Der Gang hinter der Tribüne zeigte ein anderes Gesicht der Eishalle: Vorne, im Foyer, hatte man dem alten Gebäude Kronleuchterlicht, Glühgingerale und österreichische Blasmusik übergeworfen wie einen zu festlichen Mantel. Hier hinten war davon nichts mehr übrig. Die Wände waren grau, an manchen Stellen von alten Stößen dunkel glänzend, die Sockelleisten abgetreten, die Heizungsrohre mit fleckigem Lack überzogen. Kabelkanäle liefen an der Decke entlang, bogen um Ecken, verschwanden hinter Metalltüren mit verblichenen Aufschriften: GERÄTE, KÜHLUNG, NUR PERSONAL. Es roch nach kaltem Beton, Eis, Putzmittel und jener unbestimmten elektrischen Müdigkeit, die Gebäude entwickelten, wenn man sie zu lange nur notdürftig am Leben hielt.
Von weit vorne drangen Musik, Applaus und gedämpfte Stimmen herüber. Doch hier klangen sie bereits verändert, als fände das Fest hinter Glas statt.
Shane kam den Gang entlang, die Krawatte leicht gelockert, das Jackett offen. Er hatte sich nicht entschuldigt, nicht offiziell abgemeldet. Er war einfach durch eine Seitentür gegangen, sobald das Blasorchester der österreichischen Kadetten den nächsten Marsch begonnen und alle anderen gelernt hatten, gleichzeitig zu lächeln, zu essen und weltbürgerlich zu wirken.
Er bewegte sich mit der Selbstverständlichkeit eines Spielers, der in jeder Umgebung zuerst die Ausgänge sah. Nächste Tür. Nächste Ecke. Nächster Fluchtweg. Nächste Bande, auch wenn hier keine Bande war.
Am Ende des Ganges flackerte eine Neonröhre. Sie tat es in keinem dramatischen Rhythmus, sondern müde und unregelmäßig, als müsse auch das Licht überlegen, ob es für diesen Abend noch zuständig war.
Shane warf einen kurzen Blick zurück zur Haupthalle.
Niemand folgte ihm.
Das hätte ihn beruhigen sollen, tat es aber nicht.
Er blieb stehen, hörte auf das Echo seiner eigenen Schritte und ging dann langsamer weiter. Nicht zielstrebig. Eher wie jemand, der einen Ort suchte, an dem nicht jeder Blick eine Bedeutung haben musste. Vorne warteten Kameras, Sponsorengesichter, der Philanthrop mit seinem zu gut geübten Lächeln, der Turnierarzt mit dem venezianischen Maskenanhänger und Ilya, der aussah, als sei Cartagena in ihm ebenso wenig vergangen wie in Shane.
Hier hinten gab es nur Beton. Beton war besser.
Shane schloss die Augen und atmete tief durch.
Der Geruch von Putzmittel schnitt in der Nase. Darunter lag Kühlmittel, Metall, altes Wasser. Kein Dampf. Keine Blüten. Kein heißes Wachs. Keine Tiermasken.
Er öffnete die Augen wieder. Vor einer halb angelehnten Tür blieb er stehen. Er hatte kein Geräusch erwartet. Höchstens das Brummen eines alten Gerätes, das Knacken einer Heizung, vielleicht den fernen Schlag einer Servicetür, stattdessen hörte er Stimmen.
Die erste erkannte er sofort: Dr. Walter Franklin, der Philanthrop. Nur, dass seine Stimme hier anders klang als unter dem Kronleuchter. Tiefer, härter, ohne Mikrophon und ohne jene wohltätige Wärme, die vorne offenbar zur Ausstattung gehörte.
„Ich habe meinen Teil getan.“
Eine zweite Stimme antwortete. Ruhiger. Präziser. Der Turnierarzt.
„Nein. Sie haben Ihren Teil nur hinausgeschoben.“
Shane bewegte sich nicht.
Er stand schräg zum Türrahmen, halb im Schatten eines Kabelkastens. Nicht nah genug, um als Lauscher dazustehen, wenn jemand zufällig vorbeikam. Nah genug, um jedes Wort zu verstehen.
Seine Atmung wurde flacher, voller Angst und Aufmerksamkeit.
„Sie verwechseln Gelegenheit mit Anspruch“, sagte Franklin.
„Und Sie verwechseln Flucht mit Befreiung.“
Drinnen raschelte Papier. Oder Stoff. Etwas wurde über eine Tischkante gezogen. Jemand aß einen knusprigen Keks oder ein frittiertes Wantan.
Shanes Blick sank auf den Spalt unter der Tür. Ein gelblicher Streifen Licht fiel auf den Boden des Korridors. Staub lag darin wie feines Salz.
„Das ist Jahrzehnte her. Und ich habe mich fast nie persönlich bereichert“, sagte Franklin.
„Gerade deshalb ist der Fonds verwertbar.“
Stille.
Von vorne kam ein kurzer Applaus, dann Lachen. Hier hinten klang es falsch. Wie ein Tonband, das jemand in einem leeren Raum abspielte, um zu beweisen, dass noch Leben vorhanden war.
„Was wollen Sie?“
Franklin sagte es nicht wie eine Frage. Eher wie ein Mann, der begriff, dass die höfliche Phase beendet war und es nur darum ging, den Preis zu erfahren.
„Ordnung“, sagte der Arzt. „Diskretion. Und keine sentimentalen Anwandlungen.“
Shane sah zur Tür.
Cartagena hatte ihm beigebracht, dass manche Gespräche ihren gefährlichsten Punkt nicht erreichten, wenn jemand drohte, sondern wenn jemand plötzlich sehr vernünftig klang.
„Ich brauche das Geld“, sagte Franklin. „Und Sie drohen mir?“
„Ich erinnere Sie daran, dass manche Unterlagen auch dann nicht aufhören zu existieren, wenn man den Kontinent wechselt.“
Ein Schritt im Inneren des Raumes.
Der Arzt war näher an die Tür gekommen. Seine Stimme lag nun klarer im Spalt.
„Namen. Lieferwege. Zahlungen. Es wäre für uns alle sehr nachteilig, wenn aus sowjetischer Nostalgie plötzlich Beweismaterial würde.“
Shane spannte den Kiefer an.
Sowjetisch.
Das Wort blieb hängen. Nicht, weil er es verstand. Aber es war zu kalt, zu konkret, zu schwer für einen Streit um Stiftungen, Buffetwagen oder Galaeitelkeiten.
„Ich habe mich von all dem gelöst“, sagte Franklin.
„Nein. Sie haben es nur teurer verpackt.“
Ein kurzes Schweigen folgte. Dann Franklin, leiser und gereizter:
„Ich werde mich nicht durch Erpressung einschüchtern.“
„Ich auch nicht.“
Shane starrte auf den Lichtstreifen am Boden. Da war jetzt kein Zweifel mehr. Das war kein harmloser Streit zwischen Sponsor und Funktionär. Es ging um Vergangenheit, um Material, das man aufbewahren oder verschwinden lassen konnte, um Namen, die nicht in Programme gehörten, und um einen Mann, der in der Öffentlichkeit Geld gab, während er im Hinterzimmer offenbar dringend welches brauchte.
Weiter hinten im Korridor öffnete sich eine Tür. Stimmen näherten sich. Jüngere Spieler, laut genug, um jede unauffällige Beobachterposition in Sekunden auffliegen zu lassen. Sie redeten über Schlägerblätter, Umkleiden und darüber, ob man in einer Halle wie dieser überhaupt erwarten könne, dass die Duschen warm wurden.
Shane trat sofort vom Türspalt weg.
Keine Panik. Nur Instinkt. Er ging zwei Schritte zurück, steckte die Hände in die Hosentaschen und nahm genau in dem Moment die Haltung eines Mannes an, der sich nur verirrt hatte oder nach der falschen Toilette suchte.
Zwei Nachwuchsspieler in Anzügen bogen um die Ecke. Einer trug seine Krawatte so eng, als habe er noch nie eine besessen. Der andere hielt vier Häppchen in der Hand und sah aus, als bereue er es.
Beide erkannten Shane sofort.
„Herr Hollander“, sagte der Erste, sichtbar beeindruckt.
Shane nickte knapp. „Falscher Weg. Vorne links.“
„Danke.“
Sie zogen weiter, noch etwas aufrechter als zuvor.
Shane wartete einen Atemzug.
Dann ging hinter ihm die Tür auf.
Er drehte sich nicht ganz um. Nur weit genug, um im peripheren Blick Walter Franklin zu sehen. Der Philanthrop trat heraus, strich sein Jackett glatt und zog sich innerhalb von zwei Schritten wieder jene öffentliche Würde über, die so fest saß, als wäre sie eingenäht. Sein Gesicht war ruhig. Zu ruhig. Auf seiner Stirn glänzte ein dünner Film Schweiß, der in völligem Kontrast zur Kälte des Korridors stand.
Franklin bemerkte Shane nicht.
Er ging auf der anderen Seite Richtung Haupthalle zurück, dorthin, wo Kameras, Kadetten und gut markierte alkoholfreie Getränke warteten.
Der Arzt blieb im Türrahmen stehen.
Für einen Moment war er nur eine dunkle Silhouette vor dem warmen Licht des kleinen Raumes. Dann trat er heraus, schloss die Tür mit zwei Fingern und blieb stehen.
Er sah Shane sofort.
„Herr Hollander.“
Shane nahm die Hände aus den Taschen. Langsam genug, um Gelassenheit zu zeigen. Nicht langsam genug, um Unterwerfung daraus zu machen.
„Doktor?“
Der Turnierarzt lächelte. Es war dasselbe höfliche Lächeln wie im Foyer, aber ohne Publikum fehlte ihm die Farbe.
„Sie sehen aus, als hätten Sie die Gesellschaft gemieden.“
„Ich genieße die Stille vor dem Spiel.“
Ein Hauch von Belustigung ging über das Gesicht des Arztes, anerkennend, dass der Junge sprechen konnte.
„Dann haben Sie sich den falschen Trakt ausgesucht. Hier hinten wird es selten still.“
Shane sah ihn an. Zu direkt für reine Höflichkeit, nicht direkt genug für offene Konfrontation.
„Die Halle ist älter als meine Eltern. Ich kann mir gar nicht vorstellen, was hier schon alles gesagt und getan wurde.“
Der Arzt hielt seinen Blick einen Sekundenbruchteil zu lange auf seine Nase gerichtet, als messe er, ob sie sich bei einer Lüge ausdehne.
„Interesse ist in solchen Häusern oft teurer, als junge Männer sich leisten können.“
Shane antwortete nicht.
Der Arzt glättete seine Manschette. Der venezianische Maskenanhänger an seinem Revers bewegte sich dabei kaum sichtbar. Ein schmaler Silberkopf, halb Tier, halb Fest, halb Drohung.
„Ich würde an Ihrer Stelle“, sagte der Arzt, „für den Rest des Abends bei den einfachen Dingen bleiben. Spiel. Publikum. Kameras. Das Übliche.“
„Ich bin ziemlich gut im Üblichen.“
„Dann bleiben Sie dabei.“
Der Arzt ging an ihm vorbei Richtung Haupthalle wie jemand, der überzeugt war, dass selbst ein schlechtes Gespräch hinter verschlossenen Türen noch lange keine Gefahr darstellte, solange die richtigen Leute weiter lächelten.
Shane blieb allein zurück.
Er sah dem Arzt nicht nach. Sein Blick ging stattdessen zur geschlossenen Tür des Geräteraums.
Auf dem Metall stand in abgeplatzten Buchstaben:
NUR PERSONAL
Von vorne trug die Halle wieder Lachen und Mikrophonstimmen herüber. Der wohltätige, gut geheizte, öffentliche Teil des Abends lebte noch. Für ein paar Minuten vielleicht.
Shane fuhr sich mit Daumen und Zeigefinger über den Mund, als er an das Gehörte dachte: „Sowjetisch. Alt genug, um gefährlich zu sein, vage genug, um sofort an die falschen Leute zu denken.“
Sein erster Gedanke galt nicht sich selbst. Nicht der Halle. Nicht einmal den sechzehn Millionen, die in Stiftungssicherheiten angelegt werden sollten.
Er dachte an Ilya.
Nicht logisch bis zum Ende. Nicht sauber. Nur als Blitz.
Wenn so etwas in die falsche Richtung zeigte, landete es am Ende immer bei den bösen Russen.
Shane stieß leise Luft aus.
Dann richtete er sein Jackett, atmete tief durch, bis zwölf zählend, und ging zurück Richtung Licht, Musik und Eis.


