Da er nun entlang des gefrorenen Flusses an der Talsohle flog, flog der Hubschrauber nun ruhiger,
Der schlimmste Teil des Schneesturms lag hinter ihnen, und unter den Kufen war die Nacht nicht mehr ganz so kratzig, sondern wieder dunkel genug, um nach Welt auszusehen. Springfield lag irgendwo voraus, mit einem Flughafen, der um diese Uhrzeit vermutlich mehr Neonlicht als Hoffnung bot und wahrscheinlich nur das eine oder andere fest gezurrte Luftschiff.
Jennifer hatte den Kopfhörer leicht verschoben und die breite Zobelstola enger um die Schultern gezogen. Der Abend hing noch an ihr: Eishallenlicht, Pressefragen, Toolidles Verschwinden, Shanes verletzte Schulter, Ilyas zu kontrollierter Blick, Danas präzise Sorge, Fox’ Telephonat mit einem unbekannten Mann.
Jonathan sah sie von der Seite an.
„Du denkst zu laut.“
„Das ist in einem Hubschrauber nicht anders möglich.“
„Ich bin seit Jahren mit dir verheiratet. Ich höre dich sogar durch Rotoren.“
Jennifer lächelte müde. „Dann weißt du auch, was ich denke.“
„Dass Denver um diese Jahreszeit kalt ist.“
„Denver ist kalt. Die mexikanischen Einreiseformalitäten sind jedes Mal aufwändig. Alexis ist juwelophil. Und ich habe nach dieser Eishalle das dringende Bedürfnis nach einem Ort, an dem kein Pokal, kein Arzt und keine alte Stiftung auf Eis liegt oder in Blut versinkt.“
Vor ihnen räusperte sich Max über die Bordsprechanlage. Er saß neben dem Piloten, tadellos angeschnallt.
„Falls eine Empfehlung erwünscht ist, Madame: warm, entspannend und möglichst weit entfernt von Eishallen wäre ein sinnvolles Profil.“
Jonathan lehnte sich zurück. „Max, Sie klingen wie ein Reisebüro.“
„Ich bemühe mich, Sir.“
Jennifer sah zum Fenster hinaus. „Karibik?“
Jonathan verzog leicht den Mund. „Zu hurrikangefährdet.“
„Bermuda?“
„Zu viele britische Segelclubs.“
„Honolulu?“
„Zu viele Japaner, die Jonathan zufällig am Strand an Haie verfüttern möchten.“
„Du bist schwierig.“
„Ich bin unterfordert und reich.“
Max’ Stimme kam wieder trocken aus dem Kopfhörer. „Lubumbashi wäre warm.“
Jennifer hob den Kopf.
Jonathan sah nach vorn. „Lubumbashi?“
„Ja, Sir. Südlich genug, um diesen Schneesturm zu neutralisieren. Außerdem hat Hart Industries dort ohnehin Unterlagen prüfen lassen.“
Jennifer drehte sich langsam zu Jonathan. „Welche Unterlagen?“
Jonathan wurde einen Hauch zu unschuldig. Das war nie ein gutes Zeichen.
„Zukünftige wirtschaftliche Möglichkeiten.“
„Jonathan?“
„Eine ehemals staatliche Kobaltmine, die die belgischen Behörden verkaufen wollen.“
Jennifer fragte: „Du willst nach einem Abend mit Asbest, toten Stiftern und alten Sportgeheimnissen eine Kobaltmine kaufen?“
„Nicht heute Nacht, so schnell wäre unsere Jacht nicht.“
Er hob beschwichtigend eine Hand. „Ich will ja nur prüfen. Die Mine ist belgisch, aber gerade deshalb interessant. Wenn man dort schnell investiert, könnte man Arbeitsplätze, Ausbeutung und Umweltverschmutzung vor Ort verbessern.“
Jennifer sah ihn weiter an.
„Umweltverschmutzung verbessern?“
„Und die belgische Regierung sucht diskrete Partner für einen Industriepark“, sagte Jonathan. „Technik, Verarbeitung, Ausbildung, vielleicht Batteriematerialien. Du kennst die Hart-Devise: Rohstoff raus, Herz hin!“
Jennifer ließ das Wort einen Moment zwischen ihnen stehen.
„Ein Industriepark in Lubumbashi soll mich von der schrecklichen Eishalle ablenken?“
Max schaltete sich ein. „Ich darf darauf hinweisen, Madame, dass Lubumbashi den Vorteil hätte, sowohl warm als auch geschäftlich plausibel zu sein. Das ist eine seltene Kombination auf dieser Welt. Meist ist eines davon eine Ausrede.“
Jennifer lehnte den Kopf zurück und schloss kurz die Augen. „Ich wollte eigentlich nur Sonne.“
„Sonne gibt es dort auch“, sagte Jonathan.
„Und Kobalt?“
„Kobalt ist sehr sonnenverträglich.“
Max’ Stimme blieb vollkommen ernst. „Ich könnte von Springfield aus sofort Vorbereitungen treffen: Leichte Kleidung, Visa, Impfungen und eine kleine Villa als feriale Unterkunft.“
Jennifer lachte leise. Diesmal wirklich.
„Max, wenn du jemals kündigst, kaufe ich ein kleines Land, nur um dich zum Premierminister zu machen.“
„Sehr freundlich, Madame. Ich würde jedoch eine Insel bevorzugen in der Ostsee.“
Jonathan sah zu Jennifer. „Also? Denver für Alexis, damit sie ihr Manama-Abenteuer vorbereiten kann, aber dann weit weg von hier und von ihr nach Lubumbashi?“
„Erst Denver“, sagte Jennifer. „Alexis ruft nicht mitten in der Nacht an, weil sie einen guten Schneider gefunden hat.“
„Man weiß nie. Ich vermute sogar, du hast sie vorher angerufen, damit sie uns von Shane und Ilya weglockt.“
Jennifer zwinkerte Jonathan zu, sah dann wieder hinaus in die Dunkelheit. Der Schnee war dünner geworden, aber die Kälte klebte noch am Glas. Irgendwo hinter ihnen lag das Chalet mit Shane und Ilya, Wärme, Tee, unausgesprochenen Sätzen und drei bis vier Tagen Wetter. Irgendwo noch weiter zurück lag die Eishalle, ein totes Gebäude voller alter, asbestverseuchter Rechnungen.
„Lubumbashi“, sagte Jennifer schließlich. „Wärme, Kobalt, belgische Diplomatie und kongolesisches Essen.“
Jonathan nahm ihre Hand. „Das klingt nach dir.“


