane verzog kaum den Mund.
„So bin ich nicht. Ich bin nicht käuflich. Arslan nicht. Moreau nicht. Rozanow nicht. “
„Takamura?“
Shane hielt kurz inne.
„Auch nicht.“
„Sie kennen ihn kaum.“
„Ich kenne Sportler.“
„Wirklich?“
Shane sah ihn direkt an. „Nein. Nicht alle. Aber genug, um zu wissen, dass Sie gerade bequeme Geschichten suchen. Und die Japaner sind berühmt für ihre Zielstrebigkeit.“
Fox gab ihm dafür fast einen Hauch Anerkennung. Ehrlichkeit, wo Scham einfacher gewesen wäre.
Dann ging die Tür auf.
Shane drehte sofort den Kopf.
Jonathan und Jennifer standen im Türrahmen, beide mit Mappen unter dem Arm. Jonathan wirkte ausnahmsweise so, als wüsste er nicht, wie man schlechte Nachrichten charmant machte.
Fox richtete sich auf.
„Schlechter Zeitpunkt oder guter?“
Jennifer trat ein. „Schlecht für Franklin. Gut für Ihre Ermittlungen.“
Shane blieb sitzen, aber seine ganze Aufmerksamkeit wurde zu den Unterlagen in Jennifers Hand gezogen. Die Mappen sahen alt genug aus, um genau die falschen Themen zu berühren: dreißig Jahre, vierzig Jahre, Sport, Geld, Sowjetunion, Namen und Zahlungen.
Jonathan schloss die Tür hinter sich.
„Wir haben uns erlaubt, die finanzielle Seite Ihres Wohltäters anzusehen.“
Fox sagte nichts.
Jennifer übernahm.
Fox hob allerdings eine Hand. „Kapitän Hollander, warten Sie draußen. Ich bin noch nicht mit Ihnen fertig.“
Shane stand auf.
Zu schnell.
„Natürlich.“
Das Wort klang nicht natürlich.
Er ging an Jennifer und Jonathan vorbei, ohne die Mappen direkt anzusehen. Gerade deshalb sah er sie zu deutlich. Dann fiel die Tür hinter ihm ins Schloss.
Jennifer wartete einen Moment, bis seine Schritte im Flur verklungen waren.
„Das Stipendiengeld existierte nicht“, sagte sie. „Oder jedenfalls nicht in der Form, die Franklin der Halle, der Vereinten Nationen und den Mannschaften verkauft hat. Dazu kommen massiv gestiegene Abrisskosten wegen Asbest. Und selbst die Spenden des heutigen Abends waren bereits zur Deckung älterer Schulden verplant. Ich hatte es Agent Scully unten schon gesagt, aber jetzt habe ich die Beweise dafür: Unterlagen aus einem schmuddeligen Abstellkammerl.“
Fox wurde ganz still.
„Also brauchte Franklin heute Abend Geld statt es ausgeben zu können.“
„Das ist so offensichtlich wie der Obelisk auf dem Petersplatz“, sagte Jonathan. „Und zwar schnell.“
Jennifer legte die Mappen auf den Tisch. „Wenn die Burschen davon gewusst hätten, gäbe es allerdings keinen guten Grund, ihn wegen der angeblichen Stipendiengelder zu ermorden. Man tötet keinen Mann, um Geld zu erben, das nicht existiert.“
Fox sah auf die Unterlagen. „Es sei denn, man tötet ihn, um zu verhindern, dass das Nicht-Existieren auffliegt.“
„Oder“, sagte Jonathan, „um zu verhindern, dass er aus Panik etwas ganz anderes preisgibt.“
„Alte Unterlagen?“, sagte Fox.
Jennifer nickte. „Zahlungen an Franklin von seltsamen Konten, ohne das reale Gegenleistungen angegeben sind. Das ist fast wie bei dem ominösen Flamingofarbenen Kameel, von dem ich beim Buffet gehört habe, es hätte 1000 Euro für die Nichtlieferung von Tulpen verrechnet. Aber Franklin hat diese Zahlungen über 15 Jahre lang bekommen.“
Fox sah zu ihr auf.
„Das hat Hollander gehört.“
„Dann hat er mehr gehört, als er zugeben will“, sagte Jennifer.
„Ja.“ Fox griff nach der obersten Mappe. „Aber er schützt nicht Franklin.“
Jonathan verschränkte die Arme. „Rozanow?“
„Vielleicht.“ Fox blätterte. „Oder die Vorstellung, dass Rozanow nicht als erster geopfert wird, nur weil die Geschichte politisch bequemer ist.“
Jennifer legte eine zweite Mappe daneben. „Franklin war finanziell erledigt. Das bedeutet noch nicht, dass man ihn deshalb töten musste. Aber es bedeutet, dass fast jedes Gespräch, das er heute Abend führte, schlechter roch, als es von außen aussah.“
Fox nickte langsam.
Aus dem Flur drang ein dumpfes Stimmengewirr herein: die wartenden Kapitäne, ein Polizeibeamter, vielleicht ein Kadett, der versuchte, neue Ordnung in alte Katastrophen zu bringen.
Fox schloss die Mappe.
„Das ist keine schlechte Unterbrechung.“
Jonathan setzte sich nicht. Er blieb mit verschränkten Armen am Tisch stehen.
„Wir geben uns Mühe, hilfreich zu sein, ohne allzu sehr wie Leute zu wirken, die über fremde Buchhaltung urteilen. Auch bei Hart Industries gibt es Zahlungen, bei denen man nicht dazu schreibt, was die Gegenleistung war.“
Jennifer sah zur Tür, hinter der Shane verschwunden war.
„Und jetzt?“
Fox sah auf die Mappen, dann zum Fenster, das nur den dunklen Innenhof zeigte.
„Jetzt holen wir Rozanow herein“, sagte er. „Und sehen, ob Hollander recht hatte, ihn zu fürchten.“

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