Kadett Felinger hatte mit den übrigen Kadetten die Eishalle verlassen, um sich draußen im Foyer auf eine artifizielle Fechtkunstfortführung vorzubereiten. Der Sprecher hatte endlich begriffen, dass jetzt Pathmospathos verlangt wurde.
Man sah es daran, wie er einen halben Schritt zurücktrat, das Programmheft mit beiden Händen hielt und den Blick in die Halle warf, als wäre er selbst nicht ganz sicher, ob er der richtigen Zeremonie die Stimme lieh. Die Eishalle lag hell vor ihm, blauweiß, glänzend, überfüllt mit Atem, Fahnen, Kameras und Erwartung. Die Ränge rauschten noch vom eben beendeten Finale. Auf der Anzeigetafel standen die Platzierungen wie ein Urteil:
Sowjetunion. Frankreich. Osmanisches Reich. Vereinigtes Königreich. Japan.
Das Eis hatte entschieden. Nicht der Philanthrop, nicht die Gala, nicht die Stiftertafeln im Foyer.
Das Eis.
Walter Franklin stand mit dem schweren Pokal in beiden Händen am Rand der Fläche, die Fingerspitzen blau. Das Silber fing das Licht so kalt ein, als hätte es mit Wärme nie etwas zu tun gehabt. Die geschnitzten Eberköpfe am Sockel wirkten im Scheinwerferlicht fast lebendig, dunkeläugig, starr und alt.
Jennifer nickte Franklin zu.
Er nickte zurück.
Es war ein gutes Nicken. Gemessen. Würdevoll. Öffentlich verwendbar.
Nur sein Mund war zu schmal.
Ilya Rozanow trat vor, weder demütig, noch siegestrunken. Einfach mit jener aufrechten Sparsamkeit eines Mannes, der nicht vorhatte, aus einer Auszeichnung eine Persönlichkeit zu machen. Seine Mannschaft stand hinter ihm, rot, erschöpft, stolz und noch zu jung, um vollständig zu begreifen, wie viel Gewicht Erwachsene auf einen Pokal legen konnten.
Luc Moreau stand etwas seitlich bei den Franzosen. Sein Gesicht war beherrscht, aber blass. Cemil Arslan wartete auf der anderen Seite bei seinem osmanischen Team, ruhig, aufmerksam, mit einer Stille, die mehr verriet als jedes nervöse Umhertreten. Shane Hollander blieb mit den Briten einige Meter entfernt.
Nicht nah genug, um zur Szene zu gehören.
Nicht weit genug, um nicht schon darin verstrickt zu sein.
Der Sprecher räusperte sich.
„Meine Damen und Herren, verehrte Gäste, geschätzte Mannschaften. Wir kommen nun zum feierlichen Höhepunkt dieses internationalen Abschlussgalaspiels zugunsten des zukünftigen Sportzentrums für internationale Demokratiebildung.“
Das Mikrophon knackte.
Der Sprecher lächelte entschuldigend, als könne man Technik durch Anstand retten.
„Dr. Walter Franklin wird nun den Chestnut Mountain Founders’ Cup an die siegreiche Mannschaft überreichen.“
Applaus setzte ein. Die Art Applaus, die noch nicht weiß, ob sie später in Erinnerungen oder Protokollen landen wird.
Franklin hob das Mikrophon nicht selbst. Ein Helfer hielt es ihm hin. Das war klug; der Pokal brauchte beide Hände. Erst jetzt sah man, wie schwer er wirklich war. Franklin musste den Griff neu fassen, die linke Hand minimal nachziehen, dann folgte ein zu kleines Nachgreifen, dann ein zu echter Moment.
Dana stand am Rand der Eisfläche. Fox neben ihr wirkte auf den ersten Blick beiläufig. Auf den zweiten stand er so, dass er die Gesichter der Zuschauer und nicht nur die Zeremonie sehen konnte.
Franklins Stimme füllte die Halle.
„Es ist mir eine Freude, diesen Pokal in einer Halle zu überreichen, die siebzig Jahre lang für Ausdauer, Disziplin und—“
Jonathan schloss kurz die Augen.
„Da ist es“, sagte er leise.
Jennifer warf ihm nicht einmal einen Blick zu. Ihre Aufmerksamkeit lag vollständig auf dem Ablauf.
Franklin fuhr fort: „—und für die Hoffnung stand, dass junge Männer aus Talent eine Zukunft formen können, wenn man ihnen Gelegenheit dazu gibt und nicht als Greis im Weg steht.“
Fox sah nicht auf den alten Mann.
Er sah auf die, die ihn ansahen.
Luc wirkte nicht bewegt.
Cemil nicht versöhnt.
Shane nicht entspannt.
Ilya nicht geehrt.
Danas Augen lagen auf Franklins Händen.
Der Philanthrop wandte sich Ilya zu. „An den Kapitän der siegreichen sowjetischen Mannschaft. Herr Rozanow.“
Ilya machte den letzten Schritt nach vorn.
Die Halle wurde stiller, obwohl niemand ausdrücklich dazu aufgefordert hatte.
Franklin hob den Pokal an.
Seine Finger rutschten kaum sichtbar.
Danas Blick wurde schärfer.
„Etwas ist noch seltsamer geworden“, sagte sie. „Zittert er vor Kälte?“
Fox folgte sofort ihrem Blick.
Ilya streckte die Hände aus, um den Pokal zu übernehmen.
Franklin beugte sich dabei leicht vor. Sein Lächeln blieb in der Halle, aber seine Stimme senkte sich, so dass nur die Kapitäne in unmittelbarer Nähe ihn hören konnten.
„Irgendwie sind alle Nachwuchseishockeyspieler wie Söhne für mich“, sagte er leise. „Doch hier: ein Pokal für einen vertrauten Namen. Und für die Sowjetunion.“
Ilya reagierte nicht sichtbar.
Nur seine Fingerspitzen griffen einen Hauch fester um den Henkel.
Shane, einige Schritte entfernt, wurde sehr still.
Dann geschah es: ein falscher Takt in einer Bewegung, die bis dahin öffentlich, geordnet und bedeutungsschwer gewesen war. Franklin verzog das Gesicht. Es war nicht Schmerz allein. Eher Überraschung darüber, dass der eigene Körper plötzlich nicht mehr der letzte treue Angestellte war.
Seine linke Hand löste sich vom Pokal.
Nicht ganz freiwillig.
Sie gehorchte einfach nicht mehr.
Das Gewicht kippte.
Ilya reagierte sofort. Er fing das Silber ab, bevor es ihm gegen die Brust oder auf das Eis schlagen konnte. Der Pokal riss an seinen Armen, schwer und kalt. Die Eberköpfe blitzten auf.
Im selben Moment sackte Franklin nach vorn. Ein dumpfer Laut ging durch die Menge. Das Mikrophon kippte. Jemand rief etwas. Ein Stuhl scharrte. Das Licht blieb zu blau.
Franklin fiel nicht sofort ganz zu Boden, weil Shane instinktiv vortrat und mit dem freien Arm nach ihm griff. Aber der Halt reichte nicht. Der ältere Mann glitt seitlich weg, die Schulter traf zuerst das Eis, dann der Kopf.
Für einen Sekundenbruchteil bewegte sich niemand.
Dann alle.
„Zurück!“, rief Jennifer. „Ein Arzt! Schnell, ein Arzt!“
Jonathan trat bereits vor. „Gebt ihm Platz!“
Dana war in Bewegung, bevor der zweite Ruf verklungen war. „Mulder! Alle zur Seite. Ich bin Ärztin.“
Sie holte ihren Ausweis aus der Manteltasche, aber der Turnierarzt war schneller auf dem Eis, zog unbemerkt den Teppich zur Seite, sodass Dana stolperte und unsanft auf die Eisfläche prallte. Der japanische Kapitän eilte sofort zu ihr, um ihr aufzuhelfen. Währenddessen war der turnierarzt schon bei Franklin angekommen und öffnete seine Tasche.
Viel zu schnell, dachte Fox.
„Autsch“, dachte Dana, die sich nicht erklären konnte, warum sie hier vor allen Zuschauern ausgerutscht war. Sie schon es auf ihre Schuhe mit den niedrigen Absätzen, die sie immer zum Autofahren anzog. Zuschauer beugten sich vor. Photographen hoben Kameras. Spieler standen starr.
Ilya stand noch mit dem Pokal in der Hand.
Für einen entsetzlichen Augenblick sah es aus, als sei er mit dem falschen Gegenstand im Zentrum der falschen Katastrophe erstarrt.
Dann stellte er das schwere Silber abrupt auf dem Eis ab. Fast zu hart. Der Klang fuhr durch die Halle wie ein Hieb gegen Metall.
Er kniete sich hin.
Der Turnierarzt ging mit geübter Sicherheit auf die Knie, tastete an Franklins Hals, öffnete sein Jackett und sprach schon, bevor jemand ihm eine Frage gestellt hatte.
„Ich bin der Turnierarzt! Zurücktreten! Geben Sie ihm Luft! Sanitäter, zu mir!“
Dana war im nächsten Augenblick neben ihm.
„Ich bin ebenfalls Ärztin. FBI. Dana Scully.“
Der Turnierarzt sah sie an, gereizt, dass jemand seine Bühne betreten hatte.
„Dann sehen Sie selbst, Frau Kollegin. Akuter Kollaps. Vermutlich kardial. Ich wollte gerade den Puls messen.“
Dana kniete sich auf die andere Seite. „Seit wann vermuten wir schon, bevor wir messen?“
Sie tastete den Puls, prüfte Lippen, Augen, Hautfarbe, Atmung und die Handstellung. Alles gelang in Sekunden. Franklin atmete noch, flach, unregelmäßig und falsch.
Ilya war inzwischen einen halben Schritt zurückgewichen, aber nicht genug. Seine rechte Hand lag noch auf dem Eis, als müsse er sich bewusst machen, dass sie leer war. Shane stand am Rand des kleinen Kreises, die Schultern hart, zu aufmerksam, als achte er auf etwas anderes als nur auf den Gestürzten.
Luc und Cemil kamen nicht näher.
Auch das fiel auf.
Luc blieb stehen, das Gesicht beherrscht und sehr weiß. Cemil ebenfalls, nur dass seine Beherrschung wirkte, als habe jemand sie ihm eingestaubt und dann den Schlüssel in den Wunschbrunnen geworfen.
Jennifer begann am Rand der Szene bereits mit kaum sichtbaren Handzeichen, die Stipendiaten zurückzuziehen und die Helfer neu zu ordnen. Jonathan sprach gleichzeitig mit einem Sicherheitsmann und einem Lokalpolitiker, damit keiner von beiden auf die Idee kam, selbst wichtig zu werden.
„Wo bleiben die Sanitäter mit der Trage?“, rief der Turnierarzt. „Jetzt!“
Ein Helfer rannte los.
Dana sah auf Franklins Hand. Am Innenballen, dort, wo eben noch der Griff des Pokals gelegen hatte, zeigte sich eine leichte, fleckige Reizung. Die Fingerspitzen waren nun tiefblau.
„Wie lange war er vor der Zeremonie allein?“, fragte sie.
Der Arzt sah sie nicht an. „Dr. Scully, woher soll ich das wissen? Wir müssen ihn retten. Nicht später. Jetzt.“
„Genau jetzt.“
Franklin riss die Augen halb auf, genug, dass ein Rest Bewusstsein noch durchkam.
Sein Blick irrte nicht durch die Halle. Er sprang nicht in die Menge. Er ging in einer eigentümlich präzisen kleinen Bewegung zuerst zum Arzt, dann zu Ilya. Erst danach schaute er an ihm vorbei weiter zu Shane, wo er einen Schlag zu lange verweilte.
Der Turnierarzt beugte sich tiefer hinunter. „Walter? Hören Sie mich?“
Keine Antwort.
Dana kontrollierte erneut die Halsschlagader. „Er braucht sofort Atropin, Gonadotropin und ein Purgativum. Haben Sie einen Notfallkoffer mit Ampullen?“
„Wollen Sie ihn umbringen? Ich bin der Turnierarzt und entscheide über die Medikation.“
„Dann entscheiden Sie schneller!“
Der Helfer kam mit der Trage. Zwei weitere Sanitäter folgten, sichtbar erschrocken und zu jung für einen Notfall unter internationaler Beobachtung.
Fox stand nun so, dass die neugierigen Gäste den Kreis nicht schließen konnten. Ein Photograph versuchte trotzdem, sich vorzuschieben. Jonathan nahm ihm die Kamera nicht weg. Er legte ihm nur so bestimmt die Hand auf den Unterarm, dass es denselben Effekt hatte.
„Nein“, sagte Jonathan.
Der Mann gehorchte.
Jennifer trat an den Sprecher, der noch immer mit dem Mikrophon in der Hand an seinem Pult stand wie ein verlassener Zeremonienmeister. Sie nahm ihm das Gerät aus den Fingern.
„Meine Damen und Herren“, sagte sie, „bitte bleiben Sie ruhig. Es gibt einen medizinischen Notfall. Das Programm ist unterbrochen. Begeben Sie sich geordnet in das Foyer und warten Sie dort! Das Buffet wird Sie ablenken.“
Ihre Stimme war nicht laut. Die Halle gehorchte ihr sofort besser als dem Chaos.
Auf dem Eis wurde Franklin auf die Trage gehoben.
In dem Moment, als sein Arm angehoben wurde, streifte seine Hand für eine Sekunde den Rand des Pokals.
Der Turnierarzt richtete sich auf. „In meinen medizinischen Raum. Sofort!“
Dana stand ebenfalls auf. „Ich komme mit.“
Der Arzt machte eine einladende Bewegung, die wie Zustimmung aussah und nach Widerstand roch.
Die Trage setzte sich in Bewegung.
Ilya blieb zurück, einen Schritt vor der russischen Linie, das Gesicht wieder kalt, aber nur von außen. Shane stand auf der anderen Seite wie festgenagelt, ohne die Briten wirklich noch wahrzunehmen.
Für einen Augenblick sahen die beiden einander an, lang genug, dass schon jetzt klar war: Der Sturz dieses Mannes würde nicht nur in Moskau und London für Probleme sorgen.
Fox sah ihnen nach, dann zum Arzt, dann zu Dana an der Trage.
„Scully?“
Sie drehte den Kopf nicht, antwortete aber.
„Es könnte eine Erkrankung sein. Ich muss ihn untersuchen.“
Jennifer trat an Fox’ Seite. Jonathan kam auf der anderen hinzu.
Vor ihnen leerte sich das Eis langsam, aber die Atmosphäre nicht. Die Halle blieb still in jener falschen Weise, in der Gebäude nach Katastrophen nicht leer, sondern berauschend wirken.
Jonathan sah zur Seitentür, durch die die Trage verschwand. „Das war kein gutes Ende für eine Preisverleihung. Wenn Dr. Scully für das FBI arbeitet, für wen arbeiten Sie?“
Fox blickte über die Fläche. „Dieselbe Firma. Agent Fox Mulder. Und falls wir Zeugen brauchen, wird die Polizei alle Gäste in eine Liste eintragen müssen.“
Jennifer sah auf den Pokal, der noch immer auf dem Eis stand, verlassen und übergroß.
„War es kein Herzinfarkt? Wozu Polizei?“ Sie hielt einen Moment inne. „Ich fürchte, es war auch nicht der Anfang eines einfachen medizinischen Zwischenfalls.“
Fox sah zu ihr hinüber.
„Ich mag Ihre Art, vorsichtig zu formulieren.“
Jennifer lächelte nicht.
„Dann warten Sie ab, bis ich unvorsichtig werde.“
Die Trage verschwand durch die Seitentür.
Auf dem Eis blieb für einen Moment nur der Pokal zurück.
Dann nahm ein Helfer ihn an sich, als wäre Silber leichter zu ordnen als Menschen.


