Abflug durch Weiß

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Der Hubschrauber stieg durch den Schneesturm, als hätte er mit der Schwerkraft eine persönliche Meinungsverschiedenheit.
Unter ihnen verschwand das Hart-Chalet langsam im Weiß. Erst waren noch die Fenster zu sehen, warm und golden zwischen den Tannen. Dann nur noch ein heller Fleck. Dann nichts mehr als Schnee, Nacht und das dumpfe Schlagen der Rotoren.
Jennifer und Jonathan saßen vorn, mit Kopfhörern, eng genug beieinander auf den mit Pelz belegten Sitzen, um trotz Lärm und Gurten wie ein Ehepaar zu wirken, das auch Turbulenzen gesellschaftlich korrekt bewältigen konnte. Dahinter saßen Dana und Fox. Dana hatte die Hände im Schoß gefaltet, aber ihre Augen waren offen. Fox sah aus dem Seitenfenster, als könne er zwischen Schneeflocken Regierungsschatten erkennen.
„Toolidle ist nicht mehr bei der Polizei“, sagte Dana gegen den Lärm der Rotoren an.
Fox drehte sich nicht zu ihr. „Nein.“
„Und Sie haben nicht einmal versucht, überrascht zu wirken.“
Der Hubschrauber sackte kurz ab, fing sich wieder. Jennifer sah über die Schulter zurück, lächelte beruhigend und wandte sich dann wieder Jonathan zu. Die Harts hatten die seltene Gabe, selbst in einem stürmenden Hubschrauber so zu wirken, als seien sie nur auf dem Weg zu einem etwas anstrengenden Empfang.
Dana zog den Mantel enger. „Ein Mann stirbt auf dem Eis. Ein Turnierarzt mit Verbindungen zu alten Sportprogrammen flieht, wird gefasst, redet von Langley und verschwindet dann in den Händen von Männern, die niemand offiziell gesehen haben will.“
„Das ist die saubere Zusammenfassung.“
„Treibsand“, sagte Scully. „Das ist die Zusammenfassung, bei der ich noch so tue, als gäbe es eine Akte, die wir schreiben dürften.“
Fox sah nun zu ihr. „Du glaubst also auch, dass Toolidle nicht nur ein Arzt mit schlechtem Fluchtinstinkt war.“
„Ich glaube, dass er über Jahre geschützt wurde. Vielleicht von mehreren Seiten. Franklin war früher Frantzusow, der uns sowjetische Sportgeheimnisse verkauft hat. Wenn Toolidle wirklich für eine amerikanische Stelle gearbeitet hat, dann war Franklin nicht sein Opfer, sondern ein Komplize.“
„Und Risiken werden verwaltet.“
„Oder beseitigt.“
Fox lächelte nicht. „Du klingst heute fast wie ich.“
Dana sah aus dem Fenster. Draußen war nichts als Weiß und Dunkelheit. „Manchmal denke ich, es wäre schön, einfach in den Süden zu kommen. Irgendwohin ohne Schnee, ohne Hallen, ohne alte Männer mit Akten und ohne Regierungsstellen, die Leichen verschwinden lassen, bevor der Kaffee kalt wird.“
„Buchanan“, sagte Fox sofort.
Dana drehte langsam den Kopf zu ihm. „Was?“
„Liberia. Buchanan. Es gibt da eine X-Akte.“
„Das erfindest du gerade?“
„Mutierte Mangrovenechsen.“
Dana starrte ihn an.
„Du hast gesagt, Süden.“
„Ich meinte Sonne.“
„Mangroven brauchen Sonne.“
„Mulder.“
„Es gibt Berichte über amphibische Reptilien mit ungewöhnlichem Regenerationsverhalten in Küstenmangroven. Mehrere Fischer behaupten, die Tiere hätten sich nach Verletzungen verändert, sie wären aggressiver und giftiger. Einer sagt, sie hätten gelernt, Boote zu meiden.“
„Das klingt wie ein sehr vernünftiger Fischer.“
„Oder wie eine evolutionäre Reaktion auf illegal abgeladene chemische Abfälle einer Großbaustelle für irgendein Nachrichtenstudio.“
Dana schloss kurz die Augen. „Und natürlich bekommen wir die Dienstreise nach Buchanan, damit die Kollegen in Indianapolis wieder Ruhe vor uns haben?“
„Entweder mit dem Schiff oder dem Luftschiff, je nach Finanzlage.“
„Luftschiff?“
„Nur wenn wir sehr brav sind, kostet schließlich doppelt so viel wie die Schiffsreise über den Atlantik.“
Fox’ Telephon klingelte.
In dem geschlossenen Lärm des Hubschraubers war der Ton kaum zu hören, aber beide reagierten sofort. Fox sah auf das Gerät: Keine Nummer.
Dana sah ihn an.
Fox nahm ab, verband das Headset und hörte. „Mulder.“
Sein Gesicht veränderte sich nicht viel. Aber genug, dass Dana sich aufrichtete. Eine Stimme am anderen Ende sprach ohne Begrüßung.
„Ist Agent Scully außer Hörweite?“
„Sie sitzt im Hubschrauber neben mir, aber der Lärm sollte unser Gespräch abschirmen“, sagte Fox.
Eine Pause. Dana wandte ihr Gesicht zum anderen Fenster.
Dann die Stimme, kühl, trocken, beinahe enttäuscht: „Hubschrauber? Sie reisen also mit den Harts? Ich dachte“, sagte der Krebskandidat, „Sie verdienen nach diesem langen Abend wenigstens eine kleine Beruhigung, Agent Mulder. Dr. Toolidle wird keinen Schaden mehr anrichten. Weder für Menschen noch für den Staat.“
Fox hielt den Blick auf Dana, die zum anderen Fenster blickte. „Das klingt weniger nach Justiz als nach Inventur.“
„Justiz ist für Räume mit Protokollen. Heute Nacht hatten wir es mit Stabilität zu tun.“
„Wo ist er?“
„Nicht mehr in Ihrer Zuständigkeit.“
„Er war nie in meiner Zuständigkeit, stimmt’s?“
Am anderen Ende war ein kurzes Atmen, wahrscheinlich Rauch. 
„Franklin war eine alte Schwäche. Toolidle eine alte Unvorsichtigkeit. Beides wurde korrigiert.“
Die Stimme blieb ruhig. „Agent Mulder, sagen Sie Agent Scully nichts, was sie zwingt, an der falschen Tür zu kratzen.“
Fox sagte: „Sie wissen, dass das nicht funktioniert, Dr. Scully tut, was sie für das Richtige hält, katholische Privatschule eben.“
Fox sah aus dem Fenster. Schnee schlug gegen das Glas. „Was war auf dem Mikrofilm im Pokal?“
Eine Pause.
„Sie bekommen keinen Bericht. Keinen Namen der sowjetischen Kollaborateure oder unserer Käufer. Seien Sie nicht kindisch! Sie bekommen, was in Ihrer Position das Maximum an Gnade darstellt: das Ergebnis.“
„Toolidle ist tot?“
Der Hubschrauber vibrierte. Für einen Moment war nur der Rotorenlärm da. Am anderen Ende sagte der Krebskandidat: „Die Angelegenheit ist beendet. Und Sie täten gut daran, sich mit dieser seltenen Form des Abschlusses zufriedenzugeben.“
„Franklin auch? War das auch eine Korrektur?“
„Franklin war zu gesprächig, zu verzweifelt und zu arm. Eine gefährliche Kombination.“
„Sie lassen Toolidle die Schuld tragen und verbrennen den Rest.“
„Sie verlangen gern Wahrheit, wenn Stabilität genügt hätte. Das ist an Ihnen zugleich Ihr größter Fehler und Ihre sympathischste Eigenschaft.“
„Ich wusste nicht, dass Sie Sympathien haben.“
„Ich sammle sie nicht. Ich erkenne sie nur gelegentlich.“
Fox sah zu Dana. Sie hatte kein Wort verstanden, aber sie merkte, dass es der Krebskandidat war.
Die Stimme wurde kälter. „Es gab heute Nacht schon genug Schmerz. Betrachten Sie es als ungewöhnliche Geste, dass nicht noch mehr davon übrig bleibt.“
Fox sagte schnell: „Wer hat Toolidle abgeholt?“
„Jemand, der ein Problem besonnen und kühl gelöst hat.“
„Alex Krycek?“
Dann legte der Krebskandidat auf. Fox hielt das Telephon noch einen Moment am Ohr. Dann ließ er es sinken.
Scully sagte sehr leise: „Toolidle ist tot?“
„Ja.“
„Außergerichtlich?“
„Kaltgestellt, hat er es genannt.“
„Und du?“
Fox sah sie an. „Ermordet, wahrscheinlich haben sie ihn gleich in der Eishalle in einen Block eingefroren bei lebendigem Leib.“
Dana lehnte sich zurück. Ihr Gesicht war ruhig, aber ihre Augen nicht. „Und der Mikrofilm aus dem Pokal, mit dem Franklin Toolidle erpressen wollte?“
„Vernichtet, nehme ich an.“
„Zusammen mit allem, was Franklin vielleicht noch hätte beweisen können.“
„Vielleicht nicht allem.“
„Mulder.“
„Ich weiß.“
Sie schwieg einen Moment. Dann sah sie nach vorn zu Jennifer und Jonathan. Jonathan hielt ihre Hand.
Dana sagte Richtung Jennifer: „Sie hat Shane und Ilya gerade ein öffentliches Alibi gebaut. Und währenddessen wurde der einzige lebende Verdächtige aus dem Fall entfernt.“
„Das ist der Unterschied zwischen Glamour und Regierung“, sagte Fox. „Glamour rettet wenigstens manchmal die falschen Leute aus den richtigen Gründen.“
„Und Regierung?“
„Rettet die Akten.“
Dana sah wieder hinaus in den Sturm. „Das wird keine X-Akte.“
Fox schob das Telephon zurück in die Manteltasche. „Nein. Nicht offiziell.“
„Und Buchanan?“
„Mutierte Mangrovenechsen warten selten auf offizielle Genehmigung.“
Dana atmete aus.
„Fox.“
Er hielt inne. Es war selten, dass sie seinen Vornamen in diesem Ton sagte.
„Was?“
„Wenn Toolidle tot ist, dann ist Franklin vielleicht nicht das letzte Opfer dieses Abends.“
Fox sah nach vorn, zu den Harts. Dann zurück in die Nacht, in Richtung des Chalets, das im Schnee längst verschwunden war.
„Nein“, sagte er. „Aber vielleicht hat Jennifer verhindert, dass die nächsten zwei auf der Liste standen.“
Dana sagte nichts mehr.
Der Hubschrauber flog weiter Richtung Springfield durch den Schnee.

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