Schwarzes Riff im Kronleuchterlicht

415 0 1

Jennifer Hart trat in das Foyer der Eishalle, als hätte der Winter draußen nur deshalb angehalten, um ihr den richtigen Auftritt zu schenken.
Der Wind schlug hinter ihr gegen die schweren Glastüren, trieb ein paar Schneekristalle über die schwarze Marmorschwelle und verschwand dann in dem dumpfen Seufzen alter Dichtungen. Für einen Augenblick stand sie zwischen draußen und drinnen: hinter ihr Chestnut Mountain, schneebedeckt, scharf geschnitten, von Laternenlicht und fallendem Eisstaub silbern gerändert; vor ihr das Foyer einer Eishalle, die sich für diesen letzten Galaabend noch einmal in ein Ballhaus verwandelt hatte.
Oder zumindest tapfer so tat.
Über ihr hing ein Kronleuchter aus geschliffenem Glas, der früher wahrscheinlich einmal großartig gewesen war. Jetzt fehlten ihm einige Prismen und in den Messingfassungen saß der matte Glanz vieler Jahrzehnte. Das Licht brach sich trotzdem schön. Es fiel in Splittern auf Jennifers elfenbeinfarbenen Mantel mit dem schmalen Pelzkragen, auf ihre Handschuhe, auf die weichen Wellen ihres Haares und auf das Collier an ihrem Hals.
Platin, Mondsteine, winzige schwarze Korallenfragmente.
Die Fragmente waren so gefasst, dass sie nicht wie Schmuck wirkten, sondern wie eine Woge realer Korallen unter dem seichten Meer einer afrikanischen Küste. 
„Frau Hart.“ Ein junger Mann in dunkelgrüner Gala-Livree trat vor, blass vor Pflichtgefühl und Kälte. „Willkommen in Chestnut Mountain. Darf ich Ihnen den Mantel abnehmen?“
Jennifer lächelte ihn an, und der junge Mann vergaß für eine halbe Sekunde seine Garderobenmarken.
„Nur, wenn Sie mir versprechen, dass ich ihn wiederbekomme.“
„Selbstverständlich.“
„Das hat ein Kunsthändler in Jilib auch gesagt“, bemerkte Jennifer, öffnete den Mantelverschluss und ließ ihn ihm mit der beiläufigen Sorgfalt einer Frau, die sehr genau wusste, wie teuer Stoffe waren, über den Arm gleiten. „Danach brauchten wir zwei Anwälte, einen Hafenmeister und Jonathan mit seinem freundlichsten Lächeln.“
Der junge Mann lachte unsicher, weil er nicht wusste, ob die Geschichte wahr war. Jennifer mochte Menschen, die sich diese Frage stellten. Sie waren meist noch zu retten.
„Jilib?“, fragte er.
„Ein Ort, an dem die Sonne so hell ist, dass selbst Lügen Schatten werfen. An der somalischen Küste.“ Jennifer berührte kurz das Collier. „Jonathan hat dort ein schwarzes Riff gekauft, damit es nicht von umweltverschmutzenden Spekulanten zerschnitten, verkauft und in Aquarien reicher Frauen verteilt wird.“
Der junge Mann sah auf die schwarzen Korallenfragmente.
Jennifer bemerkte den Blick und hob eine Braue. „Keine Sorge. Die sind alt. Abgebrochen, bevor Jonathan überhaupt den Vertrag gesehen hat. Ich trage keine geretteten Dinge, um sie noch einmal auszubeuten, meistens zumindest.“
„Das ist sehr schön“, sagte er.
„Es ist vor allem sehr teuer gewesen. Schönheit ist manchmal nur die höflichere Schwester der Rechnung.“
Aus dem hinteren Teil des Foyers stieg Musik auf. Ein Streichquartett spielte auf einem kleinen Podest zwischen zwei Palmen. Die zwei Geigen führten eine elegante Melodie, die Viola antwortete wärmer, und das Cello legte darunter einen Ton, der nach altem Holz und verschwiegenen Kellern klang. Auf den Stehtischen standen Glühgingeralegläser, in denen kandierte Ingwerscheiben wie goldene Münzen schwammen. Daneben lagen Ahornsirup-Tartelettes auf silbernen Platten, jedes mit einem winzigen Zuckerblatt verziert. Man hatte sich Mühe gegeben. Gerade deshalb sah Jennifer die Risse.
Die Stoffbahnen, die von der Galerie herabhingen, waren an den Enden vergilbt. Hinter dem Empfangstisch blätterte die Farbe von einer Stuckrosette. Über dem Kassenfenster hing noch immer eine alte Holztafel mit den Eintrittspreisen für Schüler, Soldaten und „Mitglieder des Chestnut Boars Hockey Club“. Jemand hatte versucht, das Wort „Boars“ mit frischer Goldfarbe nachzuziehen; der Eberkopf daneben sah dadurch nicht erneuert, sondern noch zerfaserter aus.
Jennifer nahm ein Glas Glühgingerale von einem Tablett. Es duftete nach Ingwer, Zimt, Zitrone und der Sorte Optimismus, die Veranstalter kurz vor einem Abriss entwickeln.
„Auf das Haus?“, fragte die Kellnerin.
„Auf Häuser, die lange genug stehen, um Geheimnisse zu sammeln“, sagte Jennifer.
Die Kellnerin lächelte. „Dann sind Sie hier richtig.“
Das Foyer war gut gefüllt. Stadträte in dunklen Anzügen, Damen in Samt und Seide, ältere Herren mit Hockeynadeln am Revers, junge Sportler in zu steifen Jacketts. Überall funkelte etwas: Schmuck, Gläser, Eisdekor, Kamerablitze, falsche Heiterkeit. Auf einer Staffelei neben dem Empfang lag das Gala-Programm. Der Einband war dunkelblau, mit Silberprägung: Abschiedsgala der Chestnut Mountain Ice Hall. Darunter ein stilisierter Eber, der über eine gefrorene Kastanie sprang.
Jennifer nahm ein Exemplar, blätterte darin und ließ sich dabei so treiben, als suche sie nur nach der Reihenfolge der Reden. In Wahrheit las sie Programme wie andere Menschen Polizeiberichte lasen. Wer geehrt wurde, wer fehlte, wer plötzlich als Sponsor auftauchte, wer klein gedruckt war: Gesellschaft verriet sich in Fußnoten.
Auf Seite drei stand die Geschichte des Hauses.
1752 gegründet als Jesuitengymnasium St. Ignatius am Chestnut Mountain.
Jennifer blieb einen Moment daran hängen. Sie mochte alte Schulen, jedenfalls jene, die an den Wert von Sprache, Gewissen und einer ordentlichen Bibliothek glaubten. In der Randillustration war ein schmaler Gebäudeflügel mit Kapelle abgebildet, darunter ein lateinischer Spruch, dessen Druck so klein war, dass er eher Ehrgeiz als Information bewies.
Sie las weiter.
1812, nach der Unabhängigkeit der Vereinigten Staaten, säkularisiert und als staatliches Internat weitergeführt.
1889 Abriss des Internatsgebäudes; Errichtung einer Schlittschuhhalle auf den alten Fundamenten.
Letzte umfassende Renovierung: 1947.
Seit dem massiven Einbruch des Wintersporttourismus ab 1968 zunehmend Heimstätte und Trainingsort des lokalen Eishockeyvereins Chestnut Boars.
Jennifer hob den Blick.
Die Zahlen ordneten sich nicht wie brave Daten. Sie standen auf. 1752. 1812. 1889. 1947. 1968. Jede Zahl war eine Tür, und jede Tür führte in ein anderes Jahrhundert der Verdrängung. Jesuiten, Internat, Abriss, Nachkriegsrenovierung, Tourismusverlust, Hockeyverein. Eine Eishalle war selten nur eine Eishalle. Besonders dann nicht, wenn sie auf einem Internat stand, das auf einem religiösen Fundament gestanden hatte und nun mit Sponsorentischen, Kaviarhäppchen und Abrissplänen verabschiedet wurde.
„Frau Hart?“ Eine Frau mit perlgrauem Kleid und einem Namensschild trat neben sie. Eleanor Price, Gala-Komitee. Ihre Frisur war makellos, ihre Augen waren es nicht. „Wir freuen uns außerordentlich, dass Sie gekommen sind. Herr Hart begleitet Sie heute nicht?“
„Jonathan wird gleich da sein. Reporter haben ihn draußen abgefangen, aber mir war es zu kühl.“ Jennifer lächelte, als wäre das die ganze Wahrheit. „Er hat eine Schwäche für hoffnungslose Rettungsaktionen, deshalb hat er auch spontan unsere Beteiligung an der Gala zugesagt, obwohl wir eigentlich nur ein paar ruhige Tage im Chalet verbringen wollten.“
„Wie reizend.“
„Sie würden staunen, wie einsam das Häuschen ist, fast tausend Meter über Chestnut Mountain.“
Eleanor Price lachte eine Spur zu spät. „Nun, Häuschen für ein vierzig Zimmer Berghaus ist eine leichte Übertreibung. Umso mehr danken wir für die Unterstützung hier im Talboden: heute retten wir zwar nichts mehr. Heute verabschieden wir diese Fassung des Hauses und schaffen die Grundlage für das Demokratiesportzentrum.“
„Das ist ein optimistischer Ansatz.“
Das Quartett wechselte in ein Stück, das beinahe walzerhaft begann und dann in eine kühle, moderne Harmonie glitt. Jennifer nahm eine Ahornsirup-Tartelette. Die Füllung war ausgezeichnet, die Kruste etwas zu hart. Sie biss dennoch hinein, weil sie kein unhöflicher Gast sein wollte.
„Das Programm ist hübsch gemacht“, sagte sie. „Die Geschichte des Hauses ist faszinierend. Ein Jesuitengymnasium, ein Internat, dann eine Eishalle. Man könnte meinen, dieser Ort habe immer junge Menschen diszipliniert, nur die Schuhe wurden schmaler und die Stürze schneller.“
„Ein sehr poetischer Gedanke.“
„Ich versuche, poetisch zu bleiben, damit niemand langweilige Bilanzen erwähnt.“ Jennifer blätterte weiter. „Die Renovierung von 1947 muss erheblich gewesen sein.“
Eleanors Hand verharrte kurz an ihrer Perlenkette. „Oh, darüber wissen hier nur noch die Archive Bescheid. Nach dem Krieg wollte man den Ort wieder repräsentativ machen. Eisrevuen, Winterbälle, internationale Jugendturniere. Chestnut Mountain war damals ein Name.“
„Und 1968?“
„Der Anfang vom Ende. Flugreisen wurden günstiger, alpine Ressorts mondäner, die großen Familien fuhren anderswohin. Wir blieben mit einer sehr schönen Halle zurück, die sehr viel Heizung brauchte.“
„Schönheit und Heizkosten“, sagte Jennifer. „Ein altes Ehepaar.“
Eleanor lächelte wieder, doch diesmal ohne Vergnügen.
Jennifer schlug die Sponsorenseite auf. Logos in Silber, Gold und Dunkelgrün füllten den unteren Teil. Banken, Bauunternehmen, Sportstiftungen, ein Uhrmacher, zwei medizinische Institute. Auf den ersten Blick wirkte alles wie die übliche Mischung aus Geld, gutem Gewissen und Gelegenheit, den eigenen Namen auf ein Banner zu drucken.
Dann sah sie ein ganzseitiges Sponsorenblatt: Stifterkreis 1947 – Nordtisch. Daneben war ein Eberkopf dunkler und aggressiver gezeichnet als das moderne Emblem der Chestnut Boars.
Jennifer strich mit dem Daumen über das Papier. Die Silberfarbe blieb nicht an ihrem Handschuh haften. Frisch gedruckt, aber nach altem Vorbild gesetzt.
„Wie charmant“, sagte sie.
Eleanor folgte ihrem Blick. „Wir haben uns große Mühe gegeben, die historische Bedeutung und auch Formensprache der Halle soweit möglich zu bewahren. Der Nordtisch war früher der Ehrentisch der großen Förderer.“
„Früher?“
„Bis in die Sechziger, denke ich.“
„Und heute?“
„Heute sitzt dort nur noch unser Philanthrop, wie ihn hier alle nennen, der großzügige Dr. Walter Franklin.“
Eleanor Price’ Lächeln fror wie die Eisblumen an den oberen Fenstern, wo die warme Luft der altmodischen Heizkörper nichts mehr gegen die schlechte Isolierung ausrichten konnte.
„Darf ich Ihnen unseren Hauscocktail empfehlen? Mit reichlich Alkohol, natürlich nur für alle Nicht-Sportlerinnen und Erwachsene. Glühgingerale mit Kastanienbitter.“
„Warum nicht?“, sagte Jennifer. „Wenn die Getränke so alt wie die Farbe auf der Stuckrosette sind, wird es umso gesünder, je höherprozentig sie sind, oder?“
Für einen Augenblick flackerte über Eleanors Gesicht etwas, das teils Ärger und teils Kränkung war. Dann wurde sie von einem Stadtrat weggerufen, der sein Namensschild nicht finden konnte. Davor winkte sie einem der Kellner.
Jennifer blieb allein bei der Staffelei.
Sie nahm die Sitzordnung aus der goldenen Kordel, die sie am Pult hielt, und tat es mit der ruhigen Selbstverständlichkeit einer Frau, die auf fünf Kontinenten gelernt hatte, dass niemand eine Dame mit Platin-Collier sofort für gefährlich hielt.
Ein Kellner blieb neben ihr stehen. „Bitteschön, unser Haustrunk.“ Der halbstarke Kellner, der den Firmungsanzug seines Großvaters trug, grinste die elegante Dame schüchtern an: „Nur für Erwachsene, Sie wissen schon.“
„Oh wie schade.“ Sie nahm das Glas, warf ihr toupiertes Haar zurück und lächelte den Kellner mit ihrem charmantesten Lächeln an. „Dann konnten Sie ja gar nicht kosten, was Sie anderen servieren.“
Der Kellner stotterte: „Ja, Ma’am. Äh, nein, habe ich auch nicht. Aber unsere Schulköchin braut den Trank.“
„Schulköchin?“
Der Kellner senkte die Stimme. „Alberica Alkba. Sie hat schon in der Schulkantine gekocht, als meine Mutter noch ein kleines Mädchen war und zur Schule ging. Deshalb bin ich sicher, sie weiß, wie man gutes Glühgingerale macht.“
Vom Podest her stieg die Geige höher, und der Kronleuchter warf einen schwarzen Reflex über Jennifers Collier. In einem der Mondsteine sah sie nicht das Foyer, sondern Jilib: Wasser, das über dunklen Korallen stand.
Hier, in Chestnut Mountain, roch alles nach Holzpolitur, Ingwer und nassem Pelz. Doch unter diesem Geruch lag etwas Älteres. Staub aus Klassenräumen. Öl aus Heizungsrohren. Kaltes Metall. Vielleicht sogar das, was übrig blieb, wenn Institutionen zu oft ihre Namen wechselten und ihre Fundamente nie beichteten.
Jennifer schloss das Programm.
Auf dem Einband sprang der silberne Eber immer noch über die gefrorene Kastanie.
„Na schön“, sagte sie leise. „Dann sehen wir uns doch einmal an, wer heute Abend was nicht geliefert hat.“
Sie drehte sich vom Empfangspult weg, hob ihr Glas in Richtung des Kronleuchters und schenkte dem ganzen Foyer ein Lächeln, das warm genug war, um niemanden zu warnen.
Genau darin lag seine Gefahr.

Please Login in order to comment!
Apr 8, 2026 09:09

Your story feels imaginative and ambitious, especially with how it blends different elements into one cohesive crossover world. What inspired you to combine these particular worlds/characters together, and how do you decide which elements take priority in the story?

Apr 8, 2026 16:08 by Racussa

Dear Moonmere! Thank you so much for your encouraging words. There are a few series that have enriched my life in the most positive way, and I’d like to pay a small tribute to them through these 13 episodes. The story “Ice, Blood, and Old Scores” is already finished, and I’m trying to upload one more scene every day. The combination of Hart to Hart, The X-Files, and Heated Rivalry is bold, but I thought it was a fun idea. I’m mixing the series together using a random generator. Thanks, Racussa

The world is not enough.